Falstaff, ein unbekannter Bekannter
Aktualisiert: vor 27 Minuten
MICHAEL WILLIAM BALFE: FALSTAFF (THEATER BIEL SOLOTHURN – TOBS)
EIN IRE EROBERT DEN ITALIENSCHEN BELCANTO – ALS SÄNGER UND ALS KOMPONIST
Kreuzworträtselfrage: Beliebte und beleibte Figur von Shakespeare? Wie so viele seiner Geschöpfe ebenfalls häufig auf der Opernbühne engagiert. 8 Buchstaben… Romeo? – Zu kurz! Hamlet? – Zu mager! – Macbeth? – Zu blutig! Othello? – Zu tragisch!
F-a-l-s-t-a-f-f ! Sir John Falstaff. Aber kennt man ihn wirklich, den Ritter der fülligen Gestalt, den Genussmenschen, den Schürzenjäger, den Prahlhans und Windbeutel?

Gleich dreimal schwadroniert er durch Shakespeares Bühnenwerke. Zuerst im zweiteiligen Königsdrama «Henry IV», Teil der sogenannten Lancaster-Tetralogie, die Ende des 14., anfangs des 15. Jahrhunderts spielt. Dort ist Sir John ein enger Kumpel des jungen Prinzen Henry, genannt Hal. Als dieser, inzwischen König, die Kumpanei mit seinem alten Zechbruder schnöde aufkündigt, macht Falstaff einen gewaltigen Zeitsprung ins zeitgenössische Windsor. Der Dichter gewährt ihm nach dem unrühmlichen Ende als Günstling am Hof einen Neustart in der Komödie: «The Merry Wives of Windsor», wo er ihn dem Gespött der Bourgeoisie preisgibt (Die lustigen Weiber von Windsor, um 1600, vielleicht sogar angeregt von Elizabeth I.).

Eine komödiantische Demontage des (fast) historischen Falstaffs also. Nun ist er ein komischer Antiheld, den Frauen wie dem Trunke gleichermaßen ergeben, gesegnet mit Mutterwitz, begabt mit Improvisationstalent, gebeutelt von Schulden und sekkiert von Gläubigern, die er sich mit philosophischer Unverfrorenheit vom Halse hält. Als solcher macht er eine steile Karriere im Buffo-Genre der Opernbühne. Tatsächlich hat kaum eine andere Shakespeare-Gestalt die Komponisten so beharrlich zur Vertonung gereizt wie Falstaff.
Die Liste ist immens; hier nur einige: Carl Ditters von Dittersdorf (1773), Antonio Salieri (1799), Adolphe Adam (1856), Gustav Holst (1925), Vaughan Williams (1928/29). Neben dem biedermeierlichen Singspiel von Otto Nicolai (1849) ist natürlich Giuseppe Verdis altersweiser Geniestreich von 1893 die bekannteste und sicherlich gewichtigste Vertonung des Stoffs, die den Ritter aus der reinen Bouffonnerie herausholt und jene Ambivalenz und geistige Beweglichkeit wieder freilegt, die Shakespeares Figur auszeichnet.
Ein Ire erobert die italienische Oper
55 Jahre zuvor hat noch ein weiterer, ebenfalls äußerst bemerkenswerter Falstaff die Opernbühne erobert. Komponiert hat ihn Michael William Balfe – im musikalischen Kreuzworträtsel vom Anfang würden die Feldchen wahrscheinlich leer bleiben. Umso großartiger, dass das Städtebundtheater Biel/Solothurn, das immer wieder mit außergewöhnlichen Produktionen von sich reden machende TOBS, Balfes «Falstaff» als Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit gesetzt hat.

Sänger, Dirigent, Komponist: Michael William Balfe (1808–1870)
Wer war dieser M. W. Balfe, der heute außerhalb Englands weitgehend unbekannt ist? In Dublin geboren, war er ein musikalischer Tausendsassa: Geiger, Sänger, Dirigent und Komponist.
Noch als Jugendlicher geht er nach Italien und später nach Frankreich, wo er Cherubini kennenlernt, der ihn fördert und an Rossini weiterempfiehlt. In Paris debütiert er als Figaro in dessen «Barbiere di Siviglia» und an der Mailänder Scala als Jago in seinem «Otello» – Seite an Seite mit den gefeierten Belcanto-Stars jener Zeit. Diese Bühnenerfahrung prägt sein kompositorisches Denken und seinen Sinn für szenische Wirkung. Nach seiner Rückkehr nach London singt er im März 1838 – also wenige Monate vor der Uraufführung seines «Falstaffs» – den Papageno in der ersten englischsprachigen «Magic Flute». Doch zunehmend verlegt er sich aufs Komponieren und wird zum führenden Opernkomponisten seiner Generation. Von seinen rund 30 Opern ist lediglich «The Bohemian Girl» einigermassen bekannt geblieben und daraus besonders die (Wunschkonzert-)Arie «I Dreamt I Dwelt in Marble Halls».

Triumph mit Ablaufdatum…
Vor diesem Hintergrund erhält er als nicht italienischer Komponist – eine Ausnahme in der Gepflogenheit des Her Majesty’s Theatre am Haymarket – den Auftrag, eine italienische Oper auf ein Libretto des Italieners Manfredo Maggioni zu schreiben.
Aus dieser italo-irischen Zusammenarbeit entsteht eine verblüffend genuine Opera buffa, die die musikalischen und szenischen Regeln des Genres souverän beherrscht und ganz auf die Erwartungen des damaligen Publikums zugeschnitten ist – ein musikgeschichtlich bedeutsames Bindeglied zwischen Rossini und seinen Nachfolgern Bellini und Donizetti. Zum Sensationserfolg der Uraufführung vom 19. Juli 1838 trägt die illustre Besetzung bei: ein Sängerquartett, das sogenannte «Puritani»-Quartett, das im Januar desselben Jahres in Paris Bellinis Oper uraufgeführt hatte. Umso erstaunlicher, dass das Werk nach Ende der Spielzeit komplett von der Bühne verschwindet. Dennoch darf Balfes «Falstaff » exemplarisch für den bereits dezidiert kosmopolitischen Opernbetrieb nicht nur im viktorianischen England, sondern in ganz Europa gelten.
…und neuem Glanz
Von stockfleckiger Patina oder gar dem Staub der Musikarchive ist in der aktuellen Produktion jedoch nichts zu spüren! Schon als sich der rote Samt im niedlichen Theaterchen in der Bieler Altstadt teilt, geht ein Raunen durch die Publikumsreihen. Denn was wir zu sehen bekommen, sei eine Bieler Kultstätte, eine bald 100jährige Institution, raunt mir, dem Auswärtigen, meine Sitznachbarin zu.

Das originale Odéon, Café-Bar-Restaurant, eröffnet 1830 an der Bieler Bahnhofstrasse 31
Ausstatter Dirk Hofacker hat die Café-Bar Odéon mit akribischer Liebe zum Detail nachgebaut: Marmortischchen, roter Plüsch, stilvolle Kugelleuchten und florale Art-Déco-Tapete, selbst das Exit-Schild fehlt nicht. Die Bühne erstrahlt im Glanz von 1930, dem Jahr, als das Odéon als erste eingetragene Bar der Schweiz eröffnete. Links der Tresen mit dem funkelnden Zubehör von Gläsern und Flaschen, rechts ein paar Garderobehaken, im Hintergrund die Tür, flankiert von großen Fensterscheiben, durch die man hinausblickt auf die gegenüberliegende Pizzeria Al Capone und die belebte Bahnhofstrasse mit ihren Passanten, die heutige Kleidung von etwas provinziellem Chic tragen.

Doch das Kaffeehaus ist nicht nur magischer Ort, es ist auch ein klug gewählter Schauplatz, ein Mikrokosmos, wo sich die Welt im Kleinen versammelt, wo sich Zyniker und Tagträumer, Liebende und Verlassene, Schaumschläger und Philosophen treffen – Alfred Polgar nannte es «eine Weltanschauung». So kann das Lokal auch im 2. Akt das nämliche bleiben. Denn die suggestive Lichtgestaltung von Samuele D’Amico taucht den Ort in immer wieder unterschiedliche Stimmungen – vom morgendlichen Kaffeeklatsch über die heure bleue bis zum finalen Zauberspuk, wo in einer Midsummer Night’s Dream-Atmosphäre dem unverbesserlichen Schwerenöter eine Lektion erteilt werden soll.
Während der Ouvertüre, die das Sinfonieorchester TOBS unter der einfühlsamen Stabführung von Franco Trinca mit Brio, aber auch der nötigen Delikatesse musiziert, hat man Zeit, das bühnenbildnerische Meisterwerk gebührend zu bewundern, und ist beinahe versucht, beim emsigen Personal, Michèle Péquegnat und Leo Vettoretti in stummen, aber allzeit präsenten Rollen, einen Cappuccino oder Pastis zu bestellen. Doch die beiden bereiten sich nun auf den Ansturm der Gäste vor.

Unerbittliche Gläubiger, eifersüchtige Ehemänner
Und der kommt alsogleich. Und zwar in Person von Mr Page, der sich lauthals darüber echauffiert, dass ihm Falstaff das geschuldete Geld nicht zurückzahlt und stattdessen mit dreisten Sprüchen um sich wirft. Konstantin Nazlamov gibt den aufgebrachten Gläubiger mit leichtem Spieltenor und beredter Gestik, wird aber später auch als vernünftiger Vater (eine Seltenheit auf der Opernbühne!) seiner Tochter Annetta zu ihrem Glück verhelfen.

Fürs erste aber lässt er sich auch von Mr Ford kaum beruhigenc. Diesem verleiht Charles Rice mit seinem ausdrucksstarken, sonoren Bariton jovial-autoritäres Gehabe. Mit dieser Souveränität ist es allerdings schnell vorbei, wenn Ford seine Angetraute, Mrs Rosa, eines möglichen Seitensprungs verdächtigt und sich, um sie zu überführen, in einen unappetitlichen Mr Brook mit strähnigem Haar und grauser Kassenbrille verwandelt – für jeden Sänger eine verführerische Gelegenheit, dem Affen Zucker zu geben. Doch hier wie während des ganzen Spektakels weiß die Regie des versierten Theatermanns Dieter Kägi plumpem Klamauk und platter Posse stets haarscharf auszuweichen und so die Komödie mit Feinschliff und Esprit am Laufen zu halten.

Grünes Schlitzohr
Das zeigt sich besonders auch in der Zeichnung der Titelgestalt, die mit ihrem Auftritt in kuriosen grünen Klamotten wiederum hörbare Belustigung im Saal hervorruft. Erneut hilft mir meine Gewährsfrau auf die Sprünge: Vorbild für den Schlawiner ist ein Bieler Stadtoriginal mit bürgerlichem Namen Serge Reverdin. Friedensaktivist, Esperantist und (Lebens-)Künstler, der sich konsequent grün kleidet und sich seit den 1968ern selbst Parzival nennt in Anlehnung an den mittelalterlichen «tumben Tor» mit Klarsicht und Sendungsbewusstsein. Ein solcher Charakter passt ausgezeichnet zum eigenwilligen, schlitzohrigen, aber letztlich liebenswürdigen John, hier natürlich Giovanni Falstaff.

Leonardo Galeazzi ist ein mit allen Wassern und alkoholischen Wässerchen gewaschener Falstaff, der das Schild «No Credit» neben der Theke mit grandseigneurialer Nonchalance ignoriert. Auch die Schlagzeile im Lokalblatt «Falstaff pleite» amüsiert ihn eher, als dass sie ihn beeindruckt. Und offenbar genießt er trotz chronischen Geldmangels eine Art Freipass im Odéon, hat er doch dort unter einer Klappbank sogar ein persönliches Depot für seine Habseligkeiten. Galeazzis nuancenreicher, beweglicher Bariton verleiht dem Charakter Tiefgang ebenso wie launigen Schalk; darstellerisch schafft er eine trotz lockerem Umgang mit Sitte und Moral liebenswürdige Figur zwischen Schurke und Clochard, sodass es einem fast ein wenig leidtut, dass er so gepiesackt und im Wäschekorb des Restaurants, begraben unter Tischtüchern und Servietten, in – natürlich nicht die Themse! –, sondern die Bieler Schüss/Suze gekippt wird.
Damenkomplott
Aber Strafe muss sein. Das finden jedenfalls die drei Damen, denen er identische Liebesbriefe geschickt hat, in der Hoffnung, so nicht nur sein Liebesbedürfnis, sondern gleichzeitig auch seine Geldbörse zu saturieren. Auch hier wiederum Kägis feinsinnige und sehr auf die Musik bezogene Personenführung: Beim Kaffee entwerfen die drei Ladies ihren Schlachtplan und besiegeln ihr Komplott mit gezückten Kaffeelöffeln wie drei Eidgenossinnen mit ihren Schwertern. Und zur Motivation schnappen sie sich eine bauchige (!) Magnumflasche, pappen Falstaffs Konterfei drauf und überzeichnen es mit Lippenstift und Kajal.

Bianca Tognocchi als Rosa Ford und Rädelsführerin besticht mit virtuosen Koloraturen und furiosen Spitzentönen, die mitunter durchaus eine gewisse Schärfe entwickeln, was ihrer Entschlossenheit nur umso mehr Gewicht verleiht. Dass sie auch über innigere, lyrischere Töne verfügt, zeigt sich in jener Arie, mit der sie die notorische Eifersucht ihres Gatten beklagt. Kontrastiert wird das Sopranfeuerwerk durch das seidigen Timbre von Mrs Page (Gemma Ní Bhriain) und dem jugendfrischen, sinnlichen Mezzosopran von Annetta (Marta Pluda). Charmant ergänzt wird das Damentrio von Mrs Quickly (Anastasia Evdaimon).


Tenoraler Hochseilakt
Die selbstbewusste Annetta wird ihrem Carlo Fenton schon zeigen, wo’s langgeht. Dem besagten Lover hat Balfe eine der exponiertesten Tenorpartien verpasst, im Wissen um die stimmlichen Fähigkeiten des damaligen Startenors Giovanni Battista Rubini, der mit seinen hohen Tönen – einmal sogar bis zum zweigestrichenen ‹es› – die Sterne vom Himmel holte. Remy Burnens brilliert in dieser geradezu akrobatischen Belcanto-Partie für einen Spitzentenor mit überzeugender Stilsicherheit, fliessender Eleganz und ausdrucksvoller Intensität. Eine Frage noch: Darf ein Sänger sein Veto gegen eine … Perücke einlegen?

Mit einem weiteren köstlichen Regieeinfall beginnt der 2. Akt. Wieder vermutet das Lokalblatt: «Falstaff tot?», und die Trauer der Bevölkerung um den schrägen Vogel scheint echt. Man inszeniert im Odéon, seinem Stammlokal, eine Gedenk-Ecke mit Bild, Kerzen, Kondolenzbuch, einer Sammelbüchse fürs Begräbnis und einem innigen Grabgesang, was dem von Valentin Vassilev vorzüglich vorbereiteten Laienchor Gelegenheit zu einem wirkungsvollen Auftritt gibt. Ein köstlicher Theatercoup ist sodann das Auftauchen des klitschnassen Totgeglaubten, der das Bad in der erstaunten Menge sichtlich mehr geniesst als das schimpfliche im Fluss und seine Rettung großspurig ausschlachtet. Das allerdings entbindet ihn nicht von seiner letzten Schmach, dem «Hexensabbat» im Wald von Herne, wo es von Gehörnten nur so wimmelt und Prügel regnet.

Szenenbilder: © TOBS – Joel Schweizer

Ob dadurch alles gut wird? Der Werbespruch der Café-Bar lautet jedenfalls: «À l’Odéon tout est bon!» Nach diesem Abend kann man dem nur beipflichten. Der Ausflug nach Biel lohnt sich auf jeden Fall. Und wenn nicht Biel, dann unbedingt Solothurn!
P.S. Wäre wunderbar, wenn sich das rührige TOBS entschließen könnte, die nächste Spielzeit wiederum mit einem unbekannten Bekannten zu eröffnen, mit «Don Giovanni Tenorio» von Ramón Carnicer (1789–1855), ebenfalls eine Trouvaille.

14.09.2026
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Wieder eine tolle Review! Ich war so beeindruckt, dass ich gerade eine Karte für ‘Falstaff’ in Biel gekauft habe, allerdings erst im November. Vorher ging es nicht. Der irische Filz muss zusammenstehen. So wie es aussieht, werde ich nachher erst gegen 01:00 zu Hause sein, aber für eine gute Oper lohnt es sich.
R.
Da ist Dir ja wieder ein feines Meisterwerkli gelungen!
DANKE ganz sehr herzlich für diese vergnüglich kenntnis- und lehrreich guttuende Viertelstunde!
Bravosbravissimo Dir und offenbar allen Beteiligten.
Das macht echt Lust auf einen Ausflug nach Soleure 👍