Apocalypse wow!
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«Wir sind immer vor Ort, wenn es um Katastrophen und Unglücke geht.» Nicht zwei Angehörige von «Schutz & Rettung», sondern zwei kaltblütige, kritische, fast schon prophetische Damen sagen das zu Beginn einer Politsatire, die das Zürcher Opernhaus in ein Mega-(MAGA!)-Gruselkabinett verwandelt.

Es sind Vampi und Bampi, zwei Vampirinnen, etwas weniger bluttriefend auch als Vampiretten bezeichnet. Tatsächlich geht’s diesen beobachtenden, kommentierenden Wesen aus zwischenweltlichen Schattenreichen weniger ums Blutsaugen als ums Aufsaugen und Verdauen des schwerverdaulichen Weltgeschehens; es geht ihnen ums Überleben des Planeten, trotz allem und erst recht. Allerdings mit mäßigem Erfolg, wie sich zeigen wird…
Jelinek und Neuwirth als Vampiretten
Wie sich später herausstellt, sind sie eigentlich zu viert und erscheinen paarweise: Sarah Defrise und Kristina Stanek übernehmen die gesanglichen Partien, Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld den schauspielerischen Part. Die rotblonde Haartolle hier, der ungebändigte Krauskopf und die dunkel gefasste Rundbrille dort machen es klar: Es sind Avatare der Schriftstellerin Elfriede Jelinek und der Komponistin Olga Neuwirth, die seit über drei Jahrzehnten eine künstlerische Freundschaft verbindet. Nun haben sie sich selbst gleich doppelt als handelnde Figuren in ihr jüngstes gemeinsames Werk eingeschrieben, das sie als Grand-Guignol-Opéra bezeichnen.



Zuoberst: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth in Jelineks legendärem Bubble Chair, einem Design aus dem Jahr 1968 von Eero Aarnio – Darunter: Die Avatare, zweimal Vampi, zweimal Bampi
Das Genre des «Großen Kasperle» entstand im Paris der vorletzten Jahrhundertwende und spielte bis 1962 in einem dafür bestimmten, einzigartigen Theaterchen im Pigalle, dessen Spezialität kurze populäre Horrorstücke mit Gewalt, Folter, Mord waren – mithin Vorläufer des Splatterfilms. Auch die aktuelle Produktion – eine Zweitauflage der gehypten Hamburger Uraufführung vom vergangenen Februar – verbrämt den Schrecken mit dem munterbunten Setting eines Varietés von Offenbachs Gnaden: Eine zähnefletschende Programm-Affiche: «Monster’s Paradise», blinkende Lichterketten und ein Laufsteg, der weit in den Zuschauerraum hinauskragt und alsogleich von leichtgeschürzten, Pom-poms schwingenden Cheerleadern betanzt wird. Und dräuend schiebt sich bereits ein geschuppter Fafnerschwanz aus der Vorhangspalte. – Seien wir also vorgewarnt!


Was schon Herrn Goethe für seine faustische Welttragödie recht war, ist den unerschrockenen Autorinnen billig: Sie starten ihre apokalyptische Dystopie ebenfalls mit einem Prolog im Himmel – «Die Sonne tönt nach alter Weise…» (Dies wird übrigens nicht die einzige Anspielung bleiben; Jelineks Text wimmelt von Allusionen, Verweisen und Kalauern, träfen, kryptischen, banalen und oftmals recht platten.)

Doch statt Erzengeln entern nun Elfi aka Vampi und Olgi aka Bampi den Laufsteg. (An dieser Stelle gleich ein Kompliment an die Maskenbildnerei: Die Bühnenkopien der beiden Autorinnen sind täuschend echt!) Die beiden lassen ihre schwarzen Vampirumhänge theatralisch flattern und setzen sich an einen eilig herbeigeschafften Schminktisch, um in einem rhetorischen Rundumschlag über den waidwunden Zustand der geschundenen Welt zu räsonieren. Dürre, Überflutungen, Klimawandel, Krieg, Machtgier, Profitstreben, Sexismus, KI haben dem Planeten arg zugesetzt. Mitschuldig am Kollaps ist – natürlich – die phallokratische Weltordnung…

Bald schon erhalten die beiden Sukkurs von ihren Doubles: Diese gondeln in Jelineks legendärem Bubble-Chair wie in einer Seifenblase über einer urbanen Szenerie, aus der diverse Wolkenkratzer emporragen, und lassen nicht den geringsten Zweifel: «Das System nähert sich einem statischen, toten Zustand.» Doch die Warnungen der Kassandras verhallen– wie üblich – ungehört. Also entschließt sich Frau: «Auf in die Welt!»

Vom Himmel direkt ins Weiße Haus
Dort landen sie punktgenau vor der Fassade des Weissen Hauses, minutiös ausstaffiert mit allerhand klassizistischem Zierrat, French Windows und akkurat getrimmten Buchsbäumchen – für die opulente Bühnenausstattung wie auch die fantasievollen Kostüme zeichnet Rainer Sellmaier.

«Awesome!!!» schallt’s aus dem Innern, während sich die Zuckerbäcker-Architektur dreht und das Oval Office sichtbar wird: Die Machtzentrale des König-Präsidenten, umgeben von güldenem Barockoko, wohin das Auge schweift. Üppige Draperien. Ein pompöser Schreibtisch, darüber in der Kartusche das Emblem der gereckten Faust. In der Ecke, stumm und steif, eine Stehlampe, Design Melania, mit riesigem schwarzem Hut und Sonnenbrille; wird bald durch ein neueres, jüngeres Modell ausgewechselt. Links staubt ein unordentlicher Stapel Akten vor sich hin, rechts klotzt ein prallgefüllter Cola-Kühlschrank.

King Donald I. als Opernpopanz
Hier thront Ihre Majestät auf einem goldenen Trumps-Klo, unverkennbar King Donald I. mit Krone und Waschbrett-Krawatte (allerdings kürzer als die originale rote!), die er immer dann riffelt, wenn er einen Ukas absondert – zum Beispiel «Furz und Schoiße». Das wiederum deklariert ihn klar als Nachfahren des «Ubu roi» mit seinem «merdre» ebenso wie – etwas weniger deutlich – als Verwandten des «Grand Macabre». Allerdings: Alfred Jarrys infantiler Fettwanst-Tyrann ist unvergleichlich bedrohlicher, die Allmachtsfantasien von György Ligetis Nekrotzar bizarrer und vielschichtiger.

Umweibelt wird der Cola-saufende, Fastfood-verschlingende Egomane von zwei speichelleckerischen Schranzen, Mickey mit entsprechenden Ohren (Andrew Watts) und Tuckey (Eric Jurenas), beide mit klar fokussiertem Countertenor. Das passt gut zu ihrer umtriebigen Servilität und auch zu ihrer späteren Funktion als Todesengel, wenn sie himmelwärts davonsegeln. Dem unflätigen, übergriffigen, primitiven Autokraten selbst leiht Georg Nigl Stimme und Charakter (wenn man das in diesem Kontext überhaupt sagen kann). Der Bariton brilliert mit einer außerordentlich flexiblen Stimme, die schmieren, schrecken, schwadronieren kann, sowie mit umwerfender Körpersprache und feixender Mimik, die vor allem in den Videosequenzen etwas zu penetrant zum Tragen kommt.

Wie er seine Wampe majestätisch vor sich her trägt… Wie er in trumpscher Manier mit ausholender Armbewegung mit Erfolgen und Zustimmungsraten prahlt… Vor allem: Wie er am roten Buzzer-Knopf die Teilnehmer von «America’s Got Talent» rauskickt – Elvis mit schwarzer Schmachtlocke; Joan Baez, bieder ergraut, mit Klampfe; ein Country-Held mit überdimensioniertem Stetson, zwei Ketchup- und Mayo-sprühende Hotdogs…
Auch ein tapsiger Bär im Tutu wird schonungslos weggebuzzert, obwohl er nur die Glückwünsche des Volks zur siegreichen Wahl überbringt – ist Meister Petz gar ein russischer Undercover, direkt aus dem Bolschoi abkommandiert? Ruben Drole macht jedenfalls das Beste aus seinem undankbaren Auftritt.

Realität ist grausiger als Fiktion
Dann ist da noch das Volk, zerlumpte, an Leib und Seele havarierte Gestalten, die, ungeachtet ihrer Misere, ihrem Präsidenten-König zujubeln. Diesem soll’s jetzt aber an den Kragen bzw. ans Fett gehen. Vampi und Bampi, getarnt als Miss Piggy und Frog Kermit, prügeln und stechen auf den Präsidenten ein, doch der ist nicht totzukriegen. Selbst als sich die Muppet-Figuren vervielfachen, nützt das nichts. Im Gegenteil, die Kermits ermorden die Piggies – eine absurd-groteske Persiflage des Sturms aufs Kapitol?

Immer wieder hört man als mahnende Stimme der Vernunft «The Goddess» (Charlotte Rampling) in einer Video-Aureole über den Proszeniumslogen. Warum in Englisch – damit Mr. President, der keiner Fremdsprachen mächtig ist, es auch versteht? Der jedenfalls geht gestärkt aus dem Chaos hervor und bläht sich wie ein Flaschengeist auf zu einem kolossalen Popanz mit unverhältnismäßig winzigem Kopf. Und dito Hirn! Pikanterweise haben Jelinek /Neuwirth ihr Werk noch vor Trumps Wiederwahl zur zweiten Amtszeit konzipiert. Doch mittlerweile hat die Realität die spielerische Groteske längst überholt: Aus dem rüpelhaften Riesenbaby ist ein gefährlicher Despot geworden…

Das ist vielleicht der Schwachpunkt der fabulösen Farce – amüsant, gekonnt trashig und schrill überzeichnet, aber auf die Dauer etwas ermüdend, weil sattsam bekannt. Weil zu expIizit, was den Horror etwas herunterspielt.
Immerhin zeugt die Bilderflut von der überbordenden Fantasie des Regisseurs Tobias Kratzer, der als Intendant in Hamburg diese Oper überhaupt erst ermöglichte und aus der Taufe hob. Mit seinen spektakulären Einfällen und optischen Gags im Overdrive hält er die nicht übermäßig originelle Handlung am Laufen, denn Jelineks Text zerfasert nicht selten in gewundenem, verkopftem Wortgebräu. Erschlingert wenig stringent von Thema zu Thema, lässt den wirklich zupackenden, zynischen Biss vermissen, taugt nur bedingt für die Bühne.

Einen entscheidenden Dreh erfährt das skurrile Pandämonium, als die zunehmend gestressten Weltretterinnen mit ihrer Bubble-Kugel im Schlepptau auf einer utopischen Insel landen. Hier haust Gorgonzilla, Abkömmling des riesenechsenartigen Seemonsters Godzilla aus der bekannten japanischen Filmserie. Anna Clementi leiht dem Biest ihre verfremdete Stimme, Vanessa Konzok schlüpft in die beeindruckende Ganzkörpermaske – schon rein physisch eine ungeheure Leistung! Das Urtier, geboren aus einem Reaktorunfall, entpuppt sich als Retter der Menschheit, indem es das Meer – ein blaues Tuch – wunderbar wogen lässt. Unbeirrt rückt der König-Präsident im Golfcart mit seinen Panzerchen, U-Booten, Huntern und Kriegsschiffen an, um die Insel einzunehmen – kommt uns das bekannt vor? Schon hat er seinen Golfschläger als Standarte auf das Eiland gepflanzt, da …
Ein reizvoller Cliffhanger: Wie im Zirkus verkündet ein Girl mit einem Plakat: PAUSE!



Monströse Götterdämmerung
Nach der Pause, während der Zombies und Tanzpuppen durch die Cüpli-Society gegeistert sind, ändert sich die varieté-knallige Bühnenästhetik. Wir nähern uns der düstern Apokalypse. Dank der kreativen Videokunst von Jonas Dahl und Janic Bebi, kombiniert mit traditioneller Bühnentechnik, entstehen reizvolle visuelle Effekte. Obwohl eine Kinderschar – lauter kleine Vampis und Bampis – Friedensplakate hochreckt und sich gar am Boden festklebt, kommt es zum Showdown der Giganten, untermalt vom wohl dichtesten, interessantesten Instrumentalstück in Neuwirths Partitur.



Wie in einem antiken Drama kommentiert und schildert der Chor das Auf und Ab des Kampfes, der im raffinierten Wechsel zwischen Schattenspiel und Videoprojektion über den Vorhang tobt. Schließlich siegt Gorgonzilla, verspeist den Präsidenten und setzt sich selbst die Krone als König und Retter auf. Wohl sprießen kurzzeitig die Blümchen, springen die Rehlein, gaukeln die Schmetterlinge… Wohl entledigt sich das Seemonster seiner Drachenhülle – Monster sind auch nur Menschen und umgekehrt! Doch die Welt ist eh nicht mehr zu retten. Ein Feuerbrand breitet sich aus. Gorgonzilla, wieder in seinem feuerfesten, strahlensicheren Drachenpanzer, greift sich die beiden Vampirinnen und taucht ab ins unendliche Meer, dessen Spiegel steigt und steigt… Kulturstrandgut, eine einsame Cola-Büchse, eine entwurzelte Palme, dümpeln durch die Fluten…

Und ebenso zitiert Neuwirths Musiksprache vielerlei Versatzstücke aus U- und E-Musik. Unterschiedliche Epochen, Genres von Klassik über Jazz, Volksmusik bis Pop und Rock, elaborierte Klangerzeugung und Klangverfremdung werden virtuos und lustvoll durcheinandermixt. Der eigentlicher Operngesang gerät hinter ausgedehnten Sprechpassagen in den Hintergrund. Titus Engel, ausgewiesener Fachmann für derartige Klänge, manövriert das Orchester der Oper Zürich durch die komplexe Partitur. Zum reichen Orchesterapparat gesellen sich Drumkit, E-Gitarre und ein verstimmtes Klavier.

Das ist frech, verblüffend, amüsierend, unerwartet, irritierend – emotionale Betroffenheit dagegen vermag diese Klangwelt nur selten auszulösen. Allenfalls im zwar etwas sentimental-kitschigen Schlussvideo: Jelinek und Hauswirth sitzen auf einem Floß am verstimmten Bösendorfer und spielen Schuberts f-Moll-Fantasie zu vier Händen, während sie auf offenem Meer, vorbei am sinkenden Opernhaus, endlos lange dem Sonnenuntergang entgegentreiben – «und wenn sie nicht gestorben sind…». Allmählich übernimmt das Klavier das Spiel, die Tasten bewegen sich selbständig, wie von Geisterhand gerührt – Ist Musik das Einzige, was Erlösung oder zumindest Tröstung verheißt…? Allerdings ist auch sie heillos verstimmt. Nicht gerade verstimmt, aber etwas ratlos zeigt sich auch das Publikum: Die bewundernswerte Leistung aller wird heftig beklatscht, die begeisterten Standing Ovations dagegen bleiben aus.

Szenenbilder: © OHZ - Monika Rittershaus und Tanja Dorendorf (Hamburgische Staatsoper)
10.03.2026
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Lieber Bruno
Sehr guter Kommentar, vieles ist mir klarer geworden...
Herzlichen Dank!
Liebe Grüsse, Barbara