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Geht auf (k)eine Kuhhaut

  • Autorenbild: Bruno Rauch
    Bruno Rauch
  • 23. Sept.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Okt.

Weder textlich noch inhaltlich etwas für Zartbesaitete. Und schon gar nicht für Vegetarier. Allenfalls für solche, die es werden wollen.

 

Das Stück, das die neuen Ko-Intendanten des Schauspielhauses Zürich, Pinar Karabulut und Rafael Sanchez (er ist auch für die Regie verantwortlich) als Uraufführung und Premiere zum Saisonstart aufs Programm gesetzt haben, spielt nämlich – vorab im zweiten Teil – in einem Schlachthaus. Es geht ums Metzgen und Töten. Es geht um Fleischkonsum, Nutztierhaltung, Milchschwemme und weißes Kalbfleisch, aber auch um gesellschaftspolitische Aspekte wie das Bewahren von Traditionen in einer (un)heilen Welt, um Gastarbeiter und Fremdenfeindlichkeit… Um Rückständigkeit, Fortschritt, Stillstand…

 

«Uhüere komplex, där Schtoff», könnte Karin Pfammatter als Grossmutter auf dem Knuchelhof mit Recht in echtem Wallisertitsch geifern. Doch wenn Blösch wie jedes Mal wieder «nur» ein Muneli gekalbt hat, sagt sie «Herrjeminee». Und Michael Neuenschwander, der Knuchelbauer, tut seinem Ärger in urchigem Bärndütsch mit «Himmelheilanddonner» kund.

 

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So also klingt’s auf dem Knuchelhof in Innerwald, einem imaginären Dorf auf dem Langen Berg, irgendwo im bernischen Voralpengebiet. Und Blösch ist die mächtigste, prächtigste, trächtigste Kuh im Stall des Knuchel Hans; ein Prachtsvieh mit durchgängig rotbraunem Fell, telegant geschwungenen Hörnern, tadellosem Euter und entsprechender Milchleistung – der Stolz ihres Besitzers, aber eben: immer nur Stierenkälber! Mit eigensinnigem Stolz weigert sich Knuchel, eine Melkmaschine anzuschaffen; künstliche Besamung, automatische Tränkanlage, Futterzusatz kommen ihm nicht auf den Hof, denn: «Mir si hie nid z Amerika!» Immerhin, einen Spanier stellt er ein. Und dieser Ambrosio Velázquez aus Coruña erweist sich als gelehriger, anstelliger Gehilfe nicht nur beim Melken. Brav schickt er monatlich die verdienten Franken nach Spanien zu seiner Frau und den drei Buben. Die paar einschlägigen Ausdrücke und Flüche, vor allem auch das breitbeinige, vielsagende Schweigen, die Hände in den Hosentaschen, hat er bald einmal kapiert. Mit den Kühen kann er’s gut, besonders mit der schönen Blösch.


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Kumpel und Schicksalsgenosse beim Heimweh ist ihm Collega Luigi aus Lecce, der auf dem benachbarten Bodenhof angestellt ist. Doch zunehmend nörgelt der Käser über die Qualität der Milch, weil der Tschingg und der Spaniöggel es anscheinend an der nötigen Sauberkeit fehlen lassen… Und als es dann im «Ochsen» nach etlichen Bieren oder Kafi fertig zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen den fremden Fötzeln und den Hiesigen kommt, muss Ambrosio den Knuchelhof verlassen und heuert im Schlachthof der nahegelegenen Stadt an: Jetzt weiße Gummistiefel, weiße Gummischürze, weißes Käppi statt der feldgrünen Kluft aus währschaftem Drilch für die Stallarbeit, die ihm Bauer Knuchel extra im genossenschaftlichen Landi gekauft hat. Für Franken 63.20!


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Dort, Im Schachthof, trifft Ambrosio nach sieben Jahren wieder auf Blösch. Er erkennt sie sofort, die ehemalige Zierde des Knuchelhofs, doch jetzt nurmehr eine erbärmliche Kreatur, unterwürfig, ausgelaugt, ausgebeutet… An jenem Dienstmorgen an der Schlachtbank erkennt Ambrosio sich selbst in Blösch. – Er verlässt das reinliche, wohlhabende Land…

 

Erfunden, aber beinhart an der Realität der 1960er Jahre bleibend, hat diese sehr helvetische «Güllener» Idylle Beat Sterchi in seinem 1983 erschienenen Roman «Blösch». Der gebürtige Berner Sterchi machte eine Lehre als Metzger; weiß also, wovon er berichtet. Später lebte, studierte und arbeitete er viele Jahre als Lehrer und Schriftsteller in Übersee – Kanada und Honduras – sowie in Valencia, was zweifellos den Blick von außen geschärft hat. Heute wohnt er in Bern, verbringt aber die Sommer gern in seinem spanischen Haus mit Garten, wovon sein letztes Buch «Capricho» (2021) handelt (eine Leseempfehlung!)

 

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Beat Sterchi (*1949) – © Bild: Sterchi – Website Mike Müller (*1963) – © Bild: Silas Zindel


Nun hat der Volksschauspieler Mike Müller, bekannt aus Fernsehen und Zirkus, den Stoff, den Sterchi auf 430 Seiten ausbreitet und entwickelt, in eine gut dreistündige Theaterfassung gezwängt und in Mundart unterschiedlichster Couleur übersetzt, lustvoll gewürzt mit knackig-derb-unverblümten Kraftausdrücken (was auch den Schauspielern sichtlich Spaß macht). Müllers Sensorium für sprachliche Pirouetten manifestiert sich unter anderem in herrlichen Helvetismen wie «Es Caffé numti scho, we’s eis gubti…» Mitunter wird allerdings etwas gar dick aufgetragen, mitunter sprachliche Marotten und abgegriffene Redewendungen etwas überstrapaziert – halt dem Volk geradewegs aufs Maul geschaut, wie es Müller ebenfalls in seinen Einmann-Vielpersonen-Stücken virtuos zelebriert. Und – auch jetzt wieder – fürs Gaudi sorgt.

 

Im Gegensatz zur literarischen Vorlage, die den gewaltigen Stoff zu einer dichten Szenenfolge mit häufig wechselnden Erzählperspektiven und Zeitebenen verschränkt und parallel schichtet, schuf Autor Müller zwei getrennte Akte von sehr unterschiedlichem Setting und emotionalem Gehalt, um die komplexe Romanstruktur für die Bühne tauglich zu machen. Als neues Ensemblemitglied am Pfauen prägt er auch die Aufführung mit seiner schauspielerischen und physischen Präsenz.

 

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Bauernschwank

Bühnenbildner Simeon Meier hat dazu zwei verschiedenen Szenerien kreiert: Für den ersten Teil mit dem Titel «Bauerntheater» baute er nahe an der Bühnenrampe ein schmuckes Chalet mit Schindeldach, dessen sich hebende Fassade den Blick in die knuchelsche Stube oder die Gaststube des «Ochsen» freigibt; seitlich und im Hintergrund grünen die Hügel, blaut der Himmel – man wähnt sich in einem Volkstheater im Säli eines Landgasthofs. Sogar ein Sennenhund trottet über die Bühne, nein, er trippelt, denn es ist nur ein Miniaturköter, aber dafür echt und absolut theatertauglich: Kein Wunder, ist es doch Müllers Parson Russel Terrier namens Pesche. Dann gruppiert sich auch noch das Ensemble, teilweise in stilechten Berner Trachten, malerisch für einen alpsegnenden Jodel vor dem Chalet (Kostüme: Ursula Leuenberger).

 

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Rustikaler geht’s kaum. Und schauspielerisch belebt wird der Bühnen-Ballenberg von einem durchwegs exzellenten Ensemble. Michael Neuenschwander als senkrechter bärtiger Bauer Knuchel, der immer den passenden Fluch auf den Lippen hat, aber auch trotzig schweigen kann. Rahel Hubacher als eigentlich gmögige Bäuerin kann ihrem sturen Mann schon mal gehörig die Leviten lesen – und dafür spontanen Applaus ernten, nicht von ihm, aber vom amüsierten Publikum. Karin Pfammatter als Grossmutter darf, wie bereits erwähnt, im angestammten Walliser Dialekt granteln, ihr wäre eine Melkmaschine lieber als so ein Fremder, «wo nume Schpanisch verschteit» und zudem in «Riemlischueh» – in Sandalen!! – daherkommt. Alexander Angeletta gibt diesen Ambrosio mit vorsichtiger Zurückhaltung, während Mouataz Alshaltouh als schwadronierender Luigi agiert: «Bäzziwasser gruusig, Grappa mmh!» Florian Voigt als schmieriger Gemeindeammann und Matthias Neukirch als schwäbelnder Verwalter ergänzen das gut schweizerische Panoptikum. Und dann ist da noch Mirjam Rast als reizende und aufreizende Blösch, die als Leitkuh natürlich den Solopart beim Jodeln übernimmt, mit einem französischen Chanson wie eine preisgekrönte Reine Vache performt und später auch noch die Rolle des unzimperlichen Störmetzgers Überländer übernimmt. Fast alle schlüpfen zudem bei Bedarf in die Rollen der Knuchel-Kühe, Bäbe, Fleck, Meye, Flora, Spiegel und wie sie alle heißen; sie mampfen, käuen wieder, drängeln sich in den Melkstand.


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Sie tanzen schon mal einen Tango de vacas und freuen sich, wenn die Zeit reif ist, auf … den Stier. Ist auch tatsächlich ein Prachtexemplar, dieser Pestalozzi, wie er heißt. Sein Auftritt ist ein darstellerisches stummes Kabinettstück für Mike Müller, der zuvor als Viehhändler Schindler über die sinkenden Fleischpreise lamentiert hat, jetzt jedoch als Zuchtbulle mit würdiger Fülle und stumpfem Blick kläglich versagt, sich einfach nicht zu seiner eigentlichen Aufgabe aufraffen mag, selbst angesichts der stierigen Blösch. Da muss man halt doch wieder auf den bewährten Gotthelf (aka Neukirch) zurückgreifen, der seine Sache (hinter dem Vorhang selbstverständlich!) tipptopp macht, wie Blösch anschließend berichtet. Solche und viele weitere Szenen sind lustig und unterhaltsam – aber auch etwas harmlos. Der doppelte Boden, gezimmert aus ironischer Distanz und kritischem Hinterfragen, teilt sich nur ansatzweise mit. Die Optik des Gastarbeiters auf den schweizerischen Alltag bleibt vage.

 

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Tödlicher Kuhreihen

Tiefgründiger soll es dagegen nach der Pause im 2. Akt werden, der überschrieben ist mit «Schlachttheater». Die Bühne ist jetzt mit roten Stoffbahnen ausgekleidet, ein klaustrophobischer Raum, vielleicht das Innere eines Rindermagens. Hier nun werkelt die weiß gummierte Belegschaft, später mit Blut besudelt, nach streng verteilten Aufgaben, die der Vorarbeiter Krummen (Pfammatter) keifend delegiert und dabei dauernd flucht, was bald einmal langweilt. Der übereifrige Lehrling (Voigt) repetiert die Vorgänge und Handgriffe für die bevorstehende Abschlussprüfung, der frustrierte Rötlisberger (Neukirch) weigert, sich noch so kurz vor der Rente von der Kuttlerei zur Maschine in der Wursterei zu wechseln, Ambrosio verliert einen Mittelfinger im Hackfleisch, Schindler (Müller) echauffiert sich in den Herzinfarkt, Gilgen (Neuenschwander) schwärmt vom Blutspenden… Es werden einschlägige Schauergeschichten aus dem Metzgermilieu kolportiert, wahre und mehr oder weniger gut erfundene. Dumpfer Elektrosound untermalt die grausliche Szenerie aus Blut, Gestank und Dampf und Tod.

 

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Die zunehmend beklemmende, ja bedrohliche Stimmung in Sterchis Roman ist nur halbwegs spürbar, was nicht allein am mäandernden Text liegt, sondern auch an der auf der Bühne (zum Glück!) geforderten Abstraktion dessen, was auf dem Schlachthof geschieht und in Sterchis Roman ebenso kenntnisreich wie schonungslos geschildert wird. Berührend und befremdlich zugleich ist schließlich der Auftritt von Blösch. Ihr gibt die 86jährige Schauspielerin Margot Gödrös Gestalt, eine vom Alter und vom Leben gezeichnete Frau am Stock, «en alti Chue», wie sie selbst von sich sagt, zerbrechlich, doch würdevoll.

 

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Seit Ambrosios Weggang hat auf dem Knuchelhof die Neuzeit mif Effizienz und Ertragsoptimierung Einzug gehalten. Das malträtierte, kontaminierte Fleisch der ausgemergelten Blösch taugt nicht für den Konsum, sondern muss entsorgt werden. Ihr struppiges, glanzloses Fell reicht nicht mal für einen Tornister. Und in ihrem Bauch finden die Schlachter ein weibliches Kuhkalb, das sie nicht mehr zur Welt brignen konnte...

 

Ausbeutung von Mensch und Tier bis zum Letzten, eine krude Metapher. Sterchis Sprachgewalt zeigt diese Verbindung überzeugender, wuchtiger, aber auch subtiler als es auf der Bühne geschieht. Nach dem heiteren, mitunter fast komödiantischen ersten Teil kommt der zweite – schon rein inhaltlich – schwerblütiger daher, aber auch weniger gut strukturiert. Das Geschehen verliert an Tempo, zerfasert sich; ein paar Mal wird der Punkt für einen trefflichen Schluss verpasst und stattdessen eine weitere Schlaufe angepeilt. Da wären ein paar Striche und Straffungen hilfreich gewesen. Dennoch, das brillante Ensemble trägt durch den Abend, die gemischten Gefühle und die Betroffenheit, die sich nach dem großen Applaus einstellen, verdanken sich dem brisanten, unappetitlichen Stoff, der kein Verfalldatum hat.

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Szenenbilder: Schauspielhaus Zürich – © Krafft Angerer

21.09.2025


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Das Buch zum Stück:

Beat Sterchi: «Blösch»

Diogenes Verlag AG, Zürich, 1983

ISBN 3 257 21341 7

3 Kommentare


Gast
25. Sept.

Habe deine Ausführungen zur Premiere im Schauspielhaus interessiert gelesen. Durch deine Schilderung sind die Bilder sehr lebendig geworden

B: A.

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Gast
25. Sept.

Wenn ich deinen wie immer präzisen und wunderbar bunten Beschrieb von Bild, Geschehen und Theater richtig verstanden habe, hast du Text und Inszenierung der beiden Teile sehr unterschiedlich erfahren, goutiert und entsprechend beschrieben. Das Schauspiel scheint den Besuch zu lohnen, der Text wahrscheinlich gewöhnungs- und im zweiten Teil offensichtlich auch revisionsbedürftig.

P. Z.

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Gast
23. Sept.

Vielen Dank! Sehr spannend zu lesen.

.T. B.

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