Eine Frau packt aus

Die Bühne ist leer, bis auf einen roten Teppichläufer. Rot, wie er für Diven, Staatsoberhäupter und Honoratioren ausgerollt wird. Doch sie, die den purpurnen Laufsteg of fame nächstens betreten wird, ist zwar durchaus eine Person von Rang und Namen, doch wie ihr mitgespielt wird, wie man sie behandelt, ist alles andere als ehrerbietig. Und schon gar nicht würdevoll.

Jetzt ist sie da, sitzt auf ihrem Lederkoffer, sozusagen dem Tresor ihrer Erinnerungen: Lydia Welti-Escher (1858–1891). Sie ist die Tochter und – neben einer im Kindesalter verstorbenen Schwester – einziges Kind des Eisenbahntycoons, dessen Statue den Monumentalbrunnen, den einzigen den sich das puritanische Zürich leistet, vor dem Hauptportal des Hauptbahnhofs ziert. Escher, der Wirtschaftsmagnat, der Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt und der Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt, der Mitbegründer der ETH, der Politiker, der Macher, der Machtmensch.

Bruchstückweise ist das triste Schicksal der Lydia Welti-Escher im kollektiven Gedächtnis verankert. Ihr grossformatiges Portrait «Die weisse Lydia» hängt im Kunsthaus Zürich. Ihre Geschichte wird in diversen Artikeln, Biografien und Romanen festgehalten; das Landesmuseum widmete Ihr eine Ausstellung; 2008 wurde seitlich des Kunsthauses ein unscheinbares Geviert nach ihr benannt. Doch ihr wichtigstes Vermächtnis – als Erbin Alfred Eschers war sie als eine der reichsten Frau der Schweiz – ist die Gottfried-Keller-Stiftung, zurzeit ihrer Gründung nach heutigem Wert rund 60 Millionen schwer. Heute stehen der Stiftung durch Misswirtschaft des für die Verwaltung zuständigen eidgenössischen Finanzdepartements nur noch beschränkte Mittel zur Verfügung, um ihrem Stiftungszweck nachzukommen: dem Ankauf und Erhalt von bildender Kunst in der Schweiz. Und dass die Stiftung nicht einmal den Namen der Donatorin trägt, ist ein weiteres Detail in dieser grauenhaften Geschichte. Doch wir greifen vor.

Jetzt also hat die vom Leben und der Liebe schwer gezeichnete Frau im Monodrama «Lydia» ihren posthumen Auftritt auf der Bühne. Wieder zum Leben erweckt wird die kluge und starke Frau von Graziella Rossi, der unermüdlichen Schauspielerin, die sich unter anderem immer wieder mit herausragenden und teilweise von der (männlichen) Geschichtsschreibung vernachlässigten grossen Frauengestalten auseinandersetzt. Textlich und inhaltlich stützt man sich primär auf die fundierte Biografie des Historikers Joseph Jung, der mehrere einschlägige Werke zum escher’schen Themenkreis verfasst hat. Regie führt Damir Žižek, das nahezu authentische Kostüm hat Martin Leuthold kreiert; es ist eine crème-farbenen Belle-Époque-Robe mit Tournüre und Schleppe nachempfunden, wie sie Lydia auf jenem erwähnten Bildnis von Karl Stauffer trägt.

Einerseits ist es die durch Glamour, Reichtum, Borniertheit und Intoleranz geprägte Biografie der Lydia Welti, die den Zuschauer in Bann schlägt. Andererseits ist es ebenso Graziella Rossis Persönlichkeit und ihr Spiel, welche die Spannung im gut einstündigen Abend nie abbrechen lassen. Die Schauspielerin schafft es, die Tragik, die dieses kurze Lebens überschattet – Lydia war dreiunddreissig, als sie aus dem Leben schied – bei aller Intensität ohne Larmoyanz und Sentimentalität über die Rampe zu bringen. Im Gegenteil, immer wieder ist das Aufmüpfige zu spüren, das Emanzipatorische, das offenbar Lydias Charakter auszeichnete. Und bisweilen blitzt sogar ein Quäntchen sarkastischen Humors auf, etwa wenn von ihrem eher blässlichen Ehemann Rede ist.


Causerie mit tödlichem Ausgang

Der Abend folgt, intelligent gerafft, der biographischen Chronologie. In Ich-Form berichtet die Protagonistin von den einzelnen Stationen ihres bewegten und bewegenden Lebens. Das impliziert etwas Unaufgeregtes, fast vergleichbar mit einer spontanen episodischen Causerie am Teetisch, nur dass der Inhalt natürlich unvergleichlich schwerer wiegt. Und – an dieser Stelle sei’s mit allem Nachdruck festgehalten – wenig von seiner Aktualität verloren hat. Die musikalischen Einsprengsel, die gelegentlich die Szene atmosphärisch untermalen, sind nicht zwingend, immerhin stören nicht. Ab und zu ein dezidierteres Musikstück aus der Zeit hätte wohl noch eine weitere Dimension erschliessen können. Lydia soll selbst recht gut Klavier gespielt haben.

Ihren Anfang nahm Lydias Existenz im goldenen Käfig im grossbürgerlichen Anwesen Belvoir, dem väterlichen Anwesen im Zürcher Quartier Enge – was Anlass für ein erstes ironisches Aperçu liefert: So begütert und sorgenfrei, so kultiviert und bildungsbeflissen sich diese Umgebung präsentierte, so beengend (!) und fordernd muss diese Atmosphäre auf die Heranwachsende eingewirkt haben, zumal die Mutter starb, als Lydia sechs Jahre alt war und diese dadurch früh die Pflichten als Dame des Hauses und Gastgeberin übernehmen musste. Mit fünfundzwanzig heiratete sie Friedrich Emil Welti, Sohn des damaligen Bundesrats Emil Welti – wohl weniger eine Liebesheirat als vielmehr eine Zweckehe, diktiert von Stand und Macht und politischem Kalkül.


Irgendwann rollt die Erzählerin den roten Teppich ein; die öffentliche Ehrerbietung hat ausgedient. Doch ab und zu öffnet sie den Koffer, gewissermassen um in ihren Memorabilien zu wühlen, holt ein in Leder gebundenes Tagebuch hervor. Mitunter wirft sie in einem Anflug von Widerstand und Aufbegehren alles um sich, Miederwaren, Handschuhe, Accessoires bourgeoiser Eleganz, um sie später, halb verzagt, halb trotzig wieder in den Koffer zu stopfen. Mal kokett, mal verlegen, mal nervös spielt sie mit ihrer Stola, ihrem Sonnenschirmchen, zum bitteren Ende entledigt sie sich gar ihrer Schuhe.


Liaision dangereuse

Aber zuvor erfahren wir, was wir ungefähr wussten, was aber jetzt eine erschütternde Dringlichkeit erfährt. Durch ihren Ehemann Emil lernte sie den Maler Karl Stauffer kennen. Das Ehepaar beauftragte den Künstler, der ein Jugendfreund Emils war, mit dem Kauf und der Ausstattung eines Palazzos in Florenz, wohin das Paar im Herbst 1889 übersiedelte. Kurz darauf reiste Welti – seiner Aussage zufolge aus geschäftlichen Gründen – wieder in die Schweiz und liess seine Frau in Stauffers Obhut zurück. Was sich – so lässt es uns Lydia-Graziella zumindest erahnen – wohl schon seit längerem angebahnt hatte: Die beiden wurden ein Liebespaar. Doch gleichzeitig bemühten sie sich auch um Transparenz und Klärung der Verhältnisse. Lydia wollte sich scheiden lassen, um Stauffer zu heiraten.

Die Liebenden setzten sich nach Rom ab. Der Skandal war perfekt, und die helvetische Haute Volée reagierte prompt und unerbittlich. Bundesrat Emil Welti, Lydias Schwiegervater, liess seine Beziehungen spielen. Stauffer wurde aufgrund absurder Anschuldigungen verhaftet, Lydia in einem Römer Irrenhaus interniert, wo man «systematisierten Wahnsinn» diagnostizierte. Beides so haltlos, wie perfid – Stoff für einen Trivialroman unterster Schublade.


Schliesslich wurde Stauffer doch wieder auf freien Fuss gesetzt. Zwar arbeitete er weiter, seine Schaffenskraft aber schien gebrochen. 1891 starb er an einer Überdosis von Medikamenten.


Lydia wurde von ihrem Mann in die Schweiz zurückgebracht, geächtet und erniedrigt. Die Ehe wurde geschieden, nicht ohne dass sich Emil Welti eine beträchtliche Abfindung aus Eschers Vermögen zugeschanzt hatte. Lydia bezog eine Villa in Champel bei Genf, so weit von Zürich entfernt wie nur möglich. 1890 gründete sie mit ihrem verbleibenden Vermögen die erwähnte Stiftung, durfte sie aber auf Intervention Weltis nicht mit ihrem «befleckten» Namen benennen. Am 12. Dezember 1891, auf den Tag genau 130 Jahre vor der besuchten Aufführung im Theater Rigiblick, öffnete sie die Gashähnen in ihrem Haus und schied so aus dem Leben...

Die Schauspielerin wendet sich mit dem Rücken zum Publikum. Black. Sekundenlange Stille der Betroffenheit, bevor der Applaus losbricht.

Szenenfotos: © Markus Keller und Bernhard Fuchs


Die Aufführung tourt gegenwärtig durch die Schweiz: www.graziellarossi.ch