Russische Klangmagie und italienisches Brio

Eine Woche nach seinem gelungenen Einstieg mit Verdis «Trovatore» präsentiert sich der neue GMD des Opernhauses Zürich, Gianandrea Noseda, nun auch als Orchesterdirigent. Schon anlässlich jener Premiere fiel auf, wie er die Kontraste mit Lust und Phantasie unterstrich und herausziselierte.


Auch bei der Programmierung des Konzerts der Philharmonia Zürich scheint ihn diese Vorliebe geleitet zu haben: Johannes Brahms’ 1. Klavierkonzert in d-Moll und Antonín Dvořáks 8. Sinfonie in G-Dur sind zwei sehr kontrastreiche Werke, in der Gegenüberstellung wie auch innerhalb ihrer selbst. Hier die heiter spielfreudige, lebensfroh sprudelnde Sinfonie, deren musikalische Ideenreichtum beglückt und immer wieder überrascht. Dort das sperrige, strenge Konzert, das – gemäss zeitgenössischer Kritik von 1859 – nicht dazu angelegt war, «dass es irgend eine Befriedigung und einen Genuss gewähren könnte». Der Komponist hatte es anfänglich als Sonate für zwei Klaviere konzipiert, später aber zu einem Solistenkonzert mit Orchester umgearbeitet; jedenfalls auch hier eine Fülle von grösstmöglichen Kontrasten.

Apropos Kontraste: Auch die beiden Exponenten scheinen von unterschiedlichen Sternen zu kommen: Einerseits der lebenslustige, charismatische Dirigent italienischen Geblüts, der es beim Schlussapplaus nicht beim wiederholten Händeschütteln mit mehreren Musikern bewenden lässt, sondern am liebsten das ganze Orchester umarmen würde. Und das Publikum dazu. (Das sollte übrigens auch anderntags, bei der sonntäglichen Gesprächsmatinée, zum Ausdruck kommen, wo Noseda munter und in charmantem «Englitaliano» über sich, sein Metier und seine Projekte parlierte; davon später.) Andererseits der enigmatische russische Pianist Daniil Trifonov, Bart und lange Haarsträhnen über der Stirn, der weder vom Orchester noch vom Publikum Notiz zu nehmen scheint; eine Körperhaltung, die eher Hemmung und Scheu als Zugewandtheit ausdrückt. Dennoch: Aller Unterschiede zum Trotz, da haben zwei zusammengefunden, beide gleichermassen beflügelt durch ihre bedingungslose Hingabe an die Musik.

Beinahe fluchtmässig rettet sich der dreissigjährige Pianist vor dem Begrüssungsapplaus auf die Klavierbank, wo er sich während des langen, grummelig-wuchtigen Vorspiel in einen meditativen Kokon einhüllt. Erst dann, in Takt 91, greift er mit einer nachdenklichen Behutsamkeit in die Tasten, um dem monumentalen Anfang eine entrückte Expressivität entgegenzusetzen. Atemberaubend, wie er kontemplative, geradezu zärtliche Momente mit schierer Wucht und Emphase in Dialog bringt, wie er gleissende Virtuosität – etwa in den mörderischen Oktavtrillern – inniger Schlichtheit gegenüberstellt, wie er Farbnuancen noch aus den fingerbrecherichsten Passagen herausholt. Da ist eine Kultur des Anschlags und der Dynamik zu erleben, die auch in den markigsten Stellen nicht berserkerhaft auftrumpft, sondern durch energetische Fokussierung aufhorchen lässt. Im zweiten Satz – Brahms soll ihn als ein «sanftes Porträt» der verehrten Clara Wieck Schumann empfunden haben – überhöht Trifonov den bereits in der Komposition angelegten nahezu religiösen Gehalt und zaubert eine Atmosphäre von überirdischer Klanglichkeit. Im finalen Rondo mit seinem synkopierten Drive stiehlt sich manchmal wie ein flüchtiger Sonnenstrahl ein Lächeln auf das Gesicht des Interpreten: mit stupender Technik und spürbarer Lust an Klangmagie werden die unterschiedlichen Episoden im feinsinnigen Zwiegespräch mit dem Orchester gestaltet, bis sie in der exquisiten Kadenz quasi fantasia und den fulminanten beidhändigen Doppeltrillern gipfeln: Trifonov versteht es, das bekannte Werk so spielen, dass es neu und unverbraucht klingt.

Beim tosenden Applaus aber ist er wieder ganz der gehemmte, introvertierte junge Mann – möglichst schnell weg! Immerhin, zu einer Zugabe lässt er sich bewegen: Bach (aus Kunst der Fuge?), so ätherisch und schlicht, dass der Atem stockt – und der Schlussapplaus nur zögerlich, dann aber umso heftiger einsetzt

Nach der Pause Dvořák – schon tonartlich eine andere Welt: Lebenslust, Naturlaut, folkloristisches Kolorit, offenbar inspiriert vom Sommersitz in Vysoká. Aber auch der Italiener Noseda scheint sich in dieser mittelböhmischen Welt heimisch zu fühlen: Die kompositorische Motivfülle, den energetischen Schwung und die atmosphärische Klangwelt dieser Musik bringt er mit ausladender Geste zum Strömen, mal tänzelnd, mal mit wippenden Knien, mal mit wackelndem Kopf. Und die Philharmonia Zürich folgt ihm begeistert. Musiziert elastisch, elegant, auftrumpfend, kompakt bodenständig, aber auch transparent und – im fast parodistischen Einschub des Schlusssatzes als geradezu saturnalischer Festzug – mit hinreissendem Witz. Mögen da und dort die Kontraste extrem zugespitzt, vielleicht sogar etwas überhitzt erscheinen... Mag die musikantische, leichtfüssige, aber keineswegs leichtfertige Lesart des Italieners die vom Komponisten offenbar bewusst angestrebte Fragmentierung etwas zu sehr in den Vordergrund rücken... Das Ergebnis jedenfalls ist ein überaus farbiger, variationsreicher und, ja, sehr unterhaltsamer Hörgenuss.


Schon bald Herr des Ringes

Das temperamentvolle Bild des Dirigenten bestätigt sich beim Frühschoppen am folgenden Tag im Bernhard Theater, wo sich Gianandrea Noseda zusammen mit Operndirektor Andreas Homoki den Fragen der Dramaturgin Beate Breidenbach stellt. In Zürich ist Noseda kein Unbekannter. Prokofievs «Der Feurige Engel», Verdis «Macbeth», Brahms-Requiem hat er hier sehr erfolgreich dirigiert. Er stand daher weit oben auf der Liste der Wunschkandidaten nach dem Weggang von Fabio Luisi. Der unwahrscheinliche Zufall wollte es, dass Noseda just zu jenem Zeitpunkt, 2018, seine Position am Teatro Regio Turin aufgab, also für Anfragen offen war. Als ihm Homoki vom geplanten «Ring des Nibelungen» erzählte, habe er nach einer weiteren Woche Bedenkzeit nicht widerstehen können. erzählt er und bekräftigt: eine einmalige Chance, besonders an einem Haus im deutschsprachigen Raum. Übrigens: Am Teatro Regio erlebten einige Wagner-Opern ihre italienischen Erstaufführungen unter Toscanini.


Beim «Ring», sagt Noseda, der bereits den «Holländer», den «Lohengrin» und den «Tristan» dirigiert hat, wolle er nicht ausschliesslich auf «big sound» setzen; es soll zwar kein «Bonsai-Ring» werden, doch Transparenz und lyrischer Gesang seien auch bei Wagner wichtig.


Was ihn zusätzlich motiviert habe, sei die Qualität der Philharmonia Zürich und deren Flexibilität, sich für unterschiedliche Komponisten auch unterschiedliche Klangsprachen anzueigenen. Also Liebe auf den ersten Blick? Noseda schmunzelt: Eher Hochachtung und wachsende Wertschätzung, denn der coup de foudre verblasse meistens über kurz oder lang.

Als GMD hat der gebürtige Mailänder auch ein gewichtiges Wort mitzureden bei der Wahl anderer Dirigenten, aber «da bin ich offen». Es sei wichtig, dass die richtige Person fürs entsprechende Repertoire eingesetzt werde. Belcanto beispielsweise sei enorm delikat – wie ein hauchfeines Kristallglas, das ganz leicht splittern könne. Das allerdings widerspricht ein bisschen der oft beschworenen Offenheit, Leute – ob dirigierend oder singend – nicht zu sehr in eine Schublade zu stecken. Der Alltag wird weisen, wie weit man diesbezüglich gehen wird. Immerhin, so das Versprechen, sollen neben Kontinuität auch Neuentdeckungen, neben bewährten Kräften auch Junge ihren Platz haben.


Zum Schluss nach seinen Plänen befragt, nennt der Mittfünfziger seine Chefposition am National Symphony Orchestra Washington, D. C., sie er weiterhin innehat. Unter anderem wird er dort ein Konzert Mozarts letzten Kompositionen widmen: unter anderem Klarinettenkonzert, Teile aus den letzten Opern, das unvollendete Requiem, an dessen Schluss er das sublime «Ave verum» setzen wird. Händel und Bach stehen auf dem Programm ebenso wie ein Ballett-Programm mit Nino Rota und Borodin – «nicht als Tänzer!», witzelt er. Doch auch das würde man ihm bei seiner Vielseitigekeit zutrauen, wenigstens fast. Und nicht zuletzt, wenn man ihm am Dirigentenpult zuschaut...

Bilder: © OHZ –Monika Rittersaals, Andrin Fretz, Bruno Rauch



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