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Puristisch. Enigmatisch. Melancholisch.

Drei völlig unterschiedliche Choreografien. Drei völlig verschiedene Bewegungsidiome. So könnte man den neuesten Ballettabend im Zürcher Opernhaus zusammenfassen. Und genau darin liegt der Reiz dieser Produktion als Spiegel dreier Choreografen-Generationen.

Den Anfang macht der Altmeister Hans van Manen mit «On the Move», das dem ganzen Abend den Titel gegeben hat. Bewegung als Chiffre für Aufbruch, Weggang, Distanz, Abschied...


Es handelt sich dabei um eine Choreografie, eine von rund hundertfünfzig Arbeiten des mittlerweile über 90-Jährigen und mit vielen Preisen Ausgezeichneten, die er 1992 für das Nederlands Dans Theater geschaffen hat. Die Musik dazu stammt von Sergej Prokofjew. Von diesem ist bekannt, dass ihm neben der prioritären Suche nach neuen Klängen der lyrische Melos und das bewegungsgeladene, motorische Element wichtig waren. Dazu gesellt sich bisweilen auch ein scherzhafter Ton; Prokofjew verbot sich in diesem Zusammenhang jedoch den Ausdruck des «Grotesken». All dies ist jedenfalls in seinem 1. Violinkonzert, D-Dur, zu hören; farbenprächtig, energiegeladen, wo erforderlich auch mit der zauberischen Zartheit dargeboten von der hervorragenden Konzertmeisterin Hanna Weinmeister und der Philharmonia Zürich, erstmals unter der zupackenden Stabführung der russischen Dirigentin Alevtina Ioffe.

Ursprünglich, 1915, als Concertino, also als kleines Konzert, geplant, wuchs es sich in seiner Endfassung von 1917 (merken Sie sich diese Jahreszahl!) zu einem veritablen Konzert aus. Inzwischen gehört es längst zum Standardrepertoire grosser Geiger – Szigeti und Oistrach als zwei der Ersten. Und dies, obwohl der Solopart bei der durch die Politwirren auf Oktober 1923 verschobenen Pariser Uraufführung – Prokofjew lebte inzwischen im Westen – vom damaligen Konzertmeister gespielt werden musste (durfte!), da mehrere Geigenvirtuosen das Werk abgelehnt hatten. Entstanden ist das Konzert im Umfeld der «Symphonie classique». So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich van Manen, allerdings offenbar erst nach anfänglichem Zögern, für dieses Stück entschieden hat, scheint es doch perfekt zu seiner Ästhetik zu passen.


Den lyrischen, fast zögerlichen Anfang – pianissimo e sognando schreibt die Partitur vor – kontrastiert ein zweites Thema, das sich zu einer von Harfen- und Pizzicatoklängen unterstrichenen Eloquenz steigert. Der zweite ist wider Erwarten kein langsamer Satz, sondern ein fast mendelssohnsches flirrendes Scherzo, vivacissimo: eine furiose Solovioline im Umfeld eines filigranen Orchestergewebes, hell und spukhaft aufblitzend. Danach folgt die Beruhigung im 3. Satz, moderato, der das Gehörte in abschliessender Reminiszenz wiederaufnimmt und so ruhevoll Lyrisches und motorisch Bewegtes einträchtig zusammenfügt. Diese musikalische Struktur findet ihre Entsprechung in van Manens hochpräzis strukturierter, fast möchte man sagen puristischer Tanzsprache: durch und durch poetische, reine Schönheit! Van Manen fühle sich, so ist es im Programmheft zu lesen, von der Malerei der Konstruktivisten angesprochen; tatsächlich erinnert sein Bewegungsvokabular an diese Kunstrichtung, die notabene im revolutionären Russland ihren Anfang nahm und sich auch in der niederländischen Künstlervereinigung De Stijl, gegründet 1917 (!), niederschlug (einschlägige Namen dazu sind Mondrian, Doesburg, Rietveld u. a.).

Zu erleben ist Tanz in bezwingender Klarheit, Bewegung in konsequenter Pureté, die auf Effekthascherei und Überflüssiges verzichtet – selbst in der hochstilisierten «Verbeugung» am Schluss zum frenetischen Applaus. Michelle Willems und Matthew Knight, Katja Wünsche und Jan Casier sowie fünf weitere Tanzpaare in farblich fein abgestimmten Trikots in Dunkelrot über Nachtblau und Graugrün bis zu Schwarz bewegen sich schwerelos – auch ohne Spitzentanz! – auf der Bühne, durchmessen den schwarzen Raum mit ausgreifenden Schritten, zu zweien, zu vieren, als kleine Gruppe, als Pulk oder Individuen, Frau und Mann. Synchron oder kontrapunktisch, oft spiegelbildlich, mal symmetrisch, mal en ligne. Immer elegant, harmonisch, schön.

Ganz anders geartet ist Teil II des Abends, eine Uraufführung mit dem wenig erhellenden Titel «Tal». Dabei handelt es sich um die Arbeit des rund 30jährigen Münchners Louis Stiens, Tänzer aus der Stuttgarter Schule und heute vermehrt Choreograf. Auf der weiterhin leeren Bühne befindet sich ein rätselhaftes Gebilde, das die Bühnenbildnerin Bettina Katja Lange geschaffen hat: Ein schwärzlicher Lavabrocken? Ein Meteorit? Eine Art Fladen mit Dellen, Kulen, Wülsten, Runsen und Rillen. Plötzlich lugt ein Geschöpf über den hinteren Rand des Urgesteins. Reckt sich empor und gleitet mit schlangenartigen Bewegungen über den Felsen hinweg. Bald gesellen sich weitere acht solcher Erscheinungen dazu. Geschlechtslos, wie es scheint. Denn alle tragen hautfarbene Bodys, die eine eindeutige Zuordnung zum Geschlecht relativieren: Zwitterwesen, non-binär. Diese robben und rutschen um und über den Monolith. Winden und wälzen sich am Boden. Kriechen und krabbeln gegen Wellen und Wind. Suchen Halt und Trost, lassen sich treiben. Formieren sich zu Paaren, verletzlich, schutzlos, zärtlich. Sind’s wirbellose Kreaturen einer frühen Evolutionsstufe? Würmer? Schlangengezücht? Sind’s Lebewesen, die eine endzeitliche Katastrophe überstanden haben?

Dem enigmatischen Schauspiel wurde Musik von Debussy («Nuages») und Ravel (Orchesterfassungen von «Gibet» und «Une barque sur l’océan») unterlegt. In Kombination mit Tonaufnahmen (Michael Utz) auf dem Uetliberg – Windesrauschen, Gesteinsgrollen, Flugzeuglärm – ist eine Tonlandschaft entstanden, die, gemäss Stiens, «in einen Dialog mit dem Bühnenbild und der Choreografie treten soll». Was indes nur bedingt eingelöst wird. Dennoch: Aus dem Orchestergraben erklingt atmosphärische Musik, sublim interpretiert; auf der Bühne geschieht mehr Akrobatik als Tanz, was sich stellenweise als etwas repetitiv erweist. Insgesamt aber eine packende, neuartige szenische Umsetzung, die zum Nachdenken und zu Fragen anregt.

An dritter Stelle folgt eine Arbeit des scheidenden Ballettdirektors Christian Spuck, der, geborenen 1969, die ungefähre Mitte der vertretenen Choreografen einnimmt. Elf Jahre lang hat er äusserst erfolgreich mit dem Zürcher Ballett gearbeitet, nun, zur nächsten Spielzeit, zieht er weiter als Intendant ans Staatsballett Berlin. Bereits mit einem Fuss an der Spree hat er diese «Abschieds-Postkarte», wie er’s nennt, geschaffen und überlässt so die letzte Ballettproduktion dieser Spielzeit seiner Nachfolgerin Cathy Marston.


Im Zentrum von Spucks Choreografie steht György Ligetis «Lontano» für grosses Orchester aus dem Jahr 1967, das dem Einakter auch gleich den sinnigen Titel liefert und die ganze Compagnie auf die Bühne bringt. Ergänzt wird Ligetis suggestive Musik durch ein Stück von John Zorn, eine orchestrale Version des hebräischen Versöhnungs- und Reinigungsgebets Kol Nidre, sowie zwei pianistische Einspielungen von Alice Sara Ott, ein Chopin-Prélude und eine Eigenkomposition. Waren diese Zusätze wirklich nötig? Wäre die «Postkarte» ohne sie nicht stringenter und schlüssiger ausgefallen?

Ligetis Komposition beginnt im vierfachen Piano mit einem einzigen Ton in Flöte und Cello. Daraus entwickelt sich sukzessive ein weites Klanggefüge aus zahllosen verästelten Einzelstimmen, die sich kanonartig ins Geflecht einweben, was die Assoziation einer Fläche hervorruft, die sich zwischen extrem hohen und extrem tiefen Tönen ausbreitet. Über weite Strecken bewegt sich die schillernde Musik im unteren Lautstärkebereich, um nur durch gelegentliche Eruptionen die dynamische Zurückhaltung aufzubrechen. Erst gegen Ende streben die diversen Stimmen auf einen gemeinsamen Hochton zu, überstrahlt vom imposanten Blech. Doch unvermittelt bricht diese Steigerung ab, zurück bleibt ein orchestrales Raunen in tiefer Lage, morendo, und schliesslich eine Zurücknahme in die absolute Stille. Ein durchaus passender Schluss für den von leiser Melancholie überschatteten Abschied.


Wie in vielen Produktionen zuvor spannt Spuck einerseits auch hier mit der Kostümbildnerin Emma Ryott zusammen, die für das Ensemble schlichte casual-artige Outfits in diversen Grüntönen kreiert hat. Anderseits wurde das äusserst diskrete, aber ungemein stimmige Bühnenbild Spucks bewährtem Bühnenbildner Rufus Didwiszus anvertraut: Am Boden eine Art rechteckiger Teppich, der seine Entsprechung in einer von Leuchtröhren eingefassten, absenkbaren Decke hat: unspektakulär und gerade in der Schlichtheit überzeugend.

Natürlich ist die Leistung der Compagnie einmal mehr perfekt. Technisch und künstlerisch ohne Fehl und Tadel. Dynamisch und ausdrucksstark. Daniel Mulligan mit blossem, tätowiertem Oberkörper fungiert als eine Art Pan oder Puck. Um ihn herum entwickelt sich eine kunstvolle Choreografie, die allen Mitgliedern Gelegenheit gibt, sich zu präsentieren, solistisch, im Pas de deux, in kleineren Gruppen oder als ganzes Corps. Das ist eine schöne Geste des Choreografen an seine geschätzte Truppe. Doch als Ganzes will diese letztlich ziemlich spröde Choreografie nicht greifen. Den Sog, mit dem Christian Spuck selbst Ballettmuffel immer wieder mit seinen grandiosen Balletten zu begeistern wusste, hier vermisst man ihn ein wenig. Was indessen die grossen Verdienste und die Erinnerung an seine atemberaubenden abendfüllenden narrativen Produktionen in keiner Weise schmälert! So mischt sich denn in Erinnerung an – um nur einige herauszugreifen – «Dornröschen», «Anna Karenina», «Roméo et Juliette», «Nussknacker und Mausekönig», aber auch an abstraktere Produktionen wie das Verdi-Requiem, die Schubert-Zendersche «Winterreise» oder den Monteverdi-Abend durchaus ein Quäntchen Melancholie über dieses Ende einer Ära. Doch Theater bedeutet immer auch, on the move zu sein! Also denn: move on! And good luck!

Bilder: © OHZ – Gregory Batardon



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