Faltenvielfalt

Assoziationen zur Psychologie und Physiognomie der Falten

Schon die äussere Form enthüllt ihren wahren Charakter: Zwiespalt ist der Falte Wesen. Sie kann sich einfach nicht entscheiden. Ist gleichzeitig Mulde und Sattel, Scheitel und Sohle, Krete und Tal. Ist sowohl als auch. Oder, noch zwiespältiger, ist gar beides zugleich: Vor und Zurück. Auf und Ab. Hin und Her. Hoch und tief. Und gleicht darin ihrer noch instabileren, unfassbareren Schwester, der flüchtigen Welle.


Verrät nicht schon der Name selbst das Programm Fal–te, ein Wort sozusagen mit einem Knick in der Mitte, einem jähen lautlichen Umbiegen auf dem Höhepunkt. Zu ihrer Doppelnatur gehört es auch, dass sie sich sprachlich auf vages Terrain begibt. Als Femininum manifestiert sich die Falte als weiche, biegsame Erscheinung, leitet sich her aus dem mittelochdeutschen valde. Rigide, unflexibel, mit zischendem Auslaut gibt sich der Falz maskulin und lässt sich mit dem althochdeutschen falt < faldan in Verbindung bringen. Ohne Zweifel ein taugliches Objekt für Untersuchungen zur linguistical correctness! Übrigens: Auch das Wort «Zweifel» selbst ist etymologisch mit der Falte verwandt, enthalten doch beide Begriffe ein und dieselbe indogermanische Wurzel *pel (falten), die sich auch in Wörtern wie «flechten», «simpel» und «doppelt» findet.

Falten treten – auch das gehört zu ihrem unentschiedenen, um nicht zu sagen schwerfasslichen Wesen – unter den viel-fältigsten (!) Namen auf: Runzeln, Rillen, Furchen, Kniffe, Knicke, Falze, Plissee, Knitter. Sie können gerafft, gebauscht, versteift, gestürzt werden, sie können sich aufwerfen, eingraben, können fliessen, schwingen und sogar umkippen. Falte ist immer da, wo Materie unvermittelt umdenkt, sich eines anderen besinnt, gewissermassen die Fläche, die Ebene der Einfalt ins Räumliche ausweitet.


Damit kommen wir nach morphologischen und terminologischen Betrachtungen zum inhaltlichen, psychischen Aspekt der Falten. Das Wesen der Falte steht ihrer äusseren Gestalt an Zwiespältigkeit in keiner Weise nach. Mit einem hübschen Bild illustriert Antoine de Saint-Exupéry in seiner Erzählung «Le Petit Prince» das gespannte Verhältnis, das wir den Falten grundsätzlich entgegenbringen. So lesen wir von der hoffärtigen Rose, die sich mit dem Erblühen füglich Zeit lässt: « ... elle ajustait un à un ses pétales. Elle ne voulait pas sortir toute fripée comme les coquelicots.»

Makellose Glätte einerseits, dekorativer Faltenwurf anderseits – versuche da jemand zu erklären – explicare! –, warum wir Falten bisweilen nicht mögen: Gesicht, Hemdenbrust, Kühlerhaube, Diplom und Apfelsine haben möglichst faltenlos zu sein. Andernorts dagegen wenden wir mancherlei Tricks und Techniken an, um Falten einzuplätten, festzuhalten, einzugravieren. Beispiele: Kilt, Gardine, Scherenschnitt, Landkarte...

Der bewegte Zickzackkurs der Falten bringt es mit sich, dass sie häufig in Vielzahl auftreten. Eine Falte kommt selten allein. Solitäre Falten bestätigen die Regel: Etwa die einsame messerscharfe Bügelfalte, die seit der vorigen Jahrhundertwende, die bis dahin die rundgebügelten Beinlinge der Hose ziert ­(heutzutage hat sie allerdings wieder etwas an Status eingebüsst). Mit ihrem rückseitigen Gegenpart ist sie kaum als organische Einheit zu betrachten, und schon gar nicht mit ihrem Pendant auf dem zweiten Hosenbein. Gegen eine schlecht gebügelte Bügelfalte, die sich ent-zweit, ist daher mit aller Entschiedenheit vorzugehen. Sie ist eine bügeltechnische Schizophrenie und verdient eine Kur mit heissem Wasserdampf, auf dass sie wieder zu sich selbst komme.


Einsam auf der Rückseite des Lodenmantels durchfurcht ebenfalls die klassische Rückenfalte die Öde des filzigen Grüns, im Pseudo-Dialog mit sich selbst als nach innen gelegte Quetsch- oder Kellerfalte modischen Starrsinn beweisend. Als Einzelgängerinnen oder höchstens zu zweien über Kreuz oder parallel verlaufend strukturieren Falten sodann den papierenen Leib des Billet doux, des Geschäftsbriefs, der Faktura.

Sonst treten die Falten eher im Plural auf, vervielfältigen sich buchstäblich. Und wer sich mit ihnen befasst, dem entfalten sich ungeahnte Perspektiven. Falten sind in der bildenden Kunst ebenso ein Thema wie in der Architektur, der Mode, der Verpackungsindustrie oder im Design. In der Geologie ebenso wie in der Pflanzenwelt. Entsprechend vielfältig sind auch die Faltmaterialien. Die Auswahl reicht von Papier über Textilien und Keramik bis hin zu Holz, Metall und Gestein.


Falten sind Ausdruck von Emotionen, von unterschwelligen, verborgenen Kräften. So ist zum Beispiel die Alpenfaltung auf Bewegung im Untergrund, durch Druck, Gegendruck und Einengung zurückzuführen. Vor 150 Millionen Jahren wuchsen aus dem Thetysmeer die Alpen empor, Zeugen erstarrter Bewegung der Urzeit. Ausgelöst wurde sie durch gewaltige horizontale und vertikale Schübe, das Resultat ist eine gigantische Knautschzone mit Wällen, Kämmen und Buckeln. Mit Kuppeln, Tälern und Schründen – der Geologe spricht von Synklinen und Antiklinen: geophysikalische Runzeln im Antlitz von Mutter Erde.

Von da sind’s nur ein paar Millionen Jahre bis zum Faltenwurf der Kunstgeschichte, gemalte, gezeichnete, in Stein gehauene, in Holz geschnittene oder in Ton geformte Falten faszinierten bildende Künstler und Handwerker schon Immer. Der Buchdruckerkunst, besonders der chinesischen, verdanken wir reizvolle Faltbücher, die sich nicht nur zum Katalogisieren der galanten Abenteuer Don Juans eignen wie jene berühmte Liste im Zickzack-Falz, die noch immer nach ihrem «Erfinder» Leporello heisst. Origami, die japanische Kunst des Papierfaltens stellt eine hochästhetische Synthese von strukturierender, ordnender Vorstellungskraft und handwerklichem Geschick dar und inspiriert gar heutige Modedesigner zu Kreationen, die eher an Faltobjekte denn an Möbel erinnern. Paravents und Falttüren gliedern Räume, verwehren oder provozieren flüchtige Durch- und Einblicke. Steinmetzen und Möbelschreiner arbeiten ebenfalls mit Falten. Denn: Faltung verleiht dem Material erhöhte Stabilität. Dient aber auch der Dekoration, wie etwa die kunstvollen byzantinischen Faltkapitelle oder das gekehlte Faltwerk in Täfelungen und Türfüllungen, das die düstere Strenge der niederländischen und englischen Möbel aus Renaissance und Barock mildert.

Der Faltstuhl, schon in der Bronzezeit bekannt, gehört zu den ältesten Möbeln überhaupt. Nicht nur ägyptische, griechische und römische Würdenträger geruhten, sich darauf niederzulassen und kultische Handlungen vorzunehmen. Im Hochmittelalter diente das Faldistorium aus verziertem Holz oder Elfenbein Prälaten als Ersatz für die Cathedra. Später setzte sich der Klapp- oder Scherenstuhl auch im profanen Bereich durch, und heute gehört er zur festen Ausrüstung der Camper und Hobbymaler. Wie überhaupt Faltbares jeglicher Art in unserer auf Mobilität und räumliche Ökonomie ausgerichteten Zeit äusserst beliebt ist, angefangen vom Zelt als faltbares Haus über das Faltboot bis hin zur Faltgarage.

Auf Gemälden, an Skulpturen bewundern wir die plastische Darstellung von Stoffen: Hier der faltenreiche Mantel der Madonna, da den mehr akzentuierenden als verhüllenden Chiton der Persephone, dort den über und über plissierten Rock einer spanischen Infantin, die gebauschten Ärmel eines trutzigen Söldners, die akkurate Fältelung im Kopfputz einer Matrone. Sich in Falten bauschende Gewänder manifestieren auf Portraits Wohlstand und Besitz: Man kann es sich leisten, mit den kostbaren Stoffen verschwenderisch umzugehen. Rüschenbesetzte Kragen, radförmig gefältelte Halskrausen umrahmen Antlitz und Kopf wie Aureolen und verleihen dem Träger, der Trägerin ein imposantes Aussehen. Die Plättfalten eines gemalten Tischtuchs zeugen ebenso von Beobachtungsgabe und malerischem Können wie das Trompe-l’œil einer gemalten Draperie. Verhaltene Dramatik und Emotion teilen sich mit im bewegten Lendentuch des Gekreuzigten in einer ansonsten statischen, im Schmerz erstarrten Pietà-Gruppe. Im Jugendstil verselbständigen sich Falten zum dekorativen Spiel mit Licht und Schatten, um schmeicheln den weiblichen Körper wie eine pflanzliche Hülle.


Auch die heutigen Modemacher entfalten ihr Talent mit Falten. Issey Miyake und Roberto Capucci hüllen Ihre Mannequins in plissierte Stoffe, die bisweilen an die Plattnerkunst der Rüstungsschmiede des späten Mittelalters und des Barocks erinnern: Roben wie Rüstungen! Schliesslich dient selbst der unscheinbare Fächer nicht allein der Kühlung: Falten im Dienst des kokett-erotischen Spiels einer Carmen, einer Cho-Cho-San...

Falten, wir haben es mehrfach gesehen, sind vielfältig, und vielfältig ist ihre Deutung: Die Hände werden zum Gebet gefaltet, aber auch zum Gruss, zur Bitte. Und in Christian Morgensterns Gedicht «Gebet» aus den «Galgenliedern» heisst es sogar von den Rehlein: «Sie falten ihre kleinen Zehlein», ehrfürchtig erschaudernd – um des Reimes Willen gewiss doch, aber mehr noch vor dem Mysterium der Falten!