«... stets lustig, heissa! hopsasa!»
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EMANUEL SCHIKANEDER VERFASSTE NICHT NUR DEN TEXT
ZUR «ZAUBERFLÖTE», ER GAB AUCH DEN ERSTEN PAPAGENO
Im Vorfeld zur kommenden Spielzeiteröffnung des Zürcher Opernhauses ist es nicht unbillig, sich mit einem Mann zu befassen, dessen Name untrennbar mit Mozarts populärster Oper verbunden ist: mit der vor 235 Jahren im Freihaustheater auf der Wieden uraufgeführten «Zauberflöte». Gleichzeitig muss man betonen, dass sein Name längst der Vergessenheit anheimgefallen wäre, wäre er nicht maßgeblich an der Entstehung dieses Werks beteiligt gewesen, sozusagen mit Haut und … Federn. Und so stand denn sein Name in größeren Lettern auf dem Theaterzettel der Uraufführung als derjenige des Komponisten.

Emanuel Schikaneder (1751–1812)
Aufstieg und Fall eines Theaterdirektors
Emanuel Schikaneder, Librettist, Sänger-Schauspieler, Regisseur und Intendant – ein offenbar höchst umtriebiger, quirliger Theatermensch, eine Art Mischung zwischen Andrew L. Webber, Peter Alexander, Jérôme Savary und André Heller.
Als Bühnentier und singender Schauspieler genoss er über Jahrzehnte die Gunst des Theaterpublikums. Denn: Seine Musik trifft den Zeitgeschmack haargenau und ... versinkt dann in der Mottenkiste. Auch seine dichterischen Meriten finden keinen Eingang in die Literaturgeschichte: Zwar ist sein Sinn für Bühneneffekte unbestritten, seine Verse jedoch sind platt, sein Pathos scherbelt, seine Plots stinken nach Plagiat. Ein Plätzchen im Olymp der Unsterblichen aber ist ihm, dem Texter der «Zauberflöte» und erstem Darsteller des Papageno, allemal sicher.
Eigentlich heißt er gar nicht Schikaneder, und noch weniger Emanuel. Geboren wird er 1751 in Straubing bei Regensburg als Johann Joseph Schickeneder. Mit dem klangvolleren Namen Emanuel und einem unerschütterlichen Glauben an sein Talent startet er um 1770 eine der unglaublichsten Theaterkarrieren des 18. Jahrhunderts. Als Halbwaise muss sich Emanuel-Johann selbst durchschlagen. Dabei kommt ihm das vom Vater geerbte musikalische Talent sehr zustatten. Dazu hat er auch einige Semester am Regensburger Jesuitengymnasium im Ränzel. Auf das «Studium der Humaniora» ist er zeitlebens stolz und lässt den Bodensatz dieser Bildung auch später immer wieder in sein Œuvre einfließen.
Vom Lyranten zum Theaterprinzipal
Als sogenannter Lyrant, als Wandermusiker, tingelt er durch die Lande, schließt sich bald einer Wanderbühne an und avanciert daselbst zum «Ersten Liebhaber» und Hausautor. Bereits sein erster Wurf schlägt ein: «Die Lyranten oder das lustige Elend» schildert Freud’ und Leid eines fahrenden Musikus; beides kennt der fesche Musensohn aus eigener Anschauung bestens. Auch die neunzehn Musiknummern stammen aus seiner Feder. Und selbstverständlich steht der Verfasser als Bruder Leichtsinn, Violinist, Taugenichts und Herzensbrecher in Personalunion selbst auf den Brettern.
Auch wenn er später auf der Bühne immer wieder den augenrollenden Hamlet und andere «ernsthafte» Bühnenfiguren darstellt, ist sein Rollenfach mit diesem klar: Gerissener Naturbursche, unbeleckt von grüblerischem Intellekt, aber ausgestattet mit gesundem Menschenverstand, Mutterwitz und einem ausgeprägten Sinn für die Annehmlichkeiten dieser Welt, sprich: Wein, Weib und ... Theater.

Emanuel Schikaneder als erster Papageno Theaterzettel der Uraufführung 1791
Unter den Mitgliedern der Truppe ist auch eine gewisse Eleonore Arth, deren Reize und Können Emanuel als Theatermanager aber ebenso als Mann nicht kalt lassen. 1777 heiraten die beiden und übernehmen selbst eine Truppe. Bald schon muss Madame Schikaneder ihre Rolle als erste Liebhaberin im buchstäblichen Sinn des Wortes an Jüngere abgeben, das heißt, auf der Bühne ebenso wie im echten Leben. Emanuel legt diesbezüglich einen unverbesserlichen Trieb an den Tag, was ihm auch einen vorübergehenden Ausschluss aus der Freimaurerloge, der er seit 1791 angehört, einträgt. Aber nicht nur privatim treibt er’s bunt. Zu Nürnberg provoziert eines seiner Stücke den Klerus derart, dass er «Zeder und Mordgeschrey über dieses Stück schlug und im Huy mit seinem Banne losdonnerte», lesen wir in seinen Memoiren, deren Wahrheitsgehalt nicht auf die gelegt werden sollte. Mit ein paar submissiven Zeilen gelingt es Schikaneder, die drohende Exkommunikation abzuwenden; immerhin erzeugt der Wirbel einen durchaus beachtlichen Werbeeffekt, was einen Theaterunternehmer nur freuen kann. Und seinen Erfolg soll man auch sehen: Er kleidet sich wie ein Edelmann und wirft mit Dukaten um sich.
Überhaupt muss er ein toller Hecht gewesen sein: Gross, blondgelockt, wohlgewachsen; in späteren Jahren berichten die Chronisten allerdings von Leibesfülle und Watschelgang. Von alldem ist auf dem einzigen überlieferten Porträt nichts zu sehen. Auffallend dagegen ist das immer wieder erwähnte «sprechende, lebhafte Auge». Differenzierter klingt die Wertung seiner mimischen Kunst. Da werden ihm «eine weitumfassende Organik der Kehle und eine reichhaltige Abwechslung der Sprachtöne» attestiert. Ferner rühmt man, er habe «das Accentuieren aus seiner Sprache ganz weggemerzet, ausser in Fällen, wo es die Leidenschaft fordert, [er] nüanssiert nicht alles, […] opfert Kleinigkeiten wegen der notwendigen Schönheit des Ganzen auf.» Im heutigen Sprachgebrauch: Er drückt nicht zu sehr auf die Tube.
Gelobt wird auch seine Singstimme. Mozart, der seinen Sängern die Musik immer in die Kehle schrieb, legt die Partie des Papageno dem Timbre und begrenztem Umfang von etwas mehr als einer Oktave (H bis e') entsprechend an, gibt ihm volksliedhafte Melodien und schafft so einen Sympathieträger Kinder ebenso wie gestandene Opernkenner. Dass bisweilen die Fantasie der Kostümbildner für die Ausstattung des Vogelmenschen etwas überbordet, steht auf einem andern Blatt.

1780 spielt man in Salzburg. Zu den Habitués des Theaters gehören auch die Mozarts: Zwischen dem erfolgreichen, charmanten 29jährigen Theaterdirektor und dem um fünf Jahre jüngeren theaterbesessenen Komponisten entspinnt sich eine anregende Freundschaft, genährt von der gemeinsamen Passion für Bühne, Musik und andere mondäne Lustbarkeiten, von denen das Bölzelschießen und Kegeln wohl die harmlosesten sind.
Doch Schikaneder lediglich als Schwerenöter, Bonvivant, Schmierenkomödiant und Vielschreiber abzutun, greift zweifellos zu kurz. Neben Rühr- und Schauerstücken stehen auf seinem Spielplan Lessing, Goethe, Schiller, Dittersdorf, Piccini und immer wieder Shakespeare. Dazu kommen Piècen, die das aktuelle Zeitgeschehen zum Inhalt haben, etwa den Doppelselbstmord zweier Liebender, ein zu Herzen gehender Kabale-und-Liebe-Verschnitt. Oder der geplante Aufstieg eines Heißluftballons in Augsburg. Häufig werden bereits Töne angeschlagen, die Nestroy sechzig Jahre später in seinen Possen aufnimmt.
Ein Hang zu Opulenz
Als Regisseur und Produzent lebt Schikanender seinen Hang zum Bombastischen ohne Rücksicht auf Verluste aus: Was er einnimmt, wird sofort in noch üppigere Spektakel investiert. Unter anderem fördert auch der Reichtum der Fürsten Thurn und Taxis, erworben und gemehrt durch das postalische Reichs-Monopol, Schikaneders theatralischen Größenwahn: Die fürstliche Subvention beläuft sich auf nahezu 5000 Gulden jährlich. Heutige Intendanten dürften angesichts dieses Sümmchens kurz mal bleich werden – oder gelb vor Neid. Opulente Freilichtspiele mit Massenszenen, Pferden und Wagen schlagen die Zuschauer in Bann. Auch auf der Bühne lässt man’s krachen: Züge, Versenkungen, fahrbare Lichtquellen, Flugmaschinen, Feuerbrunsten, Wasserfälle – pyromaniam et circensem!
Selbst Kaiser Joseph II. ist derart beeindruckt, dass er den Profi 1784 nach Wien ans Kärntertor-Theater holt. Klug wählt Schikaneder, eingedenk der kaiserlichen Fürsorge um die «teutsche Oper», Mozarts «Entführung aus dem Serail» als Eröffnungspremiere.

Auch wenn seine Geschäfte und seine Ehe bankrott gehen, lässt sich Schikaneder nicht unterkriegen. 1789 übernimmt er mit seiner Gemahlin, mit der er sich inzwischen wieder ausgesöhnt hat, die Leitung des Freihaus-Theaters. Da er ohne Subventionen auskommen muss, findet der gewiefte Geschäftsmann Geldgeber, die zahlen, ohne dreinreden zu wollen.
In Sachen Personalpolitik führt er ein straffes Regiment. So muss Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin und erste Königin der Nacht, unterschreiben, dass sie bereit ist, die ihr «vom Direkteuren zugetheilten Rollen, welche ihren Kräften angemessen sind, ohne Weigerung mit dem bestmöglichsten Fleiße und Eifer zu spielen». Gleichzeitig konzediert der Vertrag ihr zur «Einstudirung die nöthige Zeit, wesshalb wöchentlich nur eine große oder zwey mittlere Rollen zu liefern sind». Auch «subordinirte Rollen» dürfen nicht ausgeschlagen werden, wenn es der Spielplan erfordert. «Akteurs und Aktrizen» werden ermahnt, sich tunlichst «aller Kabalen, Raufereyen, Nachtschwärmens, Rollen-Neids usf.» zu enthalten. Allerdings billigt der gestrenge – ungewöhnlich für damalige Verhältnisse –seinen Leuten eine halbjährige Kündigungsfrist zu. Dank seiner charismatischen Persönlichkeit und fachlicher Kompetenz gelingt es ihm, ein tüchtiges Ensemble von vielfach einsetzbaren Sängern, Schauspielern und Musikern zu fast familiärer Gemeinschaft zusammenzuschweißen und sich so gegen die starke Konkurrenz in der Wiener Theaterlandschaft zu behaupten.

Die beiden Väter der Zauberflöte: Emanuel-Papageno Schikaneder und W. A. Mozart
Papageno hebt ab
Dann, am 30. September 1791, 7 Uhr abends, hebt sich der Vorhang über jener felsigen Gegend, wo alsbald der großmaulige Papageno-Emanuel mit seinen Sprüchen die Wiener zum Wiehern bringt.
Künstlerische Skrupellosigkeit gehört zur Tagesordnung, vielmehr: wird gar nicht als solche empfunden: Man wärmt alte Stoffe auf, kompiliert frisch drauflos, kleistert neu zusammen, ergänzt und arrangiert. Die «Zauberflöte» macht da keine Ausnahme. Daraus darf man Schikaneder gewiss keinen Vorwurf machen. Selbst wenn man heute über seinem Text die Nase rümpft, am steigenden Erfolg der Oper ist er als Librettist, als Regisseur und Papageno-Darsteller wesentlich mitbeteiligt.
Weit über hundert Opern und Sprechstücke hat Schikaneder produziert: Sein Werk, eine unakademische Mischung aus Cabaret, Posse, Revue, Musical und Tingeltangel, zeugt von einem universellen Geist und einem Phantasiereichtum, die über blasse Verse und hohles Pathos hinwegsehen lassen. Immerhin hat er damit den Boden für die deutsche romantische Oper vorbereitet.1801 kann Schikaneder endlich den Traum eines eigenen Hauses realisieren. Es entsteht ein Theater ganz nach seinen eigenen Vorstellungen. An Mozart und den gemeinsamen Erfolg erinnern im «Theater an der Wien» nach Phasen als Musicaltheater seit 2006 wieder ein Opernhaus im ursprünglichen Sinn, das sogenannte Papageno-Tor an der Seitenfront sowie der allegorische Zauberflötenvorhang. Das Theater fasst 2200 Besucher. Die Infrastruktur – vom geräuschlosen Hauptvorhang bis zu Flaschenzügen, Versenkungen und Schnürboden – machen es zum modernsten Haus der Donaustadt.

Papageno-Portal des Theaters an der Wien, geschaffen von Jacob Schroth,1801
© zyance, wikimedia commons
Der Glanz verblasst
Doch der alternde Theaterkrösus verpasst den rechtzeitigen Ausstieg. Zwar erwirbt er sich ein reizendes Palais, um fürderhin nur noch seinem Ruhm und Reichtum zu leben. Er macht sein Testament, bedenkt verschiedene soziale Institutionen, berücksichtigt begabte, aber arme Schauspieler und vermacht sogar den Herren Wieland und Schiller, «dem deutschen Schaeckspair» dreihundert Gulden. Doch die Muse lässt ihn nicht in Ruh’, nur – so recht küssen mag sie ihn nicht mehr. Die einstigen Erfolgsrezepte haben ihre Wirkung verpufft. Der Witz ist schal geworden. Auf der Bühne wird er schnöde ausgezischt. Ebenso einmalig wie sein Aufstieg ist jetzt der Fall. 1807 kehrt er der Stadt seines größten Triumphs den Rücken, um –wie das bei verblassenden Karrieren noch heute oft der Fall ist – sein Glück in der Provinz zu versuchen. Indessen: Die Zeiten haben sich gewandelt, die politische Situation spitzt sich zu. Wien bebt unter dem französischen Geschützdonner, Schikaneders Schlössl wird verwüstet. Sein psychischer Zustand verschlechtert sich rapid. In Wien verdämmert er seine letzten Jahre in Armut, bis er 1812 «an einer Nervenschwäche» stirbt.

Se non è vero, è ben dipinto!
Festtafel zu Ehren von Mozart im Hause Schikaneders – von l. n. r. Haydn, Albrechtsberger,
Mozart, Salieri Schikaneder (stehend) und Gluck; Sängerin Caterina Cavalieri
und Mozarts Schwägerin Josepha Lange (mit dem Rücken zugewandt).
Radierung nach einem Gemälde von August Borckmann,1879 (© Theaterverlag, Berlin)
Dass sich die beiden, Emanuel und Wolfgang, tatsächlich gut verstanden, zeigt eine Stelle aus einem Brief, den Mozart mit dem ihm eigenen handfesten Witz seinem « liebsten, besten Weibchen» Konstanze schickt, die einmal mehr in Baden bei Wien zur Kur weilt. Es handelt sich um eine der Folgevorstellungen, die Mozart nicht selbst dirigiert, sondern aus einer Loge mitverfolgt. Doch dann, so schreibt er, «ging ich auf das theater bey der Arie des Papageno mit dem GlockenSpiel, weil ich heute so einen trieb fühlte es selbst zu Spielen. – da machte ich nun den Spass, wie Schickaneder eine haltung [i.e. eine Pause] hat, so machte ich eine Arpegio – der erschrack – schauete in die Scene und sah mich – als es das 2te mal kamm – machte ich es nicht – nun hielte er und wollte gar nicht mehr weiter – ich errieth seinen Gedanken und machte wieder einen Accord – dann schlug er auf das Glöckchenspiel und sagte halts Maul – alles lachte dann – ich glaube dass viele durch diesen Spass das erstemal erfuhren daß er das Instrument nicht selbst schlägt.» (Wien, 8./9. Oktober 1791)

Er hat einen Vogel! – Papageno-Yannick Debus in der Neuproduktion des Opernhauses Zürich, 2026Regie:Regie Daniele Finzi Pasca; Kostüm: Giovanna Buzzi, 2026 © OHZ – Herwig Prammer
Übrige Illustrationen: © wikimedia commons
16.09.2026
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