Rosen ohne Dornen
- 5. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
DIE PFINGSTROSE (LAT. PÆONIE) IST KEINE ROSE, SIE TUT NUR SO
EINE KLEINE KULTURGESCHICHTE

Lascia la spina, cogli la rosa!» – Rosen pflücken, ohne sich an den Dornen zu stechen. Das wäre doch der Inbegriff der reinen, ungetrübten Freude!
Und genau das verheißt Il Piacere, die allegorische Figur des sorglosen Vergnügens, in Georg Friedrich Händels Oratorium «Il trionfo del tempo e del disinganno». Mit diesen verführerischen Worten soll die lebenshungrige Bellezza, die sich der Vergänglichkeit ihrer Schönheit (noch) nicht bewusst ist, zur uneingeschränkten Hingabe an Lust und Genuss ermuntert werden. Für sein geistliches Werk über den «Triumph der Zeit und der Erkenntnis» (sinngemäß der «Ent-Täuschung» oder der «Ent-Zauberung»), 1707 im opernfeindlichen Rom enstanden, hat der Komponist eine seiner berückendsten Melodie erfunden (so bezaubernd, dass er sie nur vier Jahre später, 1711, in profanerem Kontext, in der Oper «Rinaldo», erneut verwendet, dann allerdings mit anderemText – weniger «rosig», sondern tränenreicher).
Rosen ohne Dornen gibt es nicht. Kann und darf es nicht geben, warnt uns die moralisierende Alltagsphilosophie, falls wir uns dem Pläsir welcher Art auch immer allzu leichtfertig hingeben sollten. Auch in Mozarts «Zauberflöte» legt der Textautor Emanuel Schikaneder Pamina die Volksweisheit in den Mund: Die Liebe, so singt sie, möge den Prüfungsweg, den sie gemeinsam mit Tamino furchtlos beschreiten wird, «mit Rosen streun, weil Rosen stets bei Dornen sein.»
Keine Dornen, nicht einmal Stacheln!
Unsinn! – mäkelt der Botaniker. Rosen haben gar keine Dornen, sondern Stacheln. Diese wachsen auf der Oberfläche der Rindenhaut und lassen sich leicht abstreifen. Dornen dagegen sind fest mit dem Gehölz verbunden. Die Päonie hat weder das eine noch das andere!

Doch diese «spitzen Findigkeiten» sollen uns hier nicht kümmern, ganz abgesehen vom recht freien Umgang Schikaneders mit Reim und Grammatik. Denn gerade jetzt, zum Auftakt des Sommers, bietet Göttin Flora eine höchst attraktive Alternative zur dornenbewehrten Rose. Und so wird sie in der «Eigenthümlichen Pflanzenkunde für Mütter, Jungfrauen, Jünglinge und Naturfreunde» aus dem Jahr 1845 beschrieben: «Sie riecht syrupartig und giebt uns mit ihrer strahlenden Blüthe von der Farbe des Blutes das Bild der Prahlsucht» – Die Rede ist von der Pæonia officinalis.
Besser bekannt ist die Prahlsüchtige hierzulande allerdings unter ihrem bürgerlichen Namen: Pfingstrose. Die stämmigen, karminroten Sorten können zwar das Pfingstfest kaum abwarten. Sie erblühen vorschnell, trumpfen mächtig und vorlaut auf, lassen ihre Blütenblätter jedoch nach kurzer Pracht fallen und verströmen auch nicht den betörend zarten Duft: Der Volksmund nennt sie «Bueberose» – wie trefflich, wie wahr ist doch Volkes Stimme!

Sarah Bernhardt und Graf Zeppelin
Wenig später erblühen die «echten» Pfingstrosen. Ihre üppigen, duftenden Blumen, gefüllt mit unzähligen Kronblättern von milchigem Weiss, hellerem oder dunklerem Rosa, die sich apart vom reichen grünen Blattwerk abheben, sind geradezu ein Sinnbild von Fülle und Opulenz. Es gibt Sorten, deren Blütenblätter beim Erblühen pinkfarben sind, sich aber allmählich über Orangeschattierungen zu blassen Gelbtönen wandeln. Neben krautartigen Büschen wachsen sie auch als hohe verholzende Strauch- und Baumpäonien, gefüllte Sorten oder aber mit einem einfachen Kronblätterkranz, der die apart gefärbten Samenstände wie in einer Schale präsentiert. In ausladenden Horsten, die jahrzehntelang am gleichen Standort gedeihen, bilden sie in Bauerngärten einen reizvollen Kontrast zu Lupine, Rittersporn und Schwertlilie. Und sie tragen wie die echten Rosen vornehme Namen wie Madame Calot, Sarah Bernhardt, Graf Zeppelin oder Bowl of Beauty.


Die Blume des Götterarztes Päon
Trotz der (falschen) Bezeichnung gehört die Pfingstrose nicht zu den Rosaceae und auch nicht zu den Hahnenfussgewächsen, wie früher angenommen. Vielmehr bildet sie eine eigene Familie, deren ursprüngliche Heimat China, Ostsibirien und Korea ist. Heute gedeiht sie in ganz Europa; in den trockenen Hügel- und Berggebieten des Mittelmeerraums und im Tessin findet sich auch ihre ursprüngliche Wildform, die Officinalis, mit den ungefüllten Blüten.
Officinalis deshalb, weil sie schon seit Urzeiten in der Hausapotheke des griechischen Götterarztes Päon einen wichtigen Platz innehat. Dieser Päon – eigentlich Apollo im Ärztekittel – bediente sich ihrer Wurzeln, die man Rhizome nennt, zur Schmerzlinderung und zur Blutstillung, wenn seine olympischen Kollegen im Schlachtgetümmel wieder mal was abgekriegt hatten. Später überliess Apollo die «Königin der Kräuter» großzügig dem Menschengeschlecht, das ja ebenfalls von allerlei Gebresten geplagt wird. Und da die Päonie auch im Zaubergarten Hekates, der Herrin des nächtlichen Unwesens und der Zauberei, gedeiht, wurde sie ebenfalls als antidämonisches Mittel eingesetzt: «15 schwartzer Peonienkörner sind gut wider den Alp, das ist ein sucht oder fantasy so den menschen im schlaff druckt ... », also gegen Alpträume, aber auch gegen Epilepsie, Mondsucht und Hexenschuss.

Im Handbuch des deutschen Aberglaubens, einem herrlichen Werk zum Schmökern, wird die Pfingstrose auch Gichtrose genannt, denn ihre Stängel, ins Badewasser oder in die Wiege des Säuglings gelegt, sollen diesen vor dem künftigen Zipperlein bewahren. Die zerstossenen Blätter helfen gegen das Wundwerden des kindlichen Popos; die Samenkörner, in einem Amulett am Hals getragen, schliesslich erleichtern das Zahnen. Aber aufgepasst – und das ist ja wohl bei einer derart wundertätigen Pflanze selbstverständlich: Päonien dürfen nur an einem Julisonntag im Neumond zur Mittagsstunde oder aber nachts ausgegraben werden. Und selbst dann ist höchste Vorsicht geboten, dass einem dabei kein Specht zuschaut, sonst kostet es das Augenlicht.
Falls Sie jedoch keinerlei derartige Übel zu kurieren haben und nicht allzu abergläubisch sind, können Sie sich auch einfach an einem Strauß dieser wohl prächtigsten unter den einheimischen Gartenblumen erfreuen. Aber wie gesagt: Achtung! Dies ist ein Arzneimittel, lesen Sie den Pflanzzettel oder fragen Sie – den Gärtner.


© Bilder: Herbert Frei & Bruno Rauch
18. 05. 2024/26
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Lieber Bruno
Vom Musikus zum Blumikus.......danke für die wirklich spannende Geschichte der beschriebenen Blumen, eine interessante wie amüsante Wissens-Erweiterungsgeschichte. Und.....lieber Bruno, ich ziehe den Hut, nicht nur in Musikgeschichte erfahren wir Köstlichkeiten, nun auch noch Blumengeschichten in vollendeter Perfektion.
Wir wünschen dir schön bemalte Ostereier.
Herzliche Grüsse
Margrit und Norbert
Was für wunderschöne Pfingstrosenbilder, liebe Bruno - sie duften sogar 😊! Der Hinweis des "Unknown Member" ist übrigens goldrichtig: Rosen haben tatsächlich keine Dornen - es handelt sich um Stacheln 😉.
Wunderschön die Pfingstrosen …….. aber auch der Artikel ! Schöne Pfingsten!
M. B.
Wieder ein wunderschöner Text mit ebensolchen Bildern!Danke vielmals für das riesige Lesevergnügen.
Tausend und mindestes ein Dank für diese vergnügliche, wundersam belebende Arznei.
M.