Mord in der Mall
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Betrug, Intrige, Verleumdung, Mord – zahllos sind die Opernfiguren, die ihre kriminelle Energie auf der Opernbühne ausleben – aufreizend schlitzohrig, berechnend zynisch, aber auch abgrundtief verderbt. Ein paar wenige Beispiele gefällig? Zu nennen wären da etwa der quacksalberische Blender Dulcamara, der charismatische Don Giovanni, der tückische Intrigant Jago, die skrupellose Lady Macbeth, der sadistische Scarpia, die manipulative Ortrud, der blutrünstige Tamare…

Die Kriminaloper
Mit einer echten Kriminaloper im Sinne von «Whodunit» dagegen haben wir es bei Paul Hindemiths (1895–1963) «Cardillac» zu tun. Nun treibt dieser mörderische Cardillac sein Unwesen zum dritten Mal – nach 1952 (Uraufführung der überarbeiteten, weichgespülten Zweitversion) und 1976 (Urfassung) – auf der Bühne des Zürcher Opernhauses, diesmal wiederum in der Erstfassung, die 1926 in Dresden erstmals über die Bühne ging.
Ein Blick auf das literarische Vorbild ist angezeigt: E. T. A. Hoffmanns Erzählung «Das Fräulein von Scuderi» aus dem Jahr 1819, wenig später in den dritten Band der «Serapionsbrüder» integriert, gilt als eine der ersten deutschsprachigen Kriminalnovellen. Der Meister der schillernden Zwischenwelten, der Gespenster-Hoffmann, wie man ihn nannte, entwirft hier eine unheimliche Atmosphäre, geprägt von abgründigen Geheimnissen, pathologischen Obsessionen und einer ungeklärten Serie von Morden.

Bei Hoffmann übernimmt die historisch verbürgte Mademoiselle Madeleine de Scudéry, Literatin und hochgeachtete Salonnière zur Zeit des Sonnenkönigs, die Funktion einer proto-detektivischen Instanz. Als Verkörperung von Vernunft, Empathie und moralischer Integrität steht sie – sozusagen Miss Marple avant la lettre – zwischen staatlicher Willkür, krimineller Unterwelt und den betroffenen Opfern, für die sie sich einsetzt. Eine sympathische, respektable Figur, die allerdings in der stringent gefassten Opernhandlung aus dramaturgischen Gründen keinen Platz hat.
Die zentralen Motive jedoch haben sich der Komponist und sein Librettist äußerst gekonnt für die Bühne zu eigen gemacht – ohne emotionale Ausschweifung, ohne romantischen Gefühlsrausch. Bezeichnenderweise sind die Protagonisten – bis auf die Titelgestalt –namenlos. Sie werden nach ihrer Stellung bezeichnet: Tochter, Dame, Kavalier, Goldhändler usw. Sie sind Typen einer Parabel, die im Bezug zur Hauptfigur eine Funktion erfüllen. Aber sie bleiben mitnichten farblos oder eindimensional, vielmehr entwickeln auch sie Profil und Charakter. In der stilistischen Einordnung dieses eigenständigen Ausnahmewerks wird zwar immer wieder der Vorrang seiner musikalisch-dramatischen Konstruktion gegenüber dem psychologischen Gefühlsdrama betont. Die aktuelle Produktion jedoch ist von bezwingender Intensität und Spannung durchglüht.

Dasselbe gilt für die musikalische Umsetzung unter der Leitung des Zürcher Ex-GMD Fabio Luisi. Er entfaltet mit dem in den Bläsern – darunter ein Tenorsaxaophon – und der Perkussion reich besetzten Orchester ein schillerndes Klanggewebe, das auch stilmässig viele Facetten bis hin zu jazzigen Elementen umfasst. Für diese Oper entwickelte Hindemith eine eigene Klangsprache, die – auch in wuchtigen Passagen – eine pointierte Transparenz erfordert, um das subtile Geflecht der oft voneinander unabhängigen Stimmen in Orchester, Chor und Soli durchhörbar zu machen. Ebenso wesentlich ist die austarierte Balance zwischen der ausgeprägten Rhythmik und dem immer wieder aufleuchtenden lyrischen Duktus. Beides gelingt vorzüglich, sodass die atmende Musik sowohl analytisch wie sinnlich erfahrbar wird.

Das Libretto hat der Schweizer Publizist, Redaktor und Verlagslektor Ferdinand Lion (1888–1968) verfasst. Seine Sprache, typisch für das Theater der 1920er Jahre, ist elaboriert, expressiv, gern auch metaphorisch verdichtet. Sie entwickelt ein eigentümliches, zum Teil archaisches Pathos, eine artifizielle Poesie, mitunter glühend überhitzt, mitunter fast metallisch streng. Ein Beispiel dafür ist die surreal-überhöhte Bildsprache: «Schale, sich wölbend für die Wollust des Empfangs von Traube, Pfirsich.» Ein anderes die nüchterne, beinahe prophetische Aussage: «Die Welt ist düster, zum Jubeln ist nicht Zeit.» Oder die kunstvolle Reflexion über die schöpferische Kraft: «Freudleid nur der Schaffenskraft lässt verweilen mich auf dieser Erde.»
Bei aller Befremdlichkeit für uns Heutige entfaltet diese Sprache eine suggestive Bühnenmagie, die zur «spröden» Faktur von Hindemiths Partitur – oftmals der «Neuen Sachlichkeit» zugeordnet – in einem faszinierenden Spannungsverhältnis steht und eine produktive Reibung erzeugt. Ein oszillierendes Wechselspiel zwischen Wort und Ton, aber auch zwischen Handwerk und Kunst, wie es das Metier des Goldschmieds auszeichnet.


Cardillac: Alcoholic und Workaholic
Genial, getrieben, gestört
Im Zentrum der Handlung steht tatsächlich ein Goldschmied, der geniale René Cardillac – ein Hephaistos seiner Zunft, dessen Schmuck «den Prunk der Meister von Florenz erreicht und übertrifft». Doch seine obsessive Bindung an die von ihm geschaffenen Preziosen geht so weit, dass sie ihn zum Mörder macht: Nach dem Verkauf holt er seine Artefakte im Schutz der Nacht mit blutiger Gewalt wieder an sich. Die Psychologie bezeichnet dieses Phänomen als Cardillac-Syndrom.
Immer wieder findet man Jünglinge und gestandene Männer gemeuchelt im Straßengraben – und alle hatten zuvor für die Geliebte, die Gattin, die Mätresse ein Juwel bei Cardillac erstanden. Paris ist in Aufruhr ob der grausigen Geschehnisse: Eine Stadt sucht einen Mörder!

«Mörder! Mörder!» sind denn auch ersten Worte des aufgewühlten Plebs. Sie hallen indes nicht durch die Gassen der Seinestadt des 17. Jahrhunderts wie im Original. Regisseur (und versierter Cinéast!) Kornél Mundruczó verlegt die Handlung ins Hier und Heute. Dazu liess er sich von der Ausstatterin Monika Korpa ein unverschämt schamloses Bühnenbild von filmischem Realismus bauen: Die Mall eines urbanen Shoppingcenters, Tempel des Konsums und des Kapitalismus, wie er zwischen N.Y. und Dubai in allen Metropolen weltweit stehen könnte. Playground for Beautiful People: Einkaufstüten von Dolce Bananna & Co. an der einen, Smartphone in der andern Hand. Glamour, Glanz und Gloria die Losung! Alles effektvoll im changierenden Licht von Elfried Roller.

Gesäumt ist das halbrunde Forum der Eitelkeiten von Edelboutiquen. Links eine Cocktail-Bar, davor ein runder Brunnen, gekrönt von einer kantigen schwarzen Marmorskulptur – gleichsam ein dunkel dräuendes Omen inmitten dieser fashionablen Glitzerwelt. Rechts ein gläserner Aufzug zur Galerie mit weiteren Luxusgeschäften für Klamotten, Klunkern und Kosmetik. Im Zentrum prangt unübersehbar ein pralles ›C‹ – Luxury Jewels, die Bijouterie des weitherum berühmten Goldschmieds Cardillac.


Zu Beginn des zweistündigen Spektakels hat also ein erneuter Mord die Menge in Panik versetzt. Man schreit, droht, beschuldigt diesen, jenen, einen Dritten… Für kurze Beruhigung sorgt die Prévôté – originaliter die königlichen Justizbeamten –, jetzt drei fesche Typen in weissen Uniformhemden mit schwarzen Krawatten und Funkgeräten am Gurt. Ihr Obmann (Brent Michael Smith) verkündet mit etwas konturlosem Bass die Einsetzung eines zusätzlichen Straftribunals, genannt Chambre Ardente, das den Unhold entlarven und zur Strecke bringen soll.

Der Chor der Zürcher Oper, formidabel betreut von Klaas-Jan de Groot, sowie der Statistenverein leisten Großartiges als aggressiver Mob, verängstigter Haufen, konsumwütige Masse – ein Chorós von antikischer Wucht, der das Geschehen kommentiert, unterstreicht, deutet und auch immer wieder einzelne Individuen aus der amorphen Masse pointiert hervortreten lässt. Hier eine Reinigungskraft mit Staubsauger. Dort ein sturzbesoffener Kunde, der nur mit Mühe davon abgehalten werden kann, in den Brunnen zu pinkeln. Drüben beim Lift ein schickes Party-Girl mit perlenbesetzer Halbmaske – ein exklusives Accessoire, inspiriert von Corona-Zeiten, aus dem Atelier C… Alarm!




Fatales Rendez-vous
Ermattet von der Einkaufstour und leicht nervös – im Hinblick auf das bevorstehende Date und wegen der angespannten Situation? – erwartet «die Dame» den «Kavalier», einen zwielichtigen narzisstischen Yuppie mit blonden Strähnen, der sein Schosshündchen dabeihat. Er, der Tenor Sebastian Kohlhepp, beteuert seine Leidenschaft mit heller, überzeugender Strahlkraft. Sie, Dorottya Láng, setzt ihren warmen runden Mezzosopran in sinnlichem Begehren ein, sekundiert von Flöte, Oboen und silbrigem Glockenklang. Maliziös schmeichelnd fordert sie von ihm als Liebespfand die schönste Preziose aus Cardillacs Fundus, was er in triebgesteuertem, juvenilem Leichtsinn verspricht. Die Geschäfte haben zwar bereits geschlossen, aber da war doch noch jenes Fräulein mit der aparten Maske unterwegs. Da könnte man doch mit List oder, wenn nötig, roher Gewalt…
Die folgende Pantomime ohne Singstimmen ist einHöhepunkt in Hindemiths Partitur. Über einem delikaten Orchesterpart duettieren zwei Flöten, und während des kammermusikalisch transparenten Zwiegesangs von irisierender Schönheit wird der Kavalier von einer maskierten, weißgewandeten Gestalt niedergestochen; sein Blut rötet die blanken Scheiben der Liftkabine. Die Musik stockt für einen Moment.



Im zweiten Akt begegnen wir dem Künstlerschmied, der sich im ersten Akt von der Menge nur ungern bejubeln liess, in seinem Biotop, heißt: in seiner Bjouterie, bestückt mit Vitrinen, Wandtresoren, der obligaten weißen Orchidee auf dem Verkaufskorpus und den berufstypischen Gerätschaften auf der Werkbank. Sogar eine Toilette und einen Kühlschrank fehlen nicht. Durchs Rollgitter blickt man von innen hinaus auf die Mall.


Zum Golde drängt, am Golde hängt…
Hier enthüllt sich die unheilvolle pathologische Beziehung Cardillacs zu «seinem» Werkstoff, dem Gold: «Bleibe bei mir, dicht, da ich dich liebe». Verständlich, dass sich der «Goldhändler» mehrmals bekreuzigt, bevor er den Laden des mephistophelischen Schmieds betritt. Stanislav Vorobyov gibt den vor Furcht Zitternden mit differenziert gestaltetem Bass, während Cardillac sich an seiner Angst geradezu weidet.


Eine weitere Facette seines schillernden Charakters zeigt sich beim grotesken Auftritt des «Königs» (Stanislav Hnat), hier in Gestalt eines Sugar-Daddys mit blondierter Perücke und Pelzmantel, begleitet von zwei windigen Bodyguards, von denen der eine offensichtlich an einer Blasenschwäche leidet. Nur mit unziemlicher Schroffheit, wohl wissend um die fatalen Folgen, kann Cardillac die Herren von einem Kauf abhalten.


Schließlich sehen wir ihn im Umgang der Tochter, die immer wieder seine Zuwendung sucht. Anett Fritsch gibt der jungen verhärmten Frau mit leuchtender Klarheit und lyrischem Schmelz berührendes, inniges Profil. Sie hält den Laden sauber, poliert die Vitrinen, stülpt dem Vater die weißen Arbeitshandschuhe über. Und als sie ihm fast schuldbewusst ihre Liebe zu einem Unbekannten, dem «Offizier», gesteht, reagiert er mit Achselzucken: «Ich gebe dich ihm, ihn dir ungesehen.» Wutbrannt dagegen reagiert er, als dieser aufmüpfige Schnösel eine Kette für seine künftige Braut erwerben will und sein Vorhaben mit keckem Ungestüm auch durchsetzt. Michael Laurenz’ frischer, klar fokussierter und leicht metallischer Tenor passt hervorragend zum Wesen des draufgängerischen Jünglings.


Gábor Bretz singt die Titelrolle, überzeugend allein schon aufgrund seiner hohen, hageren Erscheinung und seiner darstellerischen Präsenz. Um wie viel mehr noch dank seiner vokalen Urgewalt, die ihn zur Idealbesetzung dieser dämonischen Gestalt macht. Sein Bassbariton umfasst ein breites Klangspektrum von der schwarzen, metallisch-grundierten Tiefe über die Wärme in der Mittellage bis hin zur kraftvollen, bei Bedarf aggressiv geschärften Höhe. Zur stimmlichen Potenz, getragen von einer präzisen Diktion, gesellt sich eine feinnervige psychologische Durchdringung eines zwischen Wahn und Zwang aufgeriebenen Menschen: Aus schroffen Ausbrüchen spricht fanatische Besessenheit, aus zurückgenommenen Passagen schier unerträgliche innere Spannung.
Es scheint, dass er selbst unter seiner Zwangsneurose leidet, ohne sich davon lösen zu können: «Sei still, Seele mein! Vergiss, hadere nicht und spanne nicht die dunklen Flügel auf.» Schicksalshaft erliegt er so im Kampf gegen den Offizier. Er gesteht seine Untaten vor versammelter Menge und wird von dieser gelyncht.

Szenenfotos: © OHZ – Monika Rittershaus
Die von Mörderblut kontaminierten Schmuckstücke werden an das Volk verhökert – ein hübscher Zustupf für das künftige Paar, die Tochter und den Offizier, darf man annehmen. Der Kadaver des Serienmörders aber wird in eine goldene Rüstung gesteckt und am Brunnen aufgerichtet: Eine ironische Mystifikation des kreativen Künstlergottes? Eine Warnung vor dem exzessiven Goldrausch? – Rätseln darf man. Applaudieren muss man auf jeden Fall allen Beteiligten für die großartige Leistung!
17. 02. 2026
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WOW sooo begeistert, das macht wirklich gluschtigf! Umso mehr nachdem dir der Anfang dieser Intendanz doch eher weniger behagte. Herzlich dankend für diese anregend elektrisierende Lektüre.
An der Premiere bejubelt, mit höchstem Vergnügen das Rauchzeichen gelesen, heute Abend erneut die Freude an diesem fulminanten Krimi unter Leitung unseres verehrten Maestro Luisi geniessen.
Wie immer im Rauchszeichen: wunderbar geschrieben, fundierte und interessante Hintergrundinformationen, spannende Beschreibung der Handlung, der Inszenierung, des Bühnenbildes und der Sängerinnen und Sänger. Vielen Dank, das macht, Lust in die Oper zu gehen. Ich habe mir Karten gekauft.