Rosen ohne Dornen


Lascia la spina, cogli la rosa!» – Rosen pflücken, ohne sich an den Dornen zu stechen. Das wäre doch der Inbegriff der reinen, ungetrübten Freude. Und genau das verheisst Il Piacere, die allegorische Figur des sorglosen Vergnügens, mit verführerischen Worte der Bellezza, der sich ihrer Vergänglichkeit (noch) nicht bewussten Schönheit, in Händels Oratorium «Il trionfo del tempo e del disinganno» (Der Triumph der Zeit und der Erkenntnis, i. e. der Ent-Täuschung, der Ent-Zauberung).


Rosen ohne Dornen gibt es nicht. Kann und darf es nicht geben, warnt uns die moralisierende Alltagsphilosophie, sollten wir uns dem Pläsir welcher Art auch immer allzu leichtfertig hingeben. Auch in der «Zauberflöte» legt der Textautor Emanuel Schikaneder Pamina die Volksweisheit in den Mund: Die Liebe, so singt sie, möge ihren gemeinsamen Prüfungsweg «mit Rosen streun, weil Rosen stets bei Dornen sein.»


Unsinn! – mäkelt der Botaniker. Rosen haben gar keine Dornen, sondern Stacheln. Diese wachsen auf der Oberfläche der Rindenhaut und lassen sich leicht abstreifen. Dornen dagegen sind fest mit dem Gehölz verbunden.

Doch diese «spitzen Findigkeiten» sollen uns hier nicht kümmern, ganz abgesehen vom recht freien Umgang Schikaneders mit Reim und Grammatik. Denn gerade jetzt, zum Auftakt des Sommers, bietet Göttin Flora eine höchst attraktive Alternative zur dornenbewehrten Rose. Und so wird sie in der «Eigenthümlichen Pflanzenkunde für Mütter, Jungfrauen, Jünglinge und Naturfreunde» aus dem Jahr 1845 beschrieben: «Sie riecht syrupartig und giebt uns mit ihrer strahlenden Blüthe von der Farbe des Blutes das Bild der Prahlsucht» – Die Rede ist von der Paeonia officinalis.


Besser bekannt ist die Prahlsüchtige hierzulande allerdings unter ihrem bürgerlichen Namen: Pfingstrose. Die stämmigen, karminroten Sorten können zwar das Pfingstfest kaum abwarten. Sie erblühen vorschnell, trumpfen gross auf, lassen ihre Blätter jedoch nach kurzer Pracht fallen und verströmen auch nicht den betörend zarten Duft: Der Volksmund nennt sie -«Bueberose» – wie trefflich ist doch Volkes Stimme!

Wenig später erblühen die «echten» Pfingstrosen. Ihre üppigen, duftenden Blumen, gefüllt mit unzähligen Kronblättern von milchigem Weiss, hellerem oder dunklerem Rosa, die sich apart vom reichen grünen Blattwerk abheben, sind geradezu ein Sinnbild von Fülle und Opulenz. Es gibt Sorten, deren Blütenblätter beim Erblühen pinkfarben sind, sich aber allmählich über Orangeschattierungen zu blassem Gelbtönen wandeln. Neben krautartigen Büschen wachsen sie auch als hohe verholzende Strauch- und Baumpäonien, gefüllte Sorten oder aber mit einem einfachen Kronmblätterkranz, der die apart gefärbten Samenstände sehen lässt. In ausladenden Horsten, die jahrzehntelang am gleichen Standort gedeihen, bilden sie in Bauerngärten einen reizvollen Kontrast zu Lupine, Rittersporn und Schwertlilie. Und sie tragen wie die echten Rosen vornehme Namen wie Madame Calot, Sarah Bernhardt, Graf Zeppelin oder Bowl of Beauty.

Trotz der (falschen) Bezeichnung gehört die Pfingstrose nicht zu den Rosaceae und auch nicht zu den Hahnenfussgewächsen, wie früher angenommen. Vielmehr bildet sie eine eigene Familie, deren ursprüngliche Heimat China, Ostsibirien und Korea ist. Heute gedeiht sie in ganz Europa; in den trockenen Hügel- und Berggebieten des Mittelraums und im Tessin findet sich auch ihre ursprüngliche Wildform, die Officinalis, mit den ungefüllten Blüten. Officinalis deshalb, weil sie sich schon seit Urzeiten in der Hausapotheke des griechischen Götterarztes Päon einen wichtigen Platz innehat. Dieser Päon – eigentlich Apollo im Ärztekittel – bediente sich ihrer Wurzeln, die man Rhizome nennt, zur Schmerzlinderung und zur Blutstillung, wenn seine olympischen Kollegen im Schlachtgetümmel wieder mal was abgekriegt hatten. Später überliess Apollo die «Königin der Kräuter» grosszügig dem Menschengeschlecht, das ja ebenfalls von allerlei Gebresten geplagt wird. Und da die Päonie auch im Zaubergarten Hekates, der Herrin des nächtlichen Unwesens und der Zauberei, gedeiht, wurde sie ebenfalls als antidämonisches Mittel eingesetzt: «15 schwartzer Peonienkörner sind gut wider den Alp, das ist ein sucht oder fantasy so den menschen im schlaff druckt ... », also gegen Alpträume, aber auch gegen Epilepsie, Mondsucht und Hexenschuss.

Im Handbuch des deutschen Aberglaubens, einem herrlichen Werk zum Schmökern, wird die Pfingstrose auch Gichtrose genannt, denn ihre Stängel, ins Badewasser oder in die Wiege des Säuglings gelegt, sollen diesen vor dem künftigen Zipperlein bewahren. Die zerstossenen Blätter helfen gegen das Wundwerden des kindlichen Popos; die Samenkörner, in einem Amulett am Hals getragen, schliesslich erleichtern das Zahnen. Aber aufgepasst – und das ist ja wohl bei einer derart wundertätigen Pflanze selbstverständlich: Päonien dürfen nur an einem Julisonntag im Neumond zur Mittagsstunde oder aber nachts ausgegraben werden. Und selbst dann ist höchste Vorsicht geboten, dass einem dabei kein Specht zuschaut, sonst koste es das Augenlicht.


Falls Sie aber keinerlei derartige Übel zu kurieren haben und auch nicht allzu abergläubisch sind, können Sie sich auch einfach an einem Strauss dieser wohl prächtigsten unter den einheimischen Gartenblumen erfreuen. Aber wie gesagt: Achtung! Dies ist ein Arzneimittel, lesen Sie den Pflanzzettel oder fragen Sie – den Gärtner.

© Bilder: Herbert Frei & Bruno Rauch



Weitere Beiträge finden Sie unter INDEX