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Amimositäten


Acacia dealbata, die Falsche Mimose


Gelber geht nicht! Und exklusiver auch (fast) nicht! Denn die aparten Blütenstände der Mimosen begegnen uns nur kurze Zeit. Ab Mitte Februar bis Mitte März. Genauso wie die Fasnachtschüechli, welche die Berner «Chneublätze» nennen. Der skurrile Ausdruck, so erklärte es mir mal meine Langenthaler Tante Hildi – s Houdy –, komme daher, dass die stämmigen Berner Landfrauen den Teig für die zarten Köstlichkeiten über dem runden, rosigen Knie – ob gewaschen und bemehlt, hat sie nicht gesagt – hauchdünn auszogen. Es war die Zeit, da man derartige Frivolitäten noch ohne sexistischen Mahnfinger erzählen durfte...

Aber wir wollten ja eigentlich von den Mimosen sprechen, die mit ihren zitronen-blonden Wolken das grauste Nebelgrau überstrahlen und Auge und Gemüt mit geradezu unbotmäßig gelbem Gelb erfreuen. Und anders als die Tulpe, die sich sogar im Supermarkt breitflächig und knallbunt anbietet, macht sich Mme Mimosa eher rar.


Mimosen sind eigentlich keine Blumen, sondern die Blüten einer niederstämmigen Akazienart (Acacia dealbata, Silberakazie, auch Falsche Mimose genannt), gehören also zu den Gehölzen. Sie sind wie die Schmetterlingsblütler Mitglieder der grossen Familie der Hülsenfrüchtler, der Leguminosae. Sind also subtropische Verwandte der Bohnen, aber auch des Klees, der Glycinie, des Ginsters. Ursprünglich aus Südamerika stammend, kommen unsere (falschen) Mimosen aus den Plantagen der Côte d’Azur und der Riviera, vorab der Gegend von San Remo. Bei solcher Herkunft ist es wohl nur zu verständlich, dass sich die delikate Südländerin gewisse Animositäten, eben jenes sprichwörtliche mimosenhafte Wesen, erlauben darf.

Wie's dazu kam, habe ich in einem stockfleckigen Handbuch des Aberglaubens und der Mythen erfahren: Wieder einmal drängte es Göttervater Zeus hin zur irdischen Weiblichkeit. Nach Mimosa, der Liebreizenden, stand sein Begehr, und schon griff er in frevler Lust nach der Tugendhaften. Doch da fuhr Hera, allzeit mit der Untreue ihres Gatten rechnend, dazwischen. Im letzten Moment verwandelte sie die Maid in ein zierliches Mimosenbäumchen, und Zeus grabschte frustriert ins Gezweig. Wenn’s nicht so gewesen ist, so klingt’s doch durchaus einleuchtend bei der sattsam bekannten «zupackenden» Art des Olympiers. – Ob’s Zeus je gegeben hat, ist freilich fraglich, aber dass er ein unverbesserlicher Weiberheld, padon: Womanizer war, steht zweifelsfrei fest!

Echte Mimose (Mimosa pudica)


So erschaudert die Echte Mimosa bis heute schamvoll, wenn ihr ein derber Wüstling zu nahekommt: Mimosa pudica, die Sinnpflanze. Die Blütestände dieses krautigen Strauchs sind lilafarben. In der Tat, es braucht wenig, dass sich die gefiederten Blättchen beleidigt zusammenziehen: ein harsches Wort, ein derber Stoß, ganz zu schweigen vom brutalen Ansengen, das wir im Botanikunterricht mit pubertärer als wissenschaftliches Interesse getarnter Kaltschnäuzigkeit zwecks Studiums der Pflanzenpsyche betrieben. So könnte sich ihr Name durchaus aus dem Portugiesischen oder Spanischen herleiten: mimoso bedeudet verzärtelt, empfindlich, verhätschelt – vielleicht war es aber auch gerade umgekehrt: Das Wort gab dem florealen Sensibelchen den Namen. Irgendwelchen Bezug, ausser allenfalls dem farblichen, zur Salade mimosa oder zum Cocktaildrink Mimosa, lassen sich kaum herbeiphantasieren. Ebenso wenig zu Coiffeur- und Beauty-Salons namens Salon Mimosa – klingt zwar verheissungsvoll....

La Côte des Mimosas (© Bilder: Heike Maunder)


Die handelsüblichen Mimosen, auch sie durchaus Zartbesaitete, sind denn doch nicht gar so sensibel wie die Echten, obwohl sie es durchaus schätzen, wenn man ihnen ein wenig schöntut. Und schöntun heisst in diesem Fall: kaltstellen. Überheizte und trockene Räume sind ihnen ein Graus. Zwei Sorten sind hauptsächlich im Handel: die «Floribunda», die mehrheitlich aus Frankreich stammt, und die «Mirandola» aus Italien, deren flockige Blütentrauben an flaumige Küken erinnern. Was beide Sorten mögen, ist temperiertes Wasser. Auch sollte man die Stiele schräg abschneiden und spalten und den austretenden Saft, der sich am Boden der Vase sammelt, beim Wasserwechseln nicht weggießen. Aber selbst wenn die Mimosen ihre frische Flauschigkeit – Weichspüler im Wasser ist nicht angezeigt! – verloren haben, bewahren sie ihren herb-frischen Duft. In Griechenland und Süditalien werden sie deshalb auch als Trockenblumen geschätzt und in die Fensterlaibung gestellt, um Fliegen und Ungeziefer fernzuhalten.


Warum Mimosenzweige jedoch an der Basler Fasnacht zusammen mit Räppli und Orangen von den Wagen am «Cortège» ins Volk geworfen werden, wissen nicht einmal die Hardcore-Fasnächtler. Dazu gibt’s übrigens eine amüsante Anekdote: Vor wenigen Jahren, als ein später Fasnachtstermin einmal in die Nähe des 8. März, des Internationalen Frauentags, rückte, mussten die Bebbis um die Teilnahme an der Fasnacht der «Mimösli», wie sie am Rheinknie liebevoll genannt werden, bangen: In Italien werden die Frauen an diesem Tag mit Mimosen beschenkt – honni soit qui mal y pense. Jedenfalls führte dieser Brauch offenbar zu einem Lieferengpass und erhöhten Preisen. Aber warum es ausgerechnet Mimosen sein müssen? Vermutlich schlicht und einfach, weil die «drey scheenste Dääg» just in die Blütezeit der Mimose fallen. Oder vielleicht auch, weil ihre Farbe so gut zum Gelb der Waggisperücken passt? Oder sollen sie am Ende gar andeuten, auf Bosheiten und Sticheleien der Schnitzelbänke nicht allzu mimosenhaft zu reagieren?

Bild: @big5alive


08.03.203

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