Ein Bild von einem Mannsbild

Geboren: um 1619; Heimatort: Sevilla; Äusseres: gut aussehend, gross, mediterraner Typ;

besondere Merkmale: furchtlos, egoistisch, stolz, sinnlich, freigeistig und umwerfend charmant; Name: Juan Tenorio.

Max Slevogt: Francisco D’Andrade als Don Giovanni, 1902 (Staatsgalerie Stuttgart)


Als Stimulans braucht er ein glamouröses gesellschaftliches Umfeld. Seine Aktionsfelder – besser: Jagdgründe – sind Discos, Bars, Badestrände, Skipisten. Vernissagen. Kurz: 0rte, wo sich schicke, lebenslustige Leute treffen, wo die holde Weiblichkeit vertreten ist. Je nach Zeitgeist oder Zielgruppe bezeichnet man ihn als Schürzenjäger, Weiberheld, Herzensbrecher, Wüstling, Playboy, Casanova, Womanizer. Doch sein wahrer Name ist ... Hans. Oder Juan.


Wie sein geistiger Bruder aus dem Norden, ebenfalls ein Hans, nämlich Johannes Faust, ist auch er Sohn einer Epoche des Umbruchs, des Wertewandels. Das mittelalterliche hierarchische Weltprlnzip beginnt zugunsten der individuellen Selbstentfaltung zu wanken. Das zeigt sich unter anderem im fiebrigen Drang, die Grenzen des Menschseins auszuloten. Magister Faustus sucht seine Selbstverwirklichung im lntellektuellen (obwohl er auch der Fleischeslust nicht gänzlich abgeschworen hat). Mit schwarzer Magie und Teufelspakt sucht er die Fesseln der Erkenntnis und der Moral zu sprengen: Mephisto hat gut lachen – in der Oper von Arrigo Boito pfeift er sich sogar eins!


Triebfeder für den Südländer Don Juan ist die ungestillte Sinneslust. Doch auch er wird bekanntlich für seine Ausschweifungen von den höllischen Mächten in Gestalt eines steinernen Standbilds abgeholt. Faust und Juan sind Symbolfiguren, Archetypen, der menschlichen – männlichen! – Hybris. Beide sind sie genialische Ich-Menschen, welche die herrschenden Gesetze wie Meteoriteneinschläge aus dem Lot bringen. Begreiflich, dass solche Gestalten Künstler aller Sparten immer wieder zur Darstellung reizten. So zählt man für Don Juan mehr als 600 Bearbeitungen.

Erstmals dingfest macht ihn der spanische Mönch Gabriel Téllez (Bild), genannt Tirso de Molina (1759 – 1648). In seinem Erbauungsstück «Der Betrüger von Sevilla oder der steinerne Gast» lässt er den grandiosen Libertin um 1620 erstmals auftreten – und gezwungen durch die himmlischen Mächte auch wieder abtreten.


Spanien, Italien, Frankreich

Wollte Tirso mit seiner Dichtung noch die heissblütigen Caballeros, welche die Nachtruhe mit Gitarrengeklimper, Duellen und Entführungen störten, zur Raison bringen, so haben in der Folge fahrende Gaukler und Wandertheater weit mehr die Ergötzung und Belustigung ihres Publikums im Sinn. Sex and crime sells – schon damals.


Und so verbreitet sich der Stoff rasch über den Kontinent. Über Italien gelangt Don Juan um die Mitte des 17. Jahrhunderts nach Frankreich und Paris. Hier kämpft eben eine Komödiantentruppe nach dem Aufführungsverbot eines brisanten Stücks mit dem Titel «Le Tartuffe» ums Überleben. Da ist ein derartiger Blockbuster mit einer sich rächenden Statue als coup de théâtre höchst willkommen. In Windeseile zimmert der Prinzipal ein Prosastück zusammen (1665). Den hasenfüssigen Diener des Erotomanen spielt er selbst. Sein Name: Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière. Jetzt ist der spanische Heisssporn irgendwie älter geworden: ein hochnäsiger, etwas gelangweilter Grandseigneur, dessen Aura bereits etwas angekratzt ist. Es ist weniger die ungestüme Fleischeslust, eher die Freude an der Eroberung, die zynische Lust, den Widerstand gebrochen zu haben, die Ihn zu immer neuen Exploits antreiben. Wenn er das Neueste von der Front berichtet, gleicht sein Vokabular bezeichnenderweise oft dem militärischen Jargon.


Den Mund so richtig voll nimmt er, der das Singen in verschiedenen unbedeutenden Opern erlernt hat, schliesslich in Mozarts Dramma giocoso (1787). Don Giovannis vitale Energie beglückt, berauscht, vernichtet – zuletzt ihn selbst. Mozarts Musik zeigt das Schillernde der Figur, wie es Worte nicht vermögen: Eros und Thanatos prägen sein Wesen; Faszination und Abscheu irritieren seine Gegenspieler. Und provozieren die Regisseure zu immer wieder neuen – und mitunter recht gesuchten – Lesarten.

Milan Siljanov in der Rolle des Komturs – statt des steinernen, ein eisiger Gast


In der Romantik – bei E. T. A. Hoffmann und anderen – wandelt sich sein Charakter erneut. Don Juan wird zum Inbegriff des Getriebenen, zum Symbol dessen, der glücklos einem Traumbild nachjagt. Die sich wiederholende Enttäuschung führt zwangsläufig zur Revolte gegen die Schöpfung oder zu Depression und Zynismus. Eine Höllenfahrt erübrigt sich daher: Der Unglückliche trägt seine Hölle mit seinem Scheitern in sich selbst. Juan wird sozusagen zum Fall für die Psychologie.


Opfer des eigenen Rufs

Eine völlig neue Darstellllung legt Max Frisch 1953 mit seinem Stück «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie» vor. Sein legendärer Ruf als Frauenheld wird dem intellektuellen Juan zu viel, er kapituliert, inszeniert seinen eigenen Untergang und endet mit Frau und Kind in einer biederen Idylle. Die Natur hat ausgemerzt und eingeebnet, was zu extrem war.


Dass Männer den Sexprotz um seine Potenz beneiden und dabei sein Scheitern tunlichst ausblenden, liegt in der Natur der Sache. Die unbotmässige Freiheit, mit der er sich über soziale und moralische Schranken hinwegsetzt, die elegante Skrupellosigkeit, mit der er seine Bedürfnisse stillt – welcher Mann möchte das nicht?


Was aber macht den eigentlich doch ziemlich widerlichen Kerl so unwiderstehlich für die Frauen? Das raffinierte Vorspiel, das die eigentliche Erfüllung überwiegt? (Mozart hat’s ja in Duettino «Là ci darem la mano» genial vorgeführt.) Die irrwitzige Hoffnung, dass der Schwerenöter es dieses Mal ernst meint, nur dieses einzige Mal? Oder die tröstliche Ahnung, dass einem als Geliebte auf Zeit seine Alltagslaunen, sein Bierbauch und das Waschen seiner Schweisssocken erspart bleiben wird?