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Die andere «Fille du Régiment»

  • Autorenbild: Bruno Rauch
    Bruno Rauch
  • 16. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Jan.

Mit virtuosen Koloraturkanonaden und drall sitzender Uniform lässt Donizettis Regimentstochter Marie die Soldateska schwach werden. Die brav schweizerische Gilberte de Courgenay dagegen stärkt die Truppenmoral mit diskreteren, bodenständigeren Mitteln: mit heißem Kaffee, einem warmen Lächeln, einem offenen Ohr für die heimwehgeplagten Soldatenherzen… Und doch spielt auch hier der Gesang eine Rolle, selbst wenn die Petite Gilberte nicht selbst singt. Sie wird besungen!



 

Ende 1915 leidet Europa seit anderthalb Jahren unter dem martialischen Wahnsinn ordensgeschmückter Generäle und schnauzbärtiger Monarchen. Der äußerste Pruntruter Zipfel, keilförmig zwischen die Territorien der verfeindeten Parteien Deutschland und Frankreich vorgeschoben, galt als neuralgischer Abschnitt zur Wahrung der eidgenössischen Neutralität. Entsprechend waren hier diverse, vorwiegend deutschschweizerische Armeeeinheiten zur Grenzsicherung stationiert. 


 

«Bi Prunterut im Jura...»

Und hier, im kleinen Dorf Courgenay, kaum zehn Kilometer von der französischen Grenze entfernt, stand (und steht bis heute!) das ländliche Bahnhofbuffet mit dem großstädtischen Namen «Hôtel de la Gare». Betrieben wurde es vom Wirtepaar Montavon. Geschätzt und weitherum bekannt waren jedoch keineswegs nur der Kaffi fertig oder die deftige Bärner Platte – die Region war damals noch bernisch. Der eigentliche Anziehungspunkt war die knapp zwanzigjährige Gilberte, das fünfte von acht Kindern der Montavons. 


© Roland Zumbühl – swisspics


Gilberte (Mitte). ihre Schwester und zwei Offiziere (© Wikimedia Commons)


Für die in der Ajoie stationierten Soldaten, oft monatelang von zu Hause entfernt, wurde sie rasch zur Lichtgestalt in einem tristen Alltag aus Untätigkeit, Ungewissheit und Langeweile, den Drill und Disziplin zwar ordneten, aber kaum sinnvoll strukturierten. Verständlich, dass die Mannen – vom simplen Soldaten bis zum geschniegelten Leutnant – empfänglich waren für die emotionale Zuwendung und den natürlichen Charme der kleinen Kellnerin. Unter ihnen befanden sich auch die Entlebucher Militärmusiker Robert Lustenberger und Oskar Portmann, die mit ihrem gemeinsam geschaffenen Lied den Mythos der «Petite Gilberte» nachhaltig verbreiteten; nicht unbedeutend dabei: Der Liedtext ist deutsch, der Refrain französisch – ein polyglotter, gutschweizerischer Kompromiss zweier unterschiedlicher Parteinahmen im Kriegsgeschehen, trotz offizieller Neutralität. Und ebenso vermochte offenbar die zweisprachige junge Frau die beiden Lager zu einen.

 


Am Silvesterabend 1915 trugen die beiden im Säli des Gasthofs ihr Werk der versammelten Mannschaft erstmals vor; eine Szene, die Franz Schnyder in seiner legendären Verfilmung von 1941 mit der ebenso legendären Anne-Marie Blanc zu einem Schlüsselmoment verdichtete. Und die im Umfeld des Zweiten Weltkriegs zum tönenden Symbol der «geistigen Landesverteidigung» hochstilisiert wurde. Hübsches Detail am Rande: Notiert hatte das Lied Gilbertes jüngerer Bruder Paul, damals elf Jahre alt, später selbst Berufsmusiker, Chorleiter und Komponist. 

 

Zur landesweiten Bekanntheit aber verhalf der liebenswürdigen Jurassierin schließlich der Militärbarde Hanns In der Gand. Mit der Laute im Gepäck trug er Gilbertes Fama durch Kasernen und Beizensäle – bis man füglich singen und sagen konnte: «On la connaît dans toute la Suisse et toute l’armée.»


 

Lied, Film, Roman, Bühnenstück

Das Theater Neumarkt baut um diese Ikone helvetischer Moral und Vaterlandsliebe einen vergnüglichen, schrägen, mitunter ein bisschen langfädigen Theaterabend. Der Unterwalliser Mathieu Bertholet, Regisseur und seit der Spielzeit 2025/26 Intendant des Neumarkts, setzt dabei nicht auf ein biografisch-historisches Nachzeichnen jener bewegten Zeitläufte. Neben Lied und Film ist seine dritte Quelle der Roman «Gilberte de Courgenay» des Basler Publizisten, Kabarett-Texters und Berufs-Fasnächtlers Rudolph Bolo Mäglin, der 1939 – noch vor vor der Publikation – in einer Version als Mundart-Singspiel auf der Pfauenbühne uraufgeführt und zum Renner wurde (Die Blanc spielte da nur eine kleine Rolle). Bertholet verzichtet auf jegliche verklärende Überhöhung, vielmehr pustet er den Staub nostalgischer Sentimentalität und patriotischer Folklore gehörig aus dem angejahrten Stück, ohne jedoch in flapsige Respektlosigkeit oder Demontage der Verdienste Gilbertes zu verfallen. (Die allzu bald wieder gefragt sein könnten…)



Das Einheitsbühnenbild des Kollektivs «Ortreport» zeigt einen langgezogenen Saal des jurassischen Landgasthofs, wie man ihn zum Teil noch heute landauf, landab antreffen kann: ein Hort von Rechtschaffenheit, Biederkeit und – mit der hüfthohen Täfelung und dem schwarz-weiß gebänderten Pseudomarmor darüber – bestechender Hässlichkeit, betont durch beidseits an den Wänden aufgestapelte Tische und Stühle, schiefhängende Bilder sowie zwei «antike» Röhrenfernsehapparate, über die gelegentlich Sequenzen aus besagtem Film und kaum lesbare Textpassagen flimmern. Vor allem aber sind da die Kaputte – ja, so nannte man einst die feldgrauen Uniformmäntel aus grobem Tuch –, die wie Lemuren aus einer anderen dunklen Zeit an den Wandhaken hängen, was die Illusion der Gaststube als Oase des gemütlichen Zusammenseins vollends unterläuft.


 

Doch nun kommt Action in die Bude. Wobei 'Action' euphemistisch ist: Das Servierpersonal in solider Baumwollunterwäsche, durch lange Gastroschürzen geziemend verhüllt und klobig beschuht (Kostüme: Gianni Nagi), entwickelt eine ebenso emsige wie nutzlose Betriebsamkeit. Ein Hin und Her, ein Vor und Zurück – stumm, stoisch, stolpernd über die immer wieder gleiche Stufe, stürzend an der immer wieder gleichen Stelle… Es ist zu vermuten, dass Anouk Barakat, Miriam Japp, Lisa Ursula Tschanz, Chady Abu-Nijmeh, Max Kraus und Robert Rožić, die Mitglieder des fabelhaften Neumarkt-«ensemblö», einen Crashkurs bei Meister Marthaler absolviert haben.


Nach endlosen 17 Minuten fällt ein erstes gemurmeltes Wort: «Pruntrut»? Im Hintergrund knallt und knarrt eine Tür. Eine Alarmsirene heult auf – à plat ventre! Serviertabletts werden aufgetragen und wieder abgetragen… Mal fällt eines scheppernd zu Boden und hindert uns am Einschlafen. In generalstabsmäßigem Tohuwabohu werden Stühle und Tische durch den Raum gewuchtet, platziert, umplatziert, wieder weggeschleppt… Nach einer gefühlten Ewigkeit ist der Spunten endlich möbliert, die rot-weiß karierten Tischtücher drapiert, die obligaten Tisch-Ménage mit Zahnstochern, den unerlässlichen Aromatstreuern und Maggi-Fläschchen verteilt. 



Wie damals die Aktivdienstler spüren auch wir Zuschauer das nervige, zermürbend zähe Rieseln der Zeit, gleiten jäh in jene Kriegsjahre zurück, die nun auch die Akteure auf der Bühne erfasst. Halb fasziniert, halb misstrauisch tasten sie sich an die aufgehängten Militärmäntel heran, schlüpfen hinein, verkriechen, verlieren sich darin. Werden unversehens zu den Wehrpflichtigen jener Zeit. Die Darsteller, Frauen wie Männer, schlüpfen nicht nur in die elefantösen Mäntel, sie werden sich im Lauf des Abends auch immer wieder alle Figuren, Rollen und militärischen Chargen überstülpen, diese verdoppeln, konterkarieren, durch eine Perücke, ein Soldatenkäppi oder ein Kopftuch akzentuieren und so die leidige Genderfrage großräumig umfahren. Oder schlicht ignorieren. Auch sprachlich switcht man munter zwischen Französisch und den verschiedensten Schweizerdialekten. Dazu gehört beispielsweise ein beträchtliches Sammelsurium von Mundartausdrücken für 'Kartoffel', offenbar des (Deutsch-)Schweizers liebstes Magenpflaster.


Endlich ist es so weit: Die Berner Platte, eigentlich war sie für die Herren Offiziere gedacht, wird aufgetragen und die Kompanie – zwar nur fünf Mann (wie gesagt Frauen sind nicht nur mit-, sondern ebenso gemeint!) macht sich wie die Säue im Koben darüber her, würzt da und dort mit einer Zote nach, radebrecht ein «complimang» und lässt die Köchin hochleben. La voilà: Gilberte, die dem Haufen charmant Paroli bietet.

 


Lichtblicke und Tiefschläge

Solch leiblichen Lichtblicken folgen auch emotionale Tiefschläge: Etwa die Order, dass die politische Lage keinen Weihnachtsurlaub zulässt. Gilberte tröstet. Und da ist noch der Hasler Peter mit dem gebrochenen Herzen, weil sein Schatz, die Tilly Odermatt in Bern, seine brieflichen Liebesschwüre nie beantwortet. Gilberte tröstet. Es stellt sich heraus, dass Tillys Vater die Briefe abgefangen hat. Doch Gilberte bringt die beiden wieder zusammen, obwohl inzwischen auch sie… Ein Tränchen nur, und schon ist sie wieder für alle da, die aufopfernde, tapfere Gilberte.


 

Mitunter reichlich unmotiviert eingestreut finden sich Schlaglichter zur schweizerischen Befindlichkeit von einst, aber ebenso aus der Gegenwart. Dazu schlüpft Gilberte schon mal in die Rolle von Betty Bossi, einer anderen Schweizer Ikone.



Mitten ins Stück ist zudem eine langfädige Rede zur Lage der Nation einmontiert – wohl um der Aktualität zu genügen. Da geht’s in einem reichlich konfusen Rundumschlag um Themen wie Gemeinsinn, Zusammenhalt und Ausgrenzung. Es geht um diejenigen, die auswandern, und solche, die ins Land drängen. Es geht ums hippe Sauerteigbrot, um Wanderwege mit Rolltreppen, die eritreische Putzfrau mit dem unaussprechbaren Namen, den Einsiedler Schäfer-AfD-Hund…. Uff! Da beißt sich die Originalität selbst in den Schwanz. Immerhin ist’s eine absurd-komische Performance des Schnellsprechs und der Gedächtnisleistung der souveränen Schauspielcrew.


 

Ganz zu sich findet das Stück, das bisweilen ein wenig mit der Stringenz hadert, erst wieder am Schluss: Da stehen plötzlich sechs blonde Gilbertes in blanker, weißer Schürze im Lokal und winken den scheidenden Soldaten nach; eine Prise Wehmut und Sentiment darf schon sein. Auf jeden Fall eine liebenswürdige, unpathetische Hommage an die Frauen, die – damals wie heute – jene Last tragen, jene Arbeit verrichten, von der man in der Regel nicht spricht. Bestenfalls ein Liedchen trällert…


Szenenbilder: © Neumarkt Theater – Nadine Reichmuth

Post scriptum

Gilberte Montavon heiratete 1923 den St. Galler Kaufmann Ludwig Schneider und lebte fortan am Zürichberg, wo das Paar einen offenes Haus führte. Sie muss temperamentvoller und schlagfertiger gewesen sein als das schüchterne Mädchen, das der Film nahelegt. Frau Schneider-Montavon wurde während des Zweiten Weltkriegs eingespannt, um sich am Radio mit ermutigenden Worten an die Soldaten im Aktivdienst zu wenden. Ihre Prominenz und der Medienrummel belasteten sie psychisch. Sie starb im Alter von 61 Jahren an einem Krebsleiden, ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Nordheim in Zürich


Gilberte Schneider-Montavon

(1898–1957)

© Wikimedia Commons – Hadi

15.01.2025

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