Der Mörder ist (nicht) immer der Gärtner
AGATHA CHRISTIE: DIE MAUSEFALLE – THE MOUSETRAP (SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH)
DER 74 JAHRE ALTE DAUERBRENNER ZÜNDET AUCH IM SCHIFFBAU
Vom Palazzo ins Manor House
Neue Produktion in alten Schläuchen! Das könnte man über den jüngsten Theaterstreich in der Schiffbauhalle des Zürcher Schauspielhauses sagen. Und für einmal ist das positiv, sogar sehr positiv gemeint: Die Aufführung findet im nämlichen Setting statt, das an gleicher Stelle vor etwas weniger als einem Jahr für breite Akklamation und Bewunderung sorgte. Ob die Rechnung ein zweites Mal aufgeht? Im Großen und Ganzen ja, wenn auch nicht ohne Einschränkungen. Stoff war damals Tomasi di Lampedusas Jahrhundertroman «Il Gattopardo», jetzt ist es Agatha Christies Jahrhundertplay «The Mousetrap» (Die Mausefalle). Der Principe des Ancien Régime trifft auf die Queen of Crime!

Die beiden Vorlagen liegen übrigens in ihrer Entstehungszeit nur ein gutes Jahrzehnt auseinander: Der «Leopard» erschien 1958, die «Mausefalle» 1947, und zwar ursprünglich nicht als Bühnenstück, sondern als gut 20-minütiges Radiohörspiel auf BBC mit dem Titel «Three Blind Mice», nach einem bekannten Kinderlied (mit dem sich mir, by the way, im Englischunterricht von einst der unregelmäßige Plural von mouse unauslöschlich einprägte). Der makabre Nursery Rhyme erzählt von drei blinden Mäusen, denen eine Farmersfrau brutal die Schwänze abgeschnitten hat. Der Song erklingt gleich zu Beginn, und wie wir später erfahren, hat der – offensichtlich nicht ganz amusische – Mörder bei seinem ersten Opfer einen Zettel mit den Anfangstakten besagten Liedes hinterlassen. Es besteht also die beflügelnde Aussicht auf zwei weitere Morde, und, ergo, wer immer diese Melodie trällert, pfeift oder am Klavier klimpert, macht sich verdächtig – ein letales Leitmotiv sozusagen!

From Queen to Queen
Entstanden ist das Stück auf Anregung von Königin Mary, der Urgroßmutter des aktuellen King Charles III., die sich zu ihrem 80. Geburtstag ein Stück von Christie wünschte. Aufgrund seines Erfolgs entstand daraus ein Kurzkrimi und später – jetzt mit dem Titel «The Mousetrap» – das zweiaktige Bühnenstück, das im November 1952 im Londoner West End erstmals über die Bühne ging. Inzwischen gilt es als das am längsten en suite – nämlich fast täglich, mit einer einzigen pandemiebedingten Unterbrechung – aufgeführte Theaterstück. Laut Guinness waren es im März 2025 bereits 30’000 Vorstellungen, was Christies einzigen Enkel, mittlerweile einen Herrn in den Achtzigern, freuen dürfte; ihm übertrug sie als Neunjährigem die Rechte am Stück, nicht ahnend, dass sich das nette Granny-Gift zu einem Dauerbrenner entwickeln würde.

Dame Agatha Christie (1890–1976) Titelblatt zum Programmheft der Urauffühung © Bild: Midjournay – Juan Castroviejo im Ambassadors Theatre, London, 25.11.1952
So viel zum Hintergrund. Doch jetzt schreiten wir, das Publikum, wiederum durch den scharlachroten Korridor und gelangen – natürlich nicht in die maroden Suiten der salinischen Paläste, sondern in die ebenfalls ziemlich angejahrte Welt eines englischen Manor House. Beide verbindet – so die Szenenangabe in Christies Stück – die Tatsache, dass es sich um eine Stätte handelt, «which has been lived in by generations of the same family». Passt also perfekt. Und ist eine feine, zudem nachhaltige Idee des Regisseurs, des Co-Intendanten Rafael Sanchez, und der Bühnenbildnerin Michela Flück, der wir auch die Szenerie von damals verdanken.
Somit also erneut der schwarz-weiß geflieste Marmorboden, in der Mitte ein hallenartiges Foyer, beidseits niedrige Podeste mit je einer Portiere; auf dem rechten Podest eine Sitzgruppe mit Sofa, Fauteuil und Salontisch, in der Ecke das obligate Kaminfeuer mit Nippes auf dem Mantelpiece (gibt es eigentlich englische Kriminalstücke ohne Fireplace?). An den opaken Wänden glimmen dreiflammige Appliken mit flackernden Kerzenattrappen. Im ganzen Raum verteilt fünf quadratische Tischchen mit Tischtüchern und Stühlen. Im Hintergrund raumhohe French Windows, durch die man ins garstige Schneegestöber blickt, welches das Anwesen binnen kurzem komplett von der Umwelt abschneiden wird.

Erbin dieses Landhauses mit dem klingenden Namen Monkswell Manor (Mönchsquelle) ist Mollie Ralston, eine adrette viktorianische Erscheinung in züchtig hochgeschlossenem, zart fliederfarbenem, wippendem Kleidchen mit karmesinrotem Krägelchen: Verena Jost. Mit senfgelbem Outfit, orangefarbenem Flecht-Pullunder und gelber Krawatte soll Landlord Giles Ralston (Simon Kirsch), Mollies Angetrauter, Bodenständigkeit signalisieren. Die beiden sind erst seit einem Jahr verheiratet. Gemeinsam versuchen sie sich nun als Betreiber einer Pension und erwarten etwas nervös ihre ersten Gäste – Hätten wir vorgängig nicht vielleicht doch einen Gastgewerbe-Fernkurs machen müssen? Und beim Pinseln des Hotelschilds sorgfältiger auf die Orthografie achten sollen…

Wer in Merry Old England ein Gasthaus betreibt, muss auf alles gefasst sein.

Immerhin, die Zimmer sind bereit, die Heizung hochgestellt und die Empfangstheke für den Ansturm der Gäste gewappnet – schwarzes Tischtelefon, Klingel und vertrockneter Bonsai. Von oben das diffuse Licht eines Kristalllüsters, den man im Eröffnungsstress offenbar noch nicht ganz aus seiner Verpackungsfolie schälen konnte. Kurz: Eine Szenerie, in der sich eine Miss Marple oder ein Monsieur Poirot sofort zuhause fühlen würden. Very British, und akkurat so, wie man sich ein biederes Guesthouse vorstellt mit jener einmaligen Mischung von Behaglichkeit und Grusel. Letzteres umso mehr, als Scotland Yard am Radio bei BBC soeben einen Mord in Paddington an einer gewissen Mrs Maureen Lyon meldet… Vom Signalement des Täters weiß man nur: dunkler Mantel, heller Schal, weicher Filzhut.
Verdacht steht ihnen gut
Die überaus stimmigen Kostüme versetzen ihre Träger nicht nur vage in die braven 1950er-Jahre, sondern charakterisieren sie auch als Typen, ja, mehr noch: Sie sind eigentlich zu Textil, Mode, Farbe und Stil gewordene Verdachtsmomente. Geschaffen hat den aussagekräftigen bunten Mix Sara Valentina Giancane, die schon beim «Gattopardo» mit ihren Kostümen für echte Hingucker gesorgt hatte.
Doch zurück zum Geschehen: Schon trudeln sie ein, die Gäste, und lassen sich vom eilfertigen Neu-Hotelier Giles die Garderobe abnehmen: dunkle Mäntel, helle Schals, weiche Hüte…

Der erste Ankömmling ist der Paradiesvogel und Pseudo-Architekt Christopher Wren – nein, nicht der Baumeister der berühmten St. Paul’s Cathedral, sondern ein exaltierter Schöngeist und Hobbykoch: Mouataz Alshaltouh mit violettem Glimmerhemd, seidener Halsschleife und wirrem Haarschopf gibt den Exzentriker mit irrlichternder Schlagseite und stechendem Blick.

Als Nächste erscheint Nicola Gründel in Gestalt von Mrs Boyle, einer ehemaligen Magistratin, die bereits bei ihrem ersten Auftritt durch Streitlust und Meckern die Gastgeber auf Trab hält. Das zwar elegante, aber gestrenge Gouvernanten-Kostüm in dominantem Resedagrün unterstreicht ihr zänkisches Wesen – «a real pain in the a..», as the English would say; man wäre jedenfalls nicht untröstlich, wenn sie das nächste Mordopfer würde…
Mit ihr angereist ist auch der behäbige Major Metcalf aka Mike Müller – gepflegter Schnauz, grünes Sakko, helle Hose und Spazierstock mit Silberknauf: eine unauffällig-auffällige Erscheinung, autoritär, dünkelhaft und vermutlich mit kolonialer Vergangenheit.

Mirjam Rast gibt Miss Casewell, eine Weltenbummlerin mit George-Sand-Flair, streng frisiert, emanzipiert und unnahbar. Sie trägt eine mintfarbene Bluse und scheint mit Zigarette und roter Schlaghose ihrer Zeit weit voraus, und das nicht nur modisch!

Unangemeldet, weil sein Rolls-Royce in einer Schneewehe stecken blieb, platzt ein weiterer Gast in schnieker Dandy-Kluft in die Runde: Es ist der überkandidelte Mr. Paravicini alias Lev Friedmann mit messerscharfem Scheitel und ebensolcher Bügelfalte im weißen Nadelstreif. Er gibt den tiefgründigen Menschenkenner, doch scheint sich hinter dem psychologischen Raunen etwas ziemlich Prosaisches zu verbergen.

Schließlich taucht vor dem beschlagenen Fenster zum Garten noch eine schemenhafte Gestalt mit geschulterten Skiern auf. Sie entpuppt sich als Detective-Sergeant Trotter, denn in der eingeschneiten Pension soll sich der Mörder von Paddington verstecken, was ein im Umfeld des Delikts gefundenes Notizbuch vermuten lässt. Peter Knaack in englischem Karo, Gilet, Knickerbockers, schwarzen Strümpfen an strammen Waden und grünem Hemd mit verwegener roter Fliege gibt den unerschrockenen, selbstherrlichen Hüter des Gesetzes.

Nach klassischen Krimi-Regeln
Damit ist der Knoten geschürzt, sind die Spuren gelegt, die Rollen verteilt. Und zwar nach den ehernen Spielregeln des «Whodunit»-Genres, wie wir es aus zahlreichen Plots der Kriminalautorin kennen, hier einmal mehr und dramaturgisch etwas überkonstruiert: Ein abgelegener Ort, eine begrenzte Anzahl – acht in unserem Fall – unterschiedlicher Charaktere, acht verschiedene Lebensläufe auf begrenztem Raum versammelt. Gemeinsam aber ist allen, dass jeder und jede verdächtig ist. Ein Schneesturm und später eine unterbrochene Telefonleitung sorgen dafür, dass keiner aus dieser (Mause-)Falle entweichen kann. Die Damen und Herren scheinen sich nicht zu kennen, was sie sonst noch miteinander verbindet… stop spoiling! Doch das gegenseitige Misstrauen ist mit dem Messer zu schneiden.

Besser gebaut als geschrieben
Diese Exposition ist etwas langfädig, lässt sie doch die Mechanik des Plots durchscheinen. Man spürt, dass Christie eher ein Rätsel, einen Fall konstruiert, als dass sie ein psychologisch ausgeleuchtetes Biotop erstehen lässt. Nicht die Figuren treiben die Handlung voran, sondern die Handlung schiebt die Figuren dorthin, wo Christie sie für ihr Rätsel gerade braucht. Mit andern Worten: Das Stück ist besser gebaut als geschrieben.

Dem entspricht die sorgfältige Regie von Rafael Sanchez, die sich brav an die Vorlage hält und auf extravagante Auswüchse und übersteigerte Deutungsversuche verzichtet. Bei allem Respekt vor der soliden Arbeit (offenbar sind da die verlegerischen Vorgaben noch immer recht einschränkend) hätte die Produktion durchaus etwas mehr komödiantischen Pfeffer und Drive vertragen. Immerhin darf man sich am Spiel eines exzellenten Ensembles erfreuen, das für dieses doch allzu offensichtlich konstruierte Stück fast ein wenig überqualifiziert ist. Und was an den Protagonisten mitunter fragwürdig oder gar unglaubwürdig wirkt, funktioniert als Theatermechanismus noch immer sehr wohl, besonders in der Figur des Ermittlers Trotter, der Fragen stellt, Puzzleteile sammelt, manches verschweigt und uns glauben macht, wir als Zuschauer hätten den Fall selbst gelöst.
Echte atmosphärische Dichte in das kriminalistische Rätselspiel bringt die suggestive Lichtregie von Carsten Schmidt. Vor allem aber die unheimlichen, gekonnt platzierten Soundeffekte von Cornelius Borgolte, die wie drohende Schatten des Film noir in die betuliche Welt des Cosy Crime einbrechen. Und ein Wurf ist sein extra hinzukomponierter Song: «A house of whispers, locked inside / every single shadow has a story to hide – oh oh oh Mousetrap!»

Szenenbilder: © SHZ – Judith Buss
Ist der Abend auch nicht unbedingt der ultimative Nervenkitzel, so ist er doch im eigentlichen Wortsinn ein vergnüglicher Mords-Spaß. Nachdem die tüchtige Souffleuse Rita von Horváth in der vordersten Reihe ihr dickes Buch zugeklappt hat und die Akteure im Chor uns das Gebot der Verschwiegenheit eindringlich ans Herz gelegt haben, dürfen wir den Heimweg durch eine harmlose Nacht – ohne Schneesturm und lauernde Schatten! – getrost und zufrieden antreten.
– And the rest is silence!

06.10.2026
Den Bericht zur erwähnten Produktion des «Gattopardo» finden Sie hier.
Ende Oktober steht wieder die erfolgreiche «Kleine Meerjungfrau» auf dem Spielplan; Bericht dazu.
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