Großes Kino auf der Bühne
Aktualisiert: vor 36 Minuten
L. FRANK BAUM: DER ZAUBERER VON OZ (SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH)
BASTIAN KRAFT PRÄSENTIERT EIN ORIGINALES REMAKE
DES LEGENDÄREN FILMS NACH DEM LEGENDÄREN BUCH
«Es war einmal» – so beginnen alle Märchen. Fast alle. Nicht aber jenes Modern Fairy Tale, das in Amerika weit übers Kinderzimmer hinaus zum nationalen Kulturgut, wenn nicht gar zum Nationalepos im Märchengewand geworden ist – mit dem Vorzug, dass hier weder Kriege angezettelt noch Staatsverträge geschlossen … und mit Füßen getreten werden! Die Rede ist von «The Wonderful Wizard of Oz». Erschienen ist das Buch 1900, geschrieben hat es Lyman Frank Baum (1856–1919), ein umtriebiger Journalist, Theatermann und Gelegenheitsunternehmer. Und so beginnt's: «Dorothy lebte mitten in den weiten Prärien von Kansas bei Onkel Henry, der Bauer war, und Tante Em, der Frau des Bauern.» – Weniger prosaisch geht nicht.

Aller Anfang ist … grau
Ebenso wenig märchenhaft gestaltet sich der Einstieg in die Märchenstunde, zu der Bastian Kraft ins Schauspielhaus Zürich einlädt. Wie schon oft greift der Regisseur auf eine literarische Vorlage zurück und bringt seine eigene Lesart trotz der für die Bühne nötigen Eingriffe in kongeniale Übereinstimmung mit dem Original. Denn Kraft liest nicht nur genau, er versteht es auch, den Intentionen des Autors zwischen den Zeilen nachzuspüren. Indem er so zum Kern der Geschichte vordringt, gelingt der Wechsel vom Buch zur Bühne hier einmal mehr so überraschend wie schlüssig. Zuletzt war das in Zürich bei Andersens Märchen von der «Kleinen Seejungfrau» zu erleben. Gerne erinnert man sich auch an Frischs «Homo Faber» und an Manns «Buddenbrooks» auf eben dieser Bühne. Oder, im Winterthurer Gastspiel des Münchner Volkstheaters, an Manns Hochstapler-Roman, wo gleich drei Felixen Krulls, einer brillanter, charmanter und schlitzohriger als der andere, die Welt und uns Zuschauer einseiften. (Man wünscht sich, dass auch das Zürcher Opernhaus den vielbeschäftigten Regisseur, der auch schon einige Opern inszeniert hat, gewinnen könnte.)

Jetzt also verspricht man von der Pfauenbühne herab «ein Remake des Remakes, und doch das Original». Gemeint ist jenes Filmmusical von Victor Fleming aus dem Jahr 1939, das die 16-jährige Frances Ethel Gumm alias Judy Garland schlagartig weltberühmt machte – nicht zuletzt dank des Titelsongs «Over the Rainbow». Im züchtig wadenlangen, blauweiß karierten Kleidchen spielt sie darin das schwarzbezopfte Girl Dorothy, das ein Wirbelsturm samt Wohnhaus ins ferne Land Oz verschlägt. Im Zauberland, wo auch gute und böse Hexen herumspuken, begegnet sie einer hirnlosen Vogelscheuche, einem gefühlsarmen Blechmann und einem feigen Löwen. Gemeinsam wollen sie den geheimnisvollen Zauberer aufsuchen, von dem sie sich erhoffen, er verleihe ihnen das, wonach sie sich sehnen – Verstand, Herz, Mut und, für Dorothy, die Rückkehr nach Kansas. Am Ende entdecken alle, dass sie die entscheidende Kraft in sich selbst tragen.

Von Märchenmagie lässt auch das Bühnenbild von Peter Baur zunächst wenig erahnen: Immerhin vermitteln ein von der Kostümbildnerin Sophie Reble mit bunten Klamotten bestückter Kleiderständer sowie zwei von Lämpchen gerahmte Schminktische links und rechts des Bühnenportals ein wenig Theatermagie. Zudem verströmt ein silbrig glänzender Raffvorhang, der die Leinwand im Hintergrund kaschiert, einen Abglanz von Film und Fummel.

Jedem sein eigener «Zauberer von Oz»
Aus den üppig drapierten Wolkengirlanden des Vorhangs lugen jetzt die videoprojizierten Gesichter der Darsteller, die von ihren frühkindlichen bis spätpubertären Begegnungen mit dem «Zauberer von Oz» erzählen. Und zwar in Form von rasch geschnittenen Statements, die bereits Ciné-Groove vermitteln. Zum Beispiel: Als Kids auf dem Autorücksitz bei der Fahrt in den Italien-Urlaub zum wiederholten Mal und in Endlosschlaufe auf DVD… Zum Beispiel: Anlässlich des Besuchs bei der Tante, die zur Freude des Neffen eine klobige VHS ins Gerät schiebt – Wart’s ab, sagt sie, wird schon noch farbig… Oder zum Beispiel: In der Schwulenbar, wo dieser Film in Großformat über die Wand flimmert, ohne Ton, aber alle – ob straight oder gay, Kerl, Tunte oder Butch – kennen die Dialoge eh auswendig. Kann man überhaupt erwachsen werden, ohne den Film je gesehen zu haben…?


Nur eine hält sich aus dem sprunghaften Palaver raus: die Dame im Paillettenkostüm, seitlich vorn an der Rampe. Birgit Walter als Judy Garland. Judy Garland als Dorothy. Einsam, nachdenklich, mit leiser Melancholie verfolgt sie das Geschehen auf Bühne und Leinwand, in deren Zentrum sie steht – in deren Zentrum sie stand und stehen wird, solange es die Aficionados der ganz großen Hollywood-Klassiker gibt… Keine Beziehung in ihrem Leben habe länger gehalten als die zu ihrem Publikum, wird die Schauspielerin später sagen.

Und schon sind wir als Teil jener weltumspannenden Fangemeinschaft unversehens in den ikonischen Streifen gerutscht, in diese freche Mischung aus «Alice im Wunderland» und «Heidi» – zwar ohne Berge, wird uns versichert. Dafür mit Hexen und auf LSD…
Traumland versus Set-Realität
Doch wie bringt man einen solchen Kultfilm auf die Bühne, ohne ihn bloß nachzuerzählen? Bastian Kraft, der auch die Textfassung erstellt hat, setzt auf einen munteren Switch zwischen Leinwand und Theater, zwischen liebenswürdig kitschigem Hollywood-Glamour und der Realität auf dem Set, die weit weniger bezaubernd war. Zwar wird brav der Chronologie entlang erzählt, für den Fall, dass es doch einzelne Versprengte geben sollte, die den Film nicht kennen... Immer aber werden Schlenker eingebaut, Brüche, Kommentare und Anekdoten, die das Ganze zu einem schillernden Gemenge aus Making-of, Blick in die Kulissen und Hintergrundreportage machen, angereichert mit einem Schuss Filmgeschichte und einer Fülle witziger, spritziger Special Effects aus einer schier unerschöpflichen Trickkiste. Getragen aber wird das grandiose Spektakel vor allem vom sechsköpfigen Ensemble, das in allen Sparten – Schauspiel, Gesang, Tanz – brilliert.
Tatsächlich verlässt man den Saal nach 2 ¼ Stunden nicht nur bestens gelaunt und glänzend unterhalten, sondern auch um manches Detail reicher. Und mit einem geschärften Blick auf einen Film, den man längst zu kennen glaubte. – Doch wir greifen vor. Noch gilt es allerhand Fährnisse und Prüfungen zu bestehen, wie es sich für eine Coming-of-Age-Geschichte schickt, und eine solche ist der Stoff letztlich auch.

Und diese nimmt zunehmend Fahrt auf. Im eigentlichen Wortsinn! In verwaschenen Grautönen flieht ein Mädchen im karierten Kleid mit dem kleinen Wuschelhund vor der garstigen Nachbarin auf dem sensationellen Filmvelo, denn Toto hat wieder mal in Nachbars Garten gekackt.

Jetzt wird’s stürmisch – und bunt
Aber es kommt noch schlimmer: Ein Tornado ist angesagt. Zuvor verteilt der Regisseur – Markus Scheumann mit wunderbar blasiert-genervter Visage – noch schnell die Rollen für die ersten paar Takes. Wobei Alexander Angeletta als Onkel Henry, Yvon Jansen als Tante Em und Lena Schwarz als deren Haus (!) ihre Rollen, Gestalt und Kostüme wie alle anderen Mitwirkenden jederzeit und im fliegenden Wechsel tauschen können – stimmig zum Motto des Abends: Nichts ist echt, doch alles ist wahr. Kurz: Ein furioser Cocktail aus Fiktion und Fakten, aus Magie und Musik, aus Zauber und Entzauberung.


Selbst der neunmalkluge Regisseur sitzt nicht fest auf dem Regiestuhl – immerhin hat er sich für den Schluss die Rolle des Oz-Zauberers zugedacht. Dazwischen absolviert er sogar einen markigen Kurzauftritt als Tom-of-Finland-Macho. Das ist kein Zufall: «Friend of Dorothy» diente während der repressiven McCarthy-Ära und bis in die 90er-Jahre in der Queer-Community als Code, um sich diskret erkennen zu geben, und Judy Garland galt und gilt als eine der wichtigsten Queer-Ikonen.

Einzig David Rothe spielt und ist und bleibt die junge Judy alias Dorothy von O bis Z. Mit den schwarzen Zöpfen, straffer geflochten als damals, 1939. Im blauweiß karierten Kleidchen, größere Karos und wesentlich kürzer als damals! Crossgender-Thematik, ach ja, aber diese tritt in den Hintergrund, man vergisst sie schnell, als er, als sie (!) sich für den berühmten Regenbogen-Song ans E-Piano setzt, live und echt und anrührend.

Wenn Blitze zucken, ist ein Blechmann in seinem Element
Im brutalen Kontrast zur regenbogenfarbigen Traumwelt, die da besungen wird, gibt es Einblicke ins knallharte Geschäft am Set. Wir erfahren von überlangen Drehtagen, welche die 16-Jährige nur überstand, indem sie vom Studioarzt mehrmals täglich sogenannte Pep-Pills, Amphetamine, verabreicht bekam, abends dann, um schlafen zu können, Barbiturate. Zudem wurde ihr, da man sie als zu dick befand, eine Diät aus Hühnerbrühe, schwarzem Kaffee und Zigaretten verordnet und das Kostüm immer enger geschnürt. So konnte es passieren, dass sie bisweilen zusammenklappte… Von der erwachsenen Judy Garland an der Rampe hören wir zudem, dass sie bereits von ihrer ehrgeizigen Mutter, die sie von Casting zu Casting schleppte, mit Aufputschmitteln vollgepumpt wurde – «Aber ich befürchte wirklich, sie hat sie mir aus Liebe gegeben.» Das geht unter die Haut und lässt einen leer schlucken.

Schlafmohn und Schneegeriesel aus Asbeststaub – ein zweifelhafter Powernap
Glamourfassade und Copyright
Doch jetzt ist nicht Zeit für Sentimentalitäten, der Dreh erträgt keine weitere Verzögerung, das Budget ist längst überstrapaziert. Alex als Tornado bläst die Backen auf, bringt die Bühne in Schieflage und lässt die Bauernkate auf die Böse Hexe des Ostens niederkrachen. Nur noch ihre Beine in Ringelstrümpfen und mit den legendären roten Schuhen ragen aus der Havarie hervor. Wieder ein Anlass für einen hübschen inhaltlichen Seitenpfad: Der Regisseur nölt über diese Schuhe, denen das originale Schleifchen fehlt, und muss sich darüber belehren lassen, dass dieses Requisit wie fast alles – Kostüme, Spezialfarben, gelbe Ziegelsteine undundund – in diesem Film unter Copyright stehen (Aha, Dorothys kurzer Rock ist also nicht nur ein Tribut an die heutige Mode!) Und übrigens, die Schuhe sollen eine der teuersten Memorabilien der Hollywood-Filmgeschichte darstellen: Ein Paar erzielte bei einer Auktion 28 Millionen Dollar.


Nicht ungefährliches Transportmittel für Hexen und völlig ungefährlicher Löwe im Leoparden-Print
Eine augenzwinkernde Volte im Gang der Geschichte ist die Erscheinung von Yvon Jansen als Glinda, die Gute Hexe des Südens. In Krafts Version tritt sie in Gestalt einer anderen Ikone der queeren Camp-Kultur auf: Als Bette Midler in einem zuckerwattefarbenen Traum aus Tüll und Strass. Sie zickt zwar noch ein wenig herum, weil ihr nicht die Hauptrolle angeboten wurde, aber schließlich zaubert sie, zack, die magischen roten Schuhe doch an Dorothys Füße. Damit ist das Mädchen gegen die Attacken der grüngesichtigen Bösen Hexe (Lena Schwarz) gefeit, selbst als diese in dreifacher Gestalt mit Spitzhut, flatterndem Cape und Besen durch die Lüfte braust. Auch die damalige Hexen-Darstellerin bekam die menschen- und frauenverachtenden Seiten der Glitzerwelt Hollywoods zu spüren, als sie sich bei den Pyro-Effekten gravierende Verbrennungen zuzog. Ärgerlich, äußerst ärgerlich – aber zum Glück gab es ja genügend Willige, die sich als Doubles einsetzen ließen…

Trio infernal
Willkommen in der Smaragdstadt
Der Dreh geht weiter und Dorothy, jetzt in Begleitung ihrer drei neuen Freunde, gelangt in die grüne Smaragdstadt. Dort werden die vier zum großen Zauberer vorgelassen, nachdem sie die Böse Hexe buchstäblich ausgelöscht haben.
Ob und wie ihnen der Popanz mit grünen Lichtstäben als Haare, einem roten Raffrollomund und stechenden Scheinwerferaugen weiterhelfen kann, sei hier nicht verraten – und zwar aus purem Eigennutz. Denn: Anders als die überaus einfallsreiche, raffinierte Regie Krafts, die bei allen Umwegen und Zwischenstopps immer wieder mit eleganter Pirouette oder kühlem Schnitt zur eigentlichen Handlung zurückfindet, droht sich der Berichterstatter im Gespinst der Fäden, ob schuhrot, brickgelb oder smaragdgrün, zu verstricken.
Deshalb nur so viel: Der große Zauberer entpuppt sich als grotesker alter Herr, der sich für seine Tricks eines simplen Klempnerkastens bedient. Wer dabei an gewisse Großmachtpolitiker denkt – aber lassen wir das.

Kansas an der Limmat
Aber wie finden wir nach dieser Sternstunde für Herz und Kopf zurück in die Zürcher Realität? Zum Glück gibt es da die Expertin «Mona mittendrin», die in allen Lebenslagen den richtigen Dreh findet und die richtigen Fragen stellt. Mit ihr begleiten wir Dorothy-Judy-David im Video auf einer Autofahrt durch die grauen Straßen der Limmatstadt in ihre zukünftige Bleibe, eine kleine, sozusagen märchenfreie Blockwohnung. Unterwegs entspinnt sich ein Dialog, den sich Kay Matter, eine Stimme der jungen LGBTQ-Szene, erdacht hat. Es geht darin um die Fragen: Gehen oder bleiben? Neues, Unbekanntes wagen und dafür Vertrautes, Liebgewonnenes aufgeben! Was passiert mit denen, die man zurücklässt, wenn man nicht da ist? Ein Split-Screen, um mehreres gleichzeitig zu erleben, das wäre doch vielleicht ’ne gute Sache? Irgendwann fällt der bedeutungsschwere Satz «Hach. Wisst ihr … Ich rede hier so rum, aber am Ende des Tages ist es ziemlich banal.»
Tja, viel ist dem nicht beizufügen. Der unwiderstehlichen Magie der vorangegangenen zwei Stunden vermag der mattersche Epilog zwar nichts anzuhaben, überflüssig ist er trotzdem.
Da halten wir’s doch gern mit dem Zauberer von Oz, der jetzt an der Wohnungstür klingelt und für alle ein Paar rote Schuhe mitbringt: Dreimal die Hacken zusammenschlagen und dazu den Zauberspruch murmeln «There’s no place like home» – wo immer das sein mag, ob symbolisch zu verstehen oder konkret…
Wir, das Publikum, kriegen zwar keine Schuhe, aber wir klatschen dennoch. Mit Begeisterung und Ausdauer.

Alexander Angeletta, Yvon Jansen, David Rothe, Markus Scheumann, Lena Schwarz, Birgit Walter (v. l.)
Szenenbilder: © SHZ – Toni Suter/T+T Fotografie
28.10.2026
Hier der Bericht zur «Kleinen Meerjungfrau», ebenfall eine Regiearbeit von Bastian Kraft
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Wunderbar geschrieben! Das macht Lust, ins Theater zu gehen. Vielen Dank, lieber Bruno
Peter A
Wieder einmal grandios beschrieben! Merci vielmals Bruno.
DANKE für diese wiederum grossartige, treffsichere Rezension, lieber Markus! Ich habe diese Inszenierung mit grossem Vergnügen genossen und kann allen nur empfehlen, sich auch die Einführung nicht entgehen zu lassen!
Soeben mit grossem Vergnügen gelesen! Ich dachte erst, es ist ein Kinderstück, aber ich werde es mir – als grosses Kind 😜 – nicht entgehen lassen! B. B.