Eine Passion für die Passion

Wer das Maul zu sehr auftut, wer Ungerechtigkeit anprangert, gegen die Obrigkeit aufmuckst, wer kritisiert, reklamiert und protestiert, wird mundtot gemacht. Eingelocht. Gefoltert. Getötet. Das kommt bekannt vor. Und es hat Tradition. Das Schicksal eines gewissen Jesus von Nazareth ist da nur ein Beispiel in einer langen, blutigen Historie. Unerheblich, ob er göttlicher Herkunft war oder der Sohn eines einfachen Zimmermanns aus Galiläa. Ob charismatischer Wanderrabbi, der eine Reform des Judentums anstrebte, oder jüdischer Provokateur, der zum Widerstand gegen die römische Besatzungsmacht aufwiegelte. Ob Wunderheiler oder Sozialrevolutionär, der zur neuen Weltordnung aufrief und sich mit jenen solidarisierte, die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren: Prostituierte, Zöllner, Aussätzige, Unreine...

Welches ist der «wahre» Jesus? Eine Frage, die sich Fachleute aus Archäologie, Geschichtswissenschaft und Theologie, ja sogar Jurisprudenz und Medizin seit Generationen stellen. Sie drängt sich auch dem auf, der jetzt, im Sommer 2022, durch das «blumenschmucke» 5500-Seelendorf Oberammergau im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen schlendert.

Hier jedenfalls sind Jesus und seine Passion omnipräsent, sogar in Strassennamen wie Judasgasse, Magdalenengasse, Passionswiese. Auch das Ortswappen zeigt das Kruzifix mit dem Leichentuch. Auffällig sind die vielen Männer, junge, alte, Bäcker, Fleischer oder Verkehrskadett, mit Bart und langen Haaren, gebunden zum Schwänzchen oder aufgesteckt zum Dutt. Ab Aschermittwoch, so lautete nämlich ein Erlass der Spielleitung, galt ein absolutes Haarschneideverbot für alle, die beim Passionsspiel als Juden, Jünger, Pharisäer. Henkersknechte, Komparsen auf der Bühne stehen, ausgenommen waren nur die glattrasierten Römer.

Auch Plakate, Banner und Hinweistafeln machen auf das «weltweit grösste Freilichtspiel» aufmerksam. Nicht zu übersehen ist es ebenfalls in den unzähligen Geschäften, die von den Erzeugnissen der heimischen Holzbildhauerkunst überborden: vom Jesulein in der Krippe bis hin zum Schmerzensmann am Kreuz, dazu allerlei Getier, derb-profane Szenen und himmlische Heerscharen jeglicher Grösse und Gestalt. Kommerz und Religion – unwillkürlich kommt einem Jesu Tempelreinigung von den Händlern und Wechslern in den Sinn...

Nach einer Stärkung mit Semmeln, Leberkäs und Bier beim Metzgermeister Gerold, dessen Auslagen jeden Vegetarier erbleichen lassen, reihen wir uns in die Schlangen vor dem Passionsspielhaus, lassen uns von den Sicherheitsbeamten abtasten und nehmen schliesslich auf der ansteigenden, überdachten Tribüne Platz. Sie wurde 1930 erbaut und bietet Platz für gut 4500 Besucher. Das Bühnenhaus dagegen, das mit seinem Proszenium an die antiken Theater oder das Teatro Olimpico zu Vicenza erinnert, ist nicht überdacht. Der Bühnenbildner Stefan Hageneier, der auch die Kostüme geschaffen hat, hat die ursprüngliche Zentralfassade im Stil der Neorenaissance beidseitig mit symmetrischen Anbauten und Seitengassen zur komplexen Tempelanlage im Cinemascope-Format erweitert.

Im Anfang war – die Pest

Ganz zu Beginn vor fast 400 Jahren habe man auf einem simplen Holzpodest über den frischen Gräbern der Pesttoten gespielt. Die Pest, die während des Dreissigjährigen Kriegs wütete, sei denn auch der Ursprung der Oberammergauer Passionsspiele gewesen. Anno Domini 1632, so will es die Legende, soll der Oberammergauer Kaspar Schisler, der sich als Knecht auswärts verdingt hatte, den Schwarzen Tod eingeschleppt haben, dem innert kurzer Zeit rund ein Fünftel der Bevölkerung des bis dahin verschonten Dorfs zum Opfer fiel. Da beschlossen man, erstmals zu Pfingsten 1634 und künftig alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu nachzuspielen. Und siehe, das Sterben hatte ein Ende. Das bildhafte Erinnern an Jesu Opfertod hatte die Talschaft von der Pest befreit, der zürnende Rächergott das Gelöbnis der sündigen Menschen gnädig angenommen.


Doch «was ist Wahrheit?» – Das Wort Pilati liesse sich auch auf den «Gründungsmythos» der Passionsspiele anwenden, wie im informativen Bildband «Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele»* nachzulesen ist. Tatsächlich geht die Tradition von Karfreitags- oder Osterspielen, aufgeführt auf Kirchenvorplätzen zur bildgewaltigen Unterweisung der Gläubigen, auf die sogenannten Mysterienspiele des frühen Mittelalters zurück und lässt sich vielerorts in Europa belegen – darunter beispielsweise auch die Karfreitagsprozession in Mendrisio oder der Rundgang der Pleureuses, der Klageweiber, in Romont, die einzige rein weibliche Prozession in diesem sonst von Männern dominierten Ostergeschehen. Selbst in jüngster Zeit kommen neue Spiele und Spielorte hinzu, die sich sogar in einer Vereinigung namens Europassion zusammengeschlossen haben, der mittlerweile 80 Orte aus 16 Ländern angehören.

In Oberammergau jedenfalls sind die Spiele von Dekade zu Dekade die wichtigste Finanzquelle, was bei 103 (!) Vorstellungen von Mai bis Oktober und rund 450'000 Eintritten nicht verwundert. Sie sollen gemäss Budgetierung der Geschäftsleitung rund 70 Millionen Euro einspielen, derweil die Gesamtkosten bei 43 Millionen liegen. Und wenn wir schon bei Fakten und Zahlen sind: 1800 Dorfbewohnerinnen und -bewohner, darunter viele Kinder, spielen mit. Für Naturalismus sorgen ferner Pferde, Ziegen, Schafe, Hühner, Tauben, ein Esel und zwei Kamele. Alle 1800 Laiendarsteller stammen aus Oberammergau. Frauen für die wenigen weiblichen Rollen wie die der Mutter Maria oder der Maria Magdalena mussten früher unter 35 Jahre alt, unverheiratet und «unbescholtenen» Leumunds sein. Erst ab den 1990er-Jahren und nicht zuletzt dank dem umtriebigen Spielleiter Christian Stückl, der heuer zum vierten Mal Regie führt, ist ein Teil dieser rigiden Vorgaben gelockert worden. So dürfen nun auch Protestanten mitwirken, heuer wurden zwei wichtige Rollen mit Muslimen besetzt. Nur die Öffnung und Erneuerung, so Stückl, sichere den Fortbestand des Spiels, das zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Dazu gehört es auch, dass er den alten Text von 1860/70 von Mal zu Mal überarbeitet und von antisemitischen Misstönen gesäubert hat.


Ûberschattet werden die gegenwärtigen Passionsspiele – wie einst im 17. Jahrhundert – von einem Krieg, der die Fragilität der gemeinsamen Wohlfahrt mit brutaler Deutlichkeit offenlegt. Zudem bedroht wie damals eine weltweite Seuche die Menschheit; ihretwegen mussten die für 2020 geplanten Spiele um zwei Jahre verschoben werden. Mit einem erneuten Gelübde ist heute allerdings nichts auszurichten. Glaube und Gottesbild haben sich – selbst in erzkatholischen Landen – verändert. Kriege, Pandemien, Hungersnöte, Umweltkatastrophen sind nicht Strafen Gottes; verantwortlich dafür ist der Mensch.

Mit diesem Bewusstsein ist der Blick auf das Passionsspiel, diese eigentümliche Mischung zwischen Volksfest und Gottesdienst, ein anderer geworden, jetzt, da der Chor auf der breiten Bühne Aufstellung nimmt. Die strenge schwarz-weisse Tracht, wie wir sie von den Amischen kennen, soll wohl an die damalige Bevölkerung erinnern, die sich immer wieder mit den Figuren ums Jahr Dreissig konfrontiert sieht. Aus vielen Kehlen erschallt zu Beginn die Klage über den Verlust des Paradieses. Dazu öffnet sich auf einer «Bühne auf der Bühne» der Blick auf ein opulentes Tableau vivant, das eine alttestamentarische Schlüsselszene als Analogie zum Passionsgeschehen zeigt. Eben jetzt die Vertreibung aus dem Garten Eden; später das Goldene Kalb, der Zug durchs Rote Meer, Daniel in der Löwengrube, der Brudermord, die Opferung Isaaks u. a. m. Diese statischen Bilder unterstreichen die Verbindung von Altem zu Neuem Testament und ebenso die enge Beziehung zwischen Juden- und Christentum. Im Wechsel mit Vokalsolisten reflektiert und kommentiert der rund hundertköpfige Chor die Handlung, was die Nähe zur Oper, zumindest zum szenischen Oratorium betont.

Begleitet wird der Chor von einem vollbesetzten Orchester, und es ist erstaunlich, wie gut die Koordination zwischen Graben und dem weiträumig platzierten Chor funktioniert. Da auch die Solisten Laien sind, überzeugen nicht alle gleichermassen. Inbrunst und Empathie überstrahlen jedoch die vokalen Mängel.


Komponiert hat die eingängige, etwas epigonale Musik der Oberammergauer Schulmeister Rochus Dedler zu Beginn des 19. Jahrhunderts; trotz frühromantischer Tonsprache sind seine Vorbilder Mozart und Haydn unüberhörbar. In jüngster Zeit hat Markus Zwink, der auch als Dirigent am Pult steht, weitere Arien und Musiknummern hinzukomponiert, unter anderem ein eindrückliches «Schma Jisrael» (Höre, Israel) für die Vertreibung der Händler aus dem Tempel, das auf jüdische Melodiepattern zurückgreift.

So weit sind wir allerdings noch nicht: Den Beginn von Jesu Leidensweg markiert erst mal sein triumphaler Einzug, auf einem Esel reitend, in Jerusalem. Das Volk ist in grau-beige Gewänder gehüllt, viele mit Kippa. Die Palmwedel der huldigenden amorphen Masse und die aggressiven Lanzenspitzen der dunkel uniformierten römischen Soldateska bilden einen bedrohlichen Kontrast, der den fatalen Fortgang der Geschichte gleichsam vorwegnimmt. Im Gegensatz zu den grellbunten statischen Guckkastenbildern liegt hier der dramatische Fokus nicht auf einer pittoresken Buntheit, sondern auf der darstellerischen Präsenz der einzelnen Protagonisten.

Jesus, ein Mensch, ein Jude

Einer der beiden Jesus-Darsteller (alle zwanzig zentralen Sprechrollen sind doppelt besetzt) ist Frederik Mayet, der den Nazarener bereits zum zweiten Mal verkörpert. Eloquent und vor heiligem Zorn vibrierend liefert er sich einen rhetorischen Schlagabtausch mit dem Hohepriester Kaiphas, dem Repräsentanten einer selbstherrlichen religiösen Oberschicht. Aber, und das ist nicht zu übersehen, Jesus tut dies als Jude. Als einer der ihren!


Gewandelt hat sich auch das Bild des Judas. Er ist nicht der «böse» Verräter schlechthin. Vielmehr ist er ein glühender Anhänger Jesu, möchte mit ihm das Joch der römischen Besatzung abwerfen und lässt sich dazu vom durchtriebenen Kaiphas instrumentalisieren. Auch im Disput mit Jesus lässt sich seine persönliche Zerrissenheit erkennen: das Dilemma zwischen bewaffnetem Widerstand gegen das Unrecht und dem Pazifismus, wie Ihn Jesus proklamiert – «Wenn euch jemand auf die rechte Wange schlägt...» Da wird die alte Geschichte mit einem Schlag hochaktuell und brisant. Der junge Cegiz Görür, türkischstämmiger Muslim, verleiht diesem Heißsporn glühendes Profil; man begreift seine Enttäuschung; man ist berührt, wenn er sich, verzweifelt über seinen Verrat, erhängt.


Es sind politische, zum Teil langatmige Debatten, die den Fortgang des ersten Teils etwas bremsen. Grundiert werden sie von effektvollen Massenszenen, die schliesslich in einem berührenden Bild kulminieren: dem letzten Abendmahl. Dazu wird aus dem zentralen Bühnenhaus eine Art rechteckiges Zelt aufgezogen, welches die Intimität dieser Szene unterstreicht. Da sitzen die Jünger an einem langen schlichten Tisch; die siebenarmige Menora erinnert daran, dass hier Pessach gefeiert wird – erneut ein subtiler Hinweis auf die Nähe der beiden Religionen und ihrer kultischen Handlungen! Mit der Gefangennahme Jesu schliesst der erste Teil.

Nach der Pause beginnt es langsam einzudunkeln. Das hat den Vorteil, dass die Bühne jetzt gezielt beleuchtet wird, während im ersten Teil vieles im zufälligen Tageslicht von oben verschwamm oder als diffuser Schattenriss wahrgenommen wurde.


Der zweite Teil steht ganz im Zeichen der Passion. Sie beginnt mit der Verurteilung durch den Statthalter Pilatus, einen aalglatten Politfuchs unserer Tage. Dann folgen der Gang nach Golgatha und die bewegende Begegnung des Todgeweihten mit seiner Mutter, die erkennt, dass sie ihn, den geliebten Sohn, seinen Weg gehen lassen muss. Die Hinrichtung ist sehr naturalistisch inszeniert – Dornenkrone, Geisselung, Kreuzigung, flankiert von den beiden Schächern; das grauenvolle Schauspiel wird mit theatralischer Drastik gezeigt bis hin zum erlösenden «Es ist vollbracht». Und man ist froh, nicht in den vordersten Reihen zu sitzen, sondern sehnt sich insgeheim nach dem kunstvollen Abstraktionsgrad der musikalischen Passionen Bachs & Co. Denn Empathie mit dem Schmerzensmann will sich trotz krudem Realismus nicht so recht einstellen, vielmehr fragt man sich, wie der schauerliche Tod am Kreuz so echt, so plastisch dargestellt werden konnte. Der lebende Jesus mit seiner (leider) nicht allzu erfolgreichen Utopie einer gerechteren, friedlicheren Welt ist uns näher als sein religiös überhöhter Opfertod am Kreuz ...

Berührend jedoch ist die behutsame Kreuzabnahme und das zu Herzen gehende Bild der gebrochenen Mutter. Und besonders gelungen ist die Szene am leeren Grab. Die Regie verzichtet glücklicherweise auf eine spektakuläre Himmelfahrt. Stattdessen bringt ein Engel eine Feuerschale aus der Grabeskammer, um daran unzählige weitere Lichter zu entzünden: Die Botschaft für Frieden und Gerechtigkeit ist entfacht, möge sie in alle Welt ausstrahlen. Wird sie auch umgesetzt?


Im aufbrandenden Applaus für die grandiose Kollektivleistung höre ich, wie mein Sitznachbar rechts seiner Begleitung zuraunt: «Gehma, es gibt eh koa Zuegab’n!» Und den zur Linken lässt der Beifall aufschrecken, er ist kurz eingenickt...

* Viola Scherz: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele (Volk Verlag München, 2020)

Bilder: © Passionsspiele Oberammergau 2022

Arno Declair und Birgit Gudjonsdottir