Wahnsinnige Koloraturen des Wahnsinns

Im Vorfeld zur letzten Premiere der durch Corona arg strapazierten Spielzeit 2020/21 hatte das Zürcher Opernhaus einen ausgezeichnet gemachten Trailer ins Netz gestellt. Thema: Gaetano Donizettis «Lucia di Lammermoor». Da werden kluge Gedanken geäussert, tiefschürfende Bezüge offengelegt, spannende Überlegungen soziopsychologischer und gesellschaftspolitischer Art angestellt. Anschaulich, eloquent und klug von Tatjana Gürbaca (Regie), Speranza Scappucci (Dirigat), Silke Willrett (Kostüme) und Klaus Grünberg (Bühne und Licht). Eingelöst wurden die Statements jedoch kaum.

Bilder:: © Opernhaus Zürich – Herwig Prammer

Klar, es geht um das Frauenbild des 19. Jahrhunderts, um die Position der Frau in einer rigiden patriarchalen Hierarchie. Einer frauenverachtenden, festgefügten Gesellschaftsordnung, die Lucia als Opfer und gleichzeitig Täterin mit einem Aufschrei des Widerstands aufschreckt, irritiert, stört. Und zu durchbrechen sucht. Doch letztlich bezahlt sie ihre vom dominanten Bruder Enrico Ashton mit gefälschten Briefen hintertriebene Liebe zu Edgardo Ravenswood, dem Todfeind der Ashtons, mit dem Leben. In der Brautnacht jedoch meuchelt sie in geistiger Umnachtung den ihr auferzwungenen Gatten, Arturo Bucklaw, im Ehebett.


Das ebenso grauenhafte, wie in sich stringent gradlinige Opernlibretto, das auf Sir Walter Scotts Roman «The Bride of Lammermoor» basiert, wird in der jüngsten Zürcher Inszenierung von der Regisseurin mit viel, mit sehr viel sezierender Psychologie unterfüttert. durchleuchtet und szenisch ins Bild gerückt.


Erinnerungsfetzen und Alpträume Das beginnt schon während des knappen Preludio. Flashbackartige Erinnerungsfetzen berichten von den wenigen lichten Momenten, vor allem aber von den traumatischen Zwängen, Ängsten, Verletzungen, ja sogar sexuellen Missbräuchen, die das Leben aller Protagonisten von Jugend an prägten. Dazu werden – mittlerweile eine ziemlich abgegriffene Idee – einmal mehr Kinder als Doubles der Akteure ins Spiel gebracht, um die Vergangenheit aufscheinen zu lassen.


Da wird beispielsweise eine lediglich als Randnotiz erzählte Episode aus Lucias Kindheit zum sexuellen Übergriff und damit zum thematischen Leitmotiv erhoben: «...impetuoso toro, ecco su lei s’avventa...» (Am Grab ihrer Mutter stürzt sich ein wilder Stier auf Lucia, wird aber von Edgardo, ihrem geheimen Liebhaber getötet; in den schottischen Highlands wohl nicht einmal allzu ungewöhnlich.)In der Folge geistert dieser Minotaurus als schamanistische Spukgestalt mit gehörnten Tierschädel wiederholt durch die Szene.

Weitere konzeptuell Elemente sind die übereck stehenden Kulissenwände auf der permament rotierenden Drehbühne: Die immer gleiche und doch subtil veränderte. unwohnliche Zimmerecke mit schäbigem Eisenbett, das später zum Grab mutiert, wie es der Text wörtlich vorgibt. Die sukzessive Skelettierung der Wände, gedacht wohl als Ebenbild der zerrütteten Seele der Protagonistin. Die Bahnhofsuhren, deren chaotischer Gang das Fortschreiten des Schicksals symbolisiert – oder was auch immer. Eine Celtic Harp – ja, klar Schottland mit seinen Schauerballaden... .


Bedeutungsballast statt emotionaler Tiefe Alles durchaus bedeutungsschwere Bilder. Und gleichzeitig sattsam bekannte. Alles einleuchtend, alles nachvollziehbar. Und doch berührt es wenig. Rückt die bewegende Geschichte aus dem späten 16. Jahrhundert nicht näher an uns heran, trotz Grammophon, Fotoapparat und Hochzeitstorte. Ebenso wenig wie der abenteuerliche Kleidermix aus Casual, Secondhand-Klamotten und formellen Anzügen, gewürzt mit schottischem Tartan. Und ebenso wenig wie die Gewitterszene, wo sich die Kontrahenten Enrico und Edgardo zum Duell verabreden, angestachelt durch die vielen Verblichenen der uralten Familienfehde, die sich auf dem Boden wälzen und die beiden Streiter in Slow Motion und mit mittelalterlichen Waffen zum Kampf anfeuern. Dass schliesslich zum berühmten Sextett zur Sexorgie mit Polonaise (des Grauens) wird, nimmt einem der packendsten Musikstücke der Opernliteratur dieser Zeit allerdings einiges an Wucht.

Stichwort Musik: Einmal mehr wird pandemiebedingt die technische Meisterleitung der Einspielung des Orchesters über Glasfaserkabel eingesetzt. Dirigentin Speranza Scappucci und die Philharmonia Zürich leisten Vorzügliches im nahe gelegenen Proberaum, wo auch der ausgezeichnete Chor agiert. Das Orchester beschränkt sich nicht auf blosses Begleiten der betörenden Belcantolinie; dank zügiger Tempi und rhythmischer Akzentuierung, die allerdings kleinere Koordinationsprobleme bei Tempowechseln nicht ganz verhindern konnten, bekommt die Musik Profil und Farbe. Allerdings – vielleicht eher ein Problem der Übertragung? – ist der Orchesterklang mitunter etwas zu laut.


Die Lautstärke ist generell ein Problem – vor allem für die drei Protagonisten und ganz besonders für Piotr Beczala, der sich mit der Rolle des Edgardo offenbar vom lyrischen Fach verabschiedet. Gewiss, sein strahlkräftiger Tenor besticht nach wie vor mit Glanz und Kraft, die er bis zum Schluss souverän durchhält. Dagegen lässt seine emotionale Ausdruckspalette zu wünschen übrig; ob Zärtlichkeit, Furor oder Schmerz, seine Stimme bleibt weitgehend monochrom. Hinzu kommt gelegentlich ein Anschleifen der Töne von unten, was als sentimentales Ausdrucksmittel durchaus am Platz sein kann, aber nicht zur Manie werden sollte.

Auch Massimo Cavalletti als Enrico setzt seinen klangschönen Bariton fast andauernd im oberen Dezibelbereich ein – bedauerlich, aber vielleicht dem Rollenbild des sich gegen den Niedergang seines Geschlechts anstemmenden Enrico geschuldet? Jedenfalls wird die bereits erwähnte Konfrontation der beiden zum Kampf der Lautstärke.


Oleg Tsibulko als vermittelnder Raimondo, Lucias Erzieher und Seelsorger mit samtenem Bass, und Iain Milne als gefährlicher Finsterling Normanno mit auftrumpfendem Tenor bilden schon von ihrer Aufmachung her ein etwas klischeehaftes Gegensatzpaar: Intellekt vs Gewalt.


Der hell timbrierte Tenor von Andrew Owens verleiht dem ungeliebten Bräutigam Arturo fast etwas Bemitleidenswertes, wie er da ziemlich unbedarft in dieses tödliche Familendrama hineinrutscht. Vor allem – und damit zur Titelheldin! – als er von der delirierenden Lucia bereits halbtot und röchelnd auf die Bühne gezerrt wird, um vor versammelter Hochzeitsgesellschaft endgültig abgeschlachtet zu werden. Selbst wenn wir, das Publikum, längst ähnliche und schlimmere Szenen gewohnt sind, widerspricht dieser Regieeinfall diametral der Intention Donizettis und seines Librettisten Salavtore Cammarano. Natürlich verbot allein schon die Dezenz damals, 1835, eine derartige Szene auf offener Bühne zu zeigen. Aber auch der Theaterinstinkt der beiden hat dieser Szene ein unvergleichlich höheres Spannungspotenzial eingeschrieben, indem wir das schauerliche Geschehnis nur durch den Bericht Raimondos erfahren, der mit den Worten endet: «Eccola!»

Gürbacas Regieeingriff bringt Lucias Auftritt um seine eminent theatrale Wirkung. Denn erst jetzt tritt diese im blutbefleckten Gewand auf. Sie glaubt, die Stimme des geliebten Edgardo zu hören: « Il dolce suono mi colpì di sua voce... [Der süsse Klang seiner Stimme berührte mich...] Irina Lungu verfügt über einen robusten, höhensicheren Sopran, dem sie auch messerscharfe, im eigentlichen Wortsinn wahn-sinnige Töne zu verleihen weiss. Mit beeindruckender Sicherheit führt sie ihre Stimme durch die Register. Das anrührend Zerbrechliche dieser geschundenen Frau jedoch lässt sie vermissen, zumal auch sie häufig im obersten Bereich der Lautstärke agiert. Besonders schmerzlich empfindet man dies im dialogisierenden Zwiegespräch mit der Glasharmonika, deren seltener, unirdischer Klang der Komponist ursprünglich für diese zentrale Szene vorgesehen hatte und der – endlich wieder einmal und sogar direkt im Saal links vor der Bühne – erklingen darf. Ein spezielles Bravo für den einfühlsamen Spieler Thomas Bloch.


Freundlichen Applaus gab es am Schluss auch für alle Bühnenkünstler und Orchester. Jubel für Piotr Beczala. Dem Regieteam aber schlug ein kräftiges Buh entgegen, obwohl nur rund 100 Menschen im Saal sassen. Opernaficionados kennen offenbar kein Pardon, nicht einmal unter diesen erschwerten Umständen.

Opernhaus Zürich – G. Donizetti: Lucia di Lammermoor 2020/21