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Schule des Grauens




Ich habe diese Musik sehr wenige Male so genau und so schön gehört», sagt der weißhaarige Herr an der Premierenfeier im Opernhaus Zürich. Er spricht von der Musik zur Oper, seiner Oper, die soeben als schweizerische Erstaufführung erfolgreich über die Bühne gegangen ist. Der sympathische Herr, sichtlich berührt vom tosenden Applaus, ist George Benjamin, einer der renommiertesten Komponisten der Gegenwart, einst Schüler von Olivier Messiaen, ausgezeichnet mit diversen Preisen und Ehrungen – und als «Sir» geadelt. Das fragliche Werk ist seine dritte Oper «Lessons n Love und Violence», die 2018 in Covent Garden uraufgeführt und im Anschluss gleich von mehreren Bühnen koproduziert wurde.


Der 63-Jährige hat allen Grund, sich über die Zürcher Aufführung zu freuen. Die Philharmonia Zürich in luxuriöser Besetzung mit zwei Harfen, Cimbalom (Hackbrett), Celesta und einem zum Teil mit exotischen Instrumenten wie Tombaks, (Bechertrommeln verschiedener Provenienz) bereicherten Schlagwerk leistet Außerordentliches. Die Musik erklingt über weite Strecken mit kammermusikalischer Souplesse und Transparenz, mitunter – vorab in den Zwischenspielen zu den einzelnen Szenen oder wo es das Geschehen erfordert – auch mit sinfonischer Attitüde.


Benjamins Partitur bietet dem Orchester reichlich Gelegenheit zu glänzen: mit vielfältigem Klangspektrum und suggestiven Stimmungswechseln, mit gesteigerter Expressivität und explosiven Spannungsverläufen, alles eingebunden in hochpräzisen Feinschliff. Tatsächlich entsteht der Eindruck eines bis in die letzten Facetten geläuterten Diamanten. Unreines, Überflüssiges, Beliebiges, einfach nur Geräuschhaftes scheint in einem minutiösen Verfeinerungsprozess eliminiert worden zu sein, sodass das Licht, sprich: die Musik ein buchstäblich viel-schichtiges Spiel entfalten kann, besonders faszinierend beispielsweise in der ersten von zwei Theater-im-Theater-Szenen. Da wird die Klage Davids um den toten Freund Jonathan gespielt; gleichzeitig vollzieht sich auf einer zweiten Ebene die Reaktion des Publikums, sodass sich zwei musikalische Klangräume übereinanderschichten. Der Dirigent Ilan Volkov bündelt die Fäden der komplexen, aber keineswegs abstrus konstruierten Klangtextur hochpräzis. Er sorgt für Dichte ebenso wie Durchhörbarkeit und schafft so den Sängern ein ideales Feld zum dramatischen, im besten Sinn des Wortes opernhaften Ausdruck, dem vokalen Melos gleichermaßen verpflichtet wie dem deklamatorischen Sprachduktus. Was sich auch in einer überdurchschnittlichen Textverständlichkeit zeigt. Gesungen wird in Englisch.




Im Zentrum des Stücks stehen König Edward II und sein Günstling Piers Gaveston, Earl of Cornwall, beides historische Figuren aus dem frühen 14. Jahrhundert. Die enge – vermutlich homoerotische – Beziehung zwischen den beiden Herren (übrigens beide verheiratet) gab schon früh Anlass zu Spekulationen und regte an zu Bearbeitungen für die Bühne, die Malerei und sogar den Film. Um 1590, also gut zweieinhalb Jahrhunderte nach dem «Fall», schuf Christopher Marlowe, ein Zeitgenosse Shakespeares, daraus eine sogenannte Historie (Das einzige Exemplar des ältesten erhaltenen Drucks von 1594 liegt in der Zentralbibliothek Zürich – wow!!): «The troublesome raigne and lamentable death of Edward the second, king of England: with the tragicall fall of proud Mortimer». Die Homosexualität steht dabei nicht im Vordergrund, sondern vielmehr Willkür, Machtstreben, Skrupellosigkeit, die den Weg von Aufstieg und Fall säumen; mithin Themen, wie sie auch Shakespeares «Macbeth» oder seine Königsdramen prägen.


Marlowe hatte den ausufernden Stoff, der die Periode zwischen 1307 und 1330 umfasst, in ein ungemein dichtes Drama gepackt. Der britische Dramatiker Martin Crimp, mit dem George Benjamin seit längerem zusammenarbeitet und der ihn, nach eigener Aussage, erst eigentlich zum Komponieren von Opern motiviert habe, hat diese Vorlage noch weiter reduziert, verdichtet, fast möchte man sagen: destilliert – zu einer siebenteiligen Szenenfolge. Zu einem operntauglichen Text von ungemeiner Stringenz und Wucht. Zu anderthalb Stunden packendem Theater. Magisch, heftig, leidenschaftlich. Doch, und das soll an dieser Stelle gleich festgehalten werden, trotz Brutalität und Barbarei wahrt das Stück eine fast klassisch zu nennende Dezenz: Von Gräueltaten wird zwar berichtet, aber sie geschehen zwischen den Szenen – mit Ausnahme der Erdrosselung eines armen Irren, der sich für den echten König hält, quasi als Lektion für den Prinzen, den späteren Edward III . Der Horror ist allzeit und überall präsent!



Verglichen wir Benjamins Partitur mit einem Diamanten, so lässt uns das Einheitsbühnenbild von Rufus Didwiszus ebenfalls an geschliffenen Stein, einen Malachit, denken. Der leicht gerundete Innenraum mit angedeuteten Simsen, Lisenen, Profilen ist einer barocken Architektur nachempfunden, scheint aber keinen exakt definierten Schauplatz zu bezeichnen. Doch vermittelt die grüngeäderte Fassade, die in der zweitletzten Szene durch raffinierte Projektion ins Fließen gerät, den Eindruck eines noblen Umfelds, das von Szene zu Szene leicht variiert wird. Mal suggerieren bewegliche Tribünen mit roten Stühlen und ein purpurner Vorhang – schon rein optische eine Wucht! – ein Theater, vielleicht sogar einen Ratssaal. Dann wieder lässt ein Tea table – darauf ein riesiger Oktopus statt Shortbread zum Tee? – an einen Salon denken, ein üppiger Matratzenpfühl an ein königliches Schlafgemach.




Hier, im Schlafzimmer, nimmt die horrende Geschichte ihren Lauf. Bevor die Musik einsetzt, regt sich etwas unter der seidenen Bettdecke. Ein Wimmern, Seufzen, Stöhnen wird hörbar. Ein Mann taucht auf und zieht die Decke weg; im Bett liegen zwei Männer, «the King», wie er im Stück genannt wird, und sein Favorit Gaveston. Der Störenfried des queeren Schäferstündchens ist Mortimer, ein hochgradiger Minister. Er wirft dem König dessen lästerlichen Lebenswandel und pervertierte Liebe zu Musik und Poesie vor, was ihn die Staatsgeschäfte vernachlässigen lasse. Edward weist die Vorwürfe zurück und enteignet, angestachelt von seinem Lover, Mortimer sämtlicher Rechte und Besitztümer. Damit beginnt sich die Gewaltspirale zu drehen, denn Mortimer ist nicht nur der Liebhaber der Königin Isabel, er strebt auch nach der Krone. Gemeinsam lassen sie den verhassten Gaveston ermorden. Der vom Schmerz um den verlorenen Geliebten gezeichnete König wird zur Abdankung gezwungen und im Gefängnis zu Tode gemartert. Sein noch unmündiger Sohn, Edward III, soll als leicht manipulierbare Marionette den Thron besteigen. Doch der junge König hat seine Lektion gelernt: Er, der das Grauen zusammen mit seiner Schwester aus nächster Nähe miterlebt hat, rächt das Verbrechen am Vater durch grausame Folter und Ermordung Mortimers.





Der Regisseur Evgeny Titov fasst das krude Geschehen in starke Bilder, denen Martin Gebhardts Lichtführung plastische Dramatik verleiht. Titovs punktgenaue, körperbetonte Personenführung fordert den Sänger-Schauspielern einiges ab, doch sie lassen sich mit Haut und Haaren darauf ein – vor allem mit viel Haut. Das Ergebnis überzeugt durch beklemmende Intensität und unerbittliche Dringlichkeit. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten auch die stimmigen modernen Kostüme von Falk Bauer: Elegant in Farbe und Schnitt für den Adel, ganz besonders die Königin; amorph und düster für das Volk.


Eine Besonderheit auf der Opernbühne ist nicht allein das männliche Liebespaar, speziell ist auch, dass beide Rollen mit Baritonen besetzt sind. Dem sinnlichen, verführerisch strömenden Bariton von Ivan Ludlow als König steht die heller timbrierte, forschere Stimme Björn Bürgers als Gaveston gegenüber. So zeichnet letzterer – nicht nur dank seinem virilen Appeal – einen wendigen, nicht ganz harmlosen Erotomanen, der später als Wiedergänger dem im Gefängnis halluzinierenden König in Gestalt eines Fremdlings erscheint: Ein visionärer Todesbote mit sonorem Organ und von enigmatischer Erscheinung in Kutte und Kapuze – halb Steinerner Gast, halb mönchischer Carlo V. Ludlow seinerseits zeichnet ein vielschichtiges Psychogramm des Königs, gemischt aus Willensschwäche, Laxheit und, zumindest zu Beginn, Selbstgefälligkeit. In der besagten Kerkerszene schliesslich erschüttert uns ein an Leib und Seele gebrochener Mensch, dem der unheimliche Fremde lakonisch bestätigt: «Der Faden ist schon gerissen. Ihr seid schon tot!»




Als schillernde Figur erscheint sodann die Königin Isabel, eine in ihrer Liebe zum Gatten enttäuschte Frau, die sich einen Panzer aus Arroganz und Sarkasmus zugelegt hat, perfekt gespiegelt in ihrer hinreißenden Garderobe, die von Bild zu Bild wechselt. Jeanine De Biques nuancierter Sopran lässt unter vokalem Silberklang auch flammende Leidenschaft erahnen. Umwerfend widerwärtig ist ihr Auftritt, bei dem sie vor den Augen des darbenden Volks ihren kostbaren Perlohrring in einem Glas Essig auflöst und anschließend ihr Armband unter den Plebs wirft, der sich wie die Krähen auf die übers Parkett kullernden Perlen stürzt: So funktioniert Luxus, so funktioniert Snobismus, so funktioniert Amoral...





Mark Milhofer gibt einen moralinsauren, tückischen Mortimer; sein markiger Tenor und sein glattes Benehmen machen ihn zu einem gefährlichen Gegner, bis auch er im Strudel von Gewalt, Verrat und Tod umkommt: Sein Verbrechen, so erfährt man aus dem Mund des neuen Königs, wurde ihm in den Körper geritzt und als er es gelesen hatte, wurden ihm die Augen ausgestochen.


Die grause Sentenz hört sich besonders schrecklich an aus dem Mund des jungen Königs: Sunnyboy Dladla mit ausgesprochen hellem, reinem Tenor. Seine Schwester («the Girl») hat den Horror ständig als stumme Beobachterin mitverfolgt: Nini Vlatković als schlanke, weiß gekleidete, fast elfenhafte Gestalt. Jetzt lässt das Wesen die Hüllen fallen, entpuppt sich als Trans-Mensch und umarmt ihren/seinen Bruder. Dazu die letzten Worte, mit denen der junge Edward eine nächste (Theater-)Szene ankündigt, die – wie in «Hamlet» – die begangenen Untaten durchs Spiel enthüllen soll: «Mit einer Szene also, in der ein menschliches Wesen wieder und wieder gebrochen wird durch die schlüssige Anwendung menschlicher Gerechtigkeit...»



Was will uns dieses Bild sagen? Utopie einer Welt ohne rigide Grenzen? Akzeptanz des Andersartigen? Absage an Gewalt und Diskriminierung? Oder schlicht Reverenz an den Zeitgeist? Fragezeichen, Irritation im Publikum – und das ist gut so!


Szenenbilder: © OHZ – Herwig Prammer


24. 05. 2023

Weitere Beiträge finden Sie unter INDEX

1 comentario


Invitado
26 may 2023

Ihre Rezensionen und auch die übrigen Texte sind ein Genuss zu lesen, inhaltlich sowieso, aber auch sprachlich. Danke,

K. K.

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