Leuchtendes Erlöschen

«Supernova» – der Titel lässt Anderes erwarten. Einen Weltall-Thriller zum Beispiel, auf jeden Fall eine geballte Ladung Special-Effects aus dem Science-Fiction-Labor mit entsprechendem Soundtrack. Das Gegenteil ist der Fall: «Supernova» ist ein asserordentlich stiller, ruhiger Film, ein Film, in dem Schweigen, Pausen, stumme Gesten und Blicke ebenso bedeutungsvoll, mitunter geradezu zentral sind.

Harry Macqueens zweiter Spielfilm handelt von einem Paar – zwei Männern in der zweiten Lebenshälfte –, die sich in einem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Wohnmobil auf einen Roadtrip durch Englands Nordwesten, den Lake District, begeben.


Der eine, Sam, ist Konzertpianist, der andere, Tusker, Schriftsteller. Im Reisgepäck befindet sich auch ein Teleskop: Als Hobby-Astronom freut sich Tusker, wenn er am Nachthimmel eine Supernova entdeckt, einen besonders hell leuchtenden Stern am Ende seiner Existenz, ein Stern, der durch Auto-Explosion so viel Materie freisetzt, dass er sich selbst auslöscht und andere Sterne entstehenlässt. Damit gewinnt der anfänglich irritierende Titel im Lauf des Films an Symbolkraft und tieferem Sinn.


Denn: Tusker hat vor zwei Jahren die Diagnose einer beginnenden Demenz erhalten, die jetzt – noch kaum merklich, aber unaufhaltsam – voranschreitet. Dennoch ist er, abgesehen von ein paar irritierenden, kleinen Aussetzern, noch voll da. Sein Esprit und sein Witz reichen sogar ab und zu sogar noch zu einer kleinen «interfamiliären» Zänkerei, etwa über den Wert eines Navigationssystems oder das Schalten in höhere Gänge, was aber binnen kurzem wieder beigelegt wird – sei’s durch einen erinnerungsschwangeren Song am Autoradio, sei’s durch eine liebevoll-flapsige Bemerkung. Liebevolle Sticheleien wie bei einem alten Ehepaar eben, dessen Beziehung über viele gemeinsame Jahre hinweg gewachsen ist und nun auf einem unverbrüchlichen Fundament von Urvertrauen, Achtung und Liebe ruht.


Aber im Hintergrund wissen beide um die Endlichkeit ihrer Gemeinsamkeit. Noch kann man das Unausweichliche mal mit Ironie, mal mit salopper Nichtbeachtung überspielen. Zum Beispiel mit dem als Überraschung für Sam arrangierten Treffen mit Familie und Freunden, bei dem Sam eine von Tusker verfasste Rede verliest, die Klarheit schafft – auch für alle Anwesenden.


Zwar ist die Thematik der Demenz weniger stark thematisiert als bespielweise im oscar-gekrönten «The Father» mit Antony Hopkins. Zwar wird der Verlauf der Erkrankung nur am Rande gestreift; es könnte sich gerade so gut um eine andere letale Diagnose handeln. Doch die Kernfrage bleibt sich gleich: Tusker begegnet ihr mitunter mit Zynismus oder Gereiztheit, wenn ihm dieser oder jener kleine Lapsus passiert, wenn er auf Hilfe des Freunds angewiesen ist. Für ihn ist klar: Er will in Erinnerung bleiben als der Mensch, der er war, und nicht als der, zu dem er zusehends zu werden droht. Den in seinen Augen erniedrigenden Weg dahin, will er abkürzen; ein Ausharren bis zum natürlichen Ende empfindet er als Zumutung gegenüber sich, als unfair gegenüber seinem Partner. Sams Antwort darauf ist ebenso klar. Er hat seine Karriere als Pianist aufgegeben, um ganz für Tusker da zu sein. Jetzt will er mit ihm auch den Weg bis zum Finale gehen: «Es geht nicht um fair oder nicht fair, es geht um Liebe» , widerspricht er dem Freund.


Solche Sätze fallen ganz unsentimental. Ihre Wirkung ist umso herzzerreissender. Denn letztlich rührt der Film damit an grundsätzliche Fragen im Zusammenleben zweier Menschen, vielleicht sogar an die existentielle Frage, wie weit die Autonomie des Einzelnen gehen soll. Es ist ein Verdienst des Films, mit dieser Thematik subtil und unpathetisch umzugehen, in klugen, knappen, anrührenden, mitunter gar witzigen Dialogen. Die Sexualität wird mit einer alltäglichen Selbstverständlichkeit dargestellt, da genügt eine Berührung, ein Blick, ein Kuscheln im zu schmalen Bett.

Diese Authentizität und Gefühlstiefe verdankt sich den beiden grossartigen Hauptdarstellern Stanley Tucci als Tusker und Colin Firth als Sam. Offenbar waren ursprünglich die Rollen umgekehrt besetzt. Die beiden gestandenen Schauspieler und persönlichen Freunde sollen dann, so kann man lesen, dem Regisseur zu dessen anfänglichem Schrecken einen Rollentausch vorgeschlagen haben, der nach einigem Zögern akzeptiert wurde. Eine gute Entscheidung, denn Tucci entspricht schon äusserlich tatsächlich eher dem Profil des eigensinnigeren Tusker, während Firth der weichere, flexiblere der beiden zu sein scheint.


Auch die kleine Rolle von Sams Schwester ist mit Pippa Haywood hervorragen besetzt, ebenso alle übrigen. Einen nicht unwesentlichen Teil an der Intensität des Streifens tragen die grandiose urtümliche Landschaft bei. Sie schaffen im doppelten Sinn einen weiten Raum, in dem sich nicht nur prachtvolle Bilder entfalten können, sondern auch Emotionen und Ungesagtes. Und wenn sich Sam am Schluss endlich wieder einmal ans Klavier setzt und Edward Elgars Schmonzette «Salut d’amour» spielt, ist man gefühlsmässig schon so durchlässig und weich, dass man, ohne es zu merken, das Taschentuch hervornestelt.