Stoffliches und Feinstoffliches


Ist Blau nicht die Farbe der Treue? – Blau, die Farbe des Himmels und des Meeres (manchmal). Blau, die Farbe der Innerlichkeit, der Melancholie, der Romantik – Blaue Stunde, Blaue Blume und so fort, na, Sie wissen schon... Blau, die Farbe der Poesie schlechthin. Und blau ist auch der Kaftan im schönen Film der marokkanischen Regisseurin und Schauspielerin Maryam Touzani, der am Festival von Cannes in den Kategorien «Un certain regard» und «Queer Palm» ausgezeichnet und auch am Zurich Film Festival gezeigt wurde. Der Filmtitel lautet jedoch nicht einfach «Der blaue Kaftan», sondern bedeutungsvoller: «Das Blau des Kaftans» – um einiges poetischer! Und sehr wohl dem Gehalt des Films entsprechend.

Dabei lässt sich der gradlinige Plot in ein paar Sätzen erzählen: Mina und Halim, seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet, führen in der Medina von Salé, einer marokkanischen Stadt am Atlantik, eine kleine Familienschneiderei. Sie, Mina, ist eine selbstbestimmte, selbstbewusste Frau. Sie trägt keinen Hijab, nicht einmal ein Kopftuch. Sie kümmert sich um die Kundschaft, verhandelt mit Lieferanten, kann durchaus recht schroff werden, wenn jemand den Preis oder die langen Lieferfristen moniert. Schliesslich ist ihr Mann, der Schneider Halim, kein Fliessbandarbeiter, sondern ein Künstler, der das vom Vater tradierte Handwerk buchstäblich von Hand weiterpflegt. Seine Gewänder, so Halims Devise, sollen von der Mutter auf die Tochter übergehen, sie sollen die Zeit überdauern. In stundenlanger Feinarbeit entstehen unter seinen geschickten Händen die feinen Stickereien mit Goldfäden an Halsausschnitt und Ärmelsaum der aus fliessender, schillernder Seide gefertigten Kaftane. Halim ist das Gegenteil seiner Frau, wortkarg, introvertiert, am liebsten sitzt er mit gebeugtem Rücken über seinen gestichelten Tüfteleien. Allerdings lastet seit geraumer Zeit eine Doppelbelastung auf ihm, denn Mina ist krank – so krank, dass der herbeizitierte Arzt ihr nur noch wenige Lebenswochen einräumt. Zwar versucht die tapfere Frau, ihrem Mann weiterhin den Rücken freizuhalten und mit Ironie und aufgesetzter Munterkeit ihre Krankheit runterzuspielen. Er, im Gegenzug, umsorgt sie rührend, bringt ihr frische Mandarinen mit.

Um die Nachfrage zu befriedigen, muss man einen Gehilfen einstellen. Youssef heisst der junge Mann, der sich als äusserst gelehriger und anstelliger Lehrling erweist. Behutsam und geduldig führt Halim den Assistenten, der sein Sohn sein könnte, ins Metier ein; er führt ihm die Hand mit der Nadel, wenn es mit den exakten Stichen noch nicht so ganz klappen will. Doch der gestandene Berufsmann ist zunehmend verunsichert, als er sich eingestehen muss, dass er gegenüber Youssef mehr als lehrmeisterliche Gefühle empfindet. Als dieser ihm eines Tages unverhohlen seine Zuneigung, ja Liebe gesteht, reagiert er rüde, fast panisch, obwohl es nie zu mehr als flüchtigen Berührungen kommt. Auch Mina scheint zu ahnen, was sich da entwickelt. Sie erkundigt sich nach den Fortschritten des Gehilfen und erhält ausweichende, unverbindliche Auskünfte. In einer Art verzweifeltem Selbstschutz versucht sie, Youssef zu diskreditieren, indem sie ein Stück rosafarbener Seide verschwinden lässt, um ihn des Diebstahls zu bezichtigen. Youssef wird schliesslich aus dem Atelier verbannt, das Geschäft zeitweilig geschlossen. Minas Krebserkrankung schreitet fort, sie kann das Haus nicht mehr verlassen. Auf ihrem Sterbelager kommt es endlich zur Sprache, das über Jahre vor der gesellschaftlichen Intoleranz gehütete und wohl auch der eigenen Unfreiheit gegenüber nicht eingestandene Geheimnis: Halims über Jahrzehnte unterdrückte homosexuelle Neigung. Mina ist sich der inneren Not ihres Mannes bewusst – offenbleibt, ob sie es schon länger wusste. Jedenfalls bestärkt sie ihn, diesen, seinen Weg, den er bald allein wird gehen müssen, weiter zu folgen – vielleicht mit Youssef, den sie um Verzeihung für ihre Verleumdung bittet. Ohne es auszusprechen, unterstützt sie die Beziehung der beiden Männer, wenn sie nicht mehr da sein wird; die Liebe soll nicht mit ihr sterben.

Mina stirbt. Zuvor aber kann sie den kostbaren blauen Kaftan noch bewundern, der endlich fertig geworden ist. Ein solch edles Gewand hätte sie sich auch für ihre Hochzeit gewünscht, damals... Eigentlich hätte der Kaftan längst ausgeliefert werden müssen, doch Halim hat ihn, einer inneren Regung folgend, zurückbehalten. Jetzt, nachdem die muslimischen Klageweiber ihre rituelle Arbeit getan, den Leichnam gewaschen und in das weisse Leichentuch eingebunden haben, befreit Halim mit Youssefs Hilfe die Tote von den traditionellen Tüchern und bekleidet sie mit dem kostbaren Kaftan. Gemeinsam tragen die beiden Männer den Leichnam unter den zeremoniellen Klagegesängen durch die verwinkelten Gassen der Altstadt hinunter zum Friedhof am Ufer des Atlantiks. Das einzige Mal, wo die Kamera die Totale einfängt, den weiten Horizont...


Eine unspektakuläre Geschichte, die sich vielleicht sogar etwas rührselig anhört. Dass sie jedoch nicht so rüberkommt, ist das Verdienst der behutsamen Regiearbeit und der ruhigen, unaufgeregten Kameraführung (Virginie Surdej), die häufig ganz nahe heranzoomt und so die Intimität und den kammermusikalischen Charakter des Films betont. Vor allem aber ist es der grossartigen Leistung der drei Protagonisten zu verdanken, die jegliche Sentimentalität und Larmoyanz grandios umschiffen. Lubna Azabal gibt eine herbe, unzimperliche Mina, vom Tod gezeichnet, und doch völlig wach, lebensklug und empfindsam. Saleh Bakri als Halim überzeugt in der Rolle des etwas verschlossenen und doch hochsensiblen «Kunstschneiders», dessen Sinnlichkeit in den edlen Stoffen, den intensiven Farben, den bezaubernden Ornamenten zum Ausdruck kommt. Ayoub Missioui gibt den zurückhaltenden Youssef mit menschlicher Wärme und Empathie. Ein spezieller Zauber geht vom sehr spärlichen arabisch gesprochenen Text aus.

Das Dreipersonen-Stück, das den Fokus ganz auf deren wechselseitige Beziehung und deren Gefühle ­– die tatsächlichen, die verdrängten, die erhofften – legt, spielt sich zum grössten Teil zwischen der kleinen Wohnung des Paars und dem fast noch kleineren Schneideratelier ab. Nur ein paar wenige, dafür umso bedeutsamere Szenen zeigen die nähere Umgebung und illustrieren so das urbane Leben – etwa mit Halims Hammam-Besuchen, wo Körperlichkeit in heissen Dämpfen und Reinigungsritualen sublimiert wird. Mit schepperndem Afro-Pop aus einem Ghettoblaster, der durch die engen Gassen dröhnt und massive Proteste einer Bewohnerin hervorruft. Oder mit einem Marktbesuch des Paars, wo sich Mina im Umgang mit den Händlern als dezidierte Kundin erweist. Ein fast heiteres Schlaglicht bildet sodann der Besuch des Paars in einem Café, wo sich Mina souverän zwischen die ausschliesslich männlichen Gäste setzt und genüsslich für etwas Irritation sorgt. Und schliesslich manifestiert sich auch die staatliche Willkür: Beim Nachhauseweg werden die beiden von einer Polizeikontrolle angehalten, und natürlich tragen sie weder Ausweis noch Eheschein bei sich; die Episode verläuft zum Glück glimpflich.

Auf derart sublime Art zeigt der Film die Parallelwelten, die das Leben in der maghrebinisch-muslimischen Kultur bestimmen. Unpolemisch, aber deutlich illustriert er das Spannungsfeld, dem die traditionell geprägte Gemeinschaft wie auch das einzelne Individuum ausgesetzt sind – faszinierend, mitunter bedrohlich. Mit ihrem Film ist der 1980 in Tanger geborenen Filmemacherin, die in London studierte, ein intensives Werk gelungen, das mehr als nur das Beziehungsdrama dreier Menschen zum Thema hat, sondern ebenso eine Art Befindlichkeitsstudie der heutigen marokkanischen Gesellschaft darstellt. Gewiss kein singuläres cineastisches Meisterwerk, aber eine bittersüsse, stille, wohltuend entschleunigte und doch packende Erzählung mit starken Bildern, getragen von Magie – und der Lauterkeit des wunderbaren Blaus.

Bilder: Filmstills

Portrait Maryam Touzani (© Valery Hache)

28.10. 2022

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