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Zirkuszauberflatterflöte

vor 3 Stunden
7 Min. Lesezeit
W. A. MOZART: DIE ZAUBERFLÖTE (OPERNHAUS ZÜRICH)
VON DER MASCHINENZAUBEREI DES EMANUEL SCHIKANEDER
ZUR ZIRKUSMAGIE DES DANIELE FINZI PASCA

«… bey der Mama wird’s wohl heißen, die schauet die Oper, aber nicht die hört die Oper.» Dies schreibt Mozart über seine Schwiegermutter Cäcilia Weber, die er zu einer der Aufführungen nach der erfolgreichen Uraufführung seiner «Zauberflöte» vom 30. September 1791 mitnehmen will. Seine maliziöse Bemerkung ist durchaus spöttisch gemeint – und für das musikalische Interesse der Weberischen kein sonderlich schmeichelhaftes Zeugnis. Sie verrät aber auch etwas über die Spezialeffekte, mit denen das «Maschinenspektakel» im Freihaustheater auf der Wieden, damals eine der technisch ambitioniertesten Bühnen Wiens, das Publikum überraschte und ergötzte: Wasser- und Feuerzauber, ein Flugapparat, ein von Löwen gezogener Triumphwagen, Freimaurersymbolik, Donnergrollen und Sternenpracht… Für den spektakulären Griff in die theatrale Trickkiste scheute Emanuel Schikaneder, Impresario, Librettist und Darsteller des Papageno, weder Aufwand noch Kosten.


 

235 Jahre später gibt es in der «Zauberflöte» am Zürcher Opernhaus zum Einstieg in die neue Spielzeit ebenfalls reichlich zu schauen – so reichlich, dass Madame Weber ihre helle Freude daran hätte und ihre Vorliebe fürs Schauen mit der Omnipräsenz des Optischen oder, banaler ausgedrückt, der Bilderflut unserer Zeit hinlänglich bedient wäre.



Für eine «Zauberflöte», die dem Auge derart viel bietet, ist der Tessiner Regisseur, Theatermacher und Bühnenmagier Daniele Finzi Pasca geradezu prädestiniert. Sein Schaffen verbindet Theater, Zirkus, Akrobatik und Clownerie – mithin genau jene Künste, die Schauen, Staunen und Verzauberung evozieren. Er inszenierte Opern, schuf zwei Produktionen für den Cirque du Soleil und war an drei olympischen Zeremonien beteiligt; für die Fête des Vignerons 2019 in Vevey entwarf er die gesamte Szenografie samt Arena für 20'000 Zuschauer. Kein Wunder also, dass in seiner Zürcher «Zauberflöte» das Auge alle Hände voll zu tun hat.


 

Zauberklänge aus dem Graben

Mit feinem Sinn für subtile Farbnuancen und Tempiwechsel sorgt der finnische Dirigent Tarmo Peltokoski, dass das Ohr ebenfalls nicht zu kurz kommt. So lässt er die Ouvertüre vor geschlossenem Vorhang spielen – ein mittlerweile selten gewordener Glücksmoment voller Ahnung und Erwartung! Das erlaubt es für einmal, die höchst kunstvolle Faktur dieser Operneinleitung ohne optische Zutaten zu genießen: den verheißungsvollen Beginn mit dem vollen Klang der drei aufsteigenden Priesterakkorde, sodann die getragene Einleitung, die ins Allegro-Fugato mit den markanten Tonrepetitionen übergeht und nochmals die drei bedeutungsvollen Akkorde aufklingen lässt, diesmal ausschließlich in Bläserbesetzung. Dazu eine schöne Idee Peltokoskis: Er lässt die beteiligten Bläser dazu aufstehen, was den Klang magisch über den Orchestergraben emporhebt. Später, für die Arie des Papageno, der sich mit dem «Göttertrank» im Leibe eine Gefährtin wünscht, tauscht er sogar kurz das Baguette mit einer Weinflasche.

 

Überhaupt erschließt der 26 Jahre junge Maestro am Pult des glänzend aufgelegten Orchesters der Zürcher Oper einen äußerst vielgestaltigen Klangkosmos, wie er dieser heterogenen Oper so einmalig eignet: Große Oper neben liedhaftem Volkston, lichtvoll strahlend oder mysteriös verschattet, schwerelos luftig oder von archaisierender Würde, zarte Empfindsamkeit gegen auftrumpfendes Pathos. Die Tempi fließen – das passende Wort wäre vielleicht – bedachtsam, aber immer mit dezidiertem Zug nach vorn. Das organisch lebendige, am natürlichen Atem orientierte Musizieren lässt da und dort überraschende Fiorituren und Auszierungen in der Gesangslinie aufblühen.

 


Bei den letzten Takten der Ouvertüre öffnet sich der rote Samt einen Spalt weit. Heraus tritt ein junger Mann, Frack, weiße Weste, straffer Dutt am Hinterkopf, in der Hand einen Geigenkasten. Ein Orchestermusiker, der zu spät kommt? Ich dachte erst an «Kaspar, der Fagottist oder die Zauberzither», eine augenzwinkernde Anspielung auf das Singspiel mit ähnlicher Handlung eines gewissen Wenzel Müller, das wenige Monate vor der «Zauberflöte» in Wien ’rauskam und viel Lärm machte. Fehlschluss! – Da hätte der Musikus ja ein anderes Futteral dabei haben müssen… Aber für die Flöte, mit der die Geige alsbald ausgetauscht wird, bietet es allemal Platz.


 

Traumvisionen auf der Bühne

Als sich der Vorhang hebt und den Blick auf die im Textbuch bezeichnete «felsige Gegend» freigibt, wird es klar: Da hat sich einer in eine märchenhafte Welt verirrt, angezogen oder verführt von dieser sublimen Musik. Und nun wird er auch noch von einer «listigen Schlange zum Opfer erkoren». Das züngelnde Reptil wurde zwar bereits zweigeteilt, sodass die Drei Damen der sternflammenden Königin der Nacht dem Untier mit einem gezielten Unisono vollends den Garaus machen können. Das haut den «holden Jüngling» um, er wird ohnmächtig – ist das ein passender Auftritt für einen Opernhelden? Doch genauso beginnt das Opernmärchen, das sich Mozart und Schikaneder ausgedacht haben und das bis heute nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat.

 


Finzi Pasca gibt dem Märchen, was des Märchens ist: berauschende Farbenpracht, szenische Zaubereien, artistische Kapriolen und stimmungsvolle Lichtmagie. Ergänzt wird das Ganze durch ein fantasievolles Bühnenbild (Hugo Gargiulo). Es führt von der anfänglichen Felsenlandschaft zunächst in einen filigranen schmiedeeisernen Pavillon vor glutrotem Hintergrund. Später verwandelt es sich in Sarastros Hallen, einen Steinbruch aus wuchtig emporragenden geäderten Marmorquadern. Hier schwebt ein Block über der Szene, da lodert ein feuriges Menetekel, dort rieselt feiner Sand hernieder – zieht sich da bereits ein Riss durch die patriarchale, festgefügte Ordo-Welt der Eingeweihten?


 

Vergesset nicht der Zauberdinge!

Den Eindruck einer diffusen Traumsphäre unterstreichen Gazevorhänge, die den Bühnenraum in der Tiefe staffeln und als Projektionsflächen für Videos von rosigen Tiepolo-Wolken oder Wasserfluten und Feuergluten dienen (Roberto Vitalini). Jedenfalls betonen Regie und Szenerie das Aussetzen der Regeln von Logik und Vernunft, sogar der Schwerkraft: Die Protagonisten und damit auch wir bewegen uns in einer Welt der «Zauberdinge» – Flöte und Glöckchen sind die zwei ohrenfälligsten davon: Das Glockenspiel allerdings nur als etwas mickrige eiförmige Spieldose, vom 2. Rang aus kaum zu erkennen. Und statt einer hölzernen Traversflöte ein silbernes Instrument, obwohl es – so singt Pamina – aus dem Stamm einer 1000-jährigen Eiche stammt…

 


Beckmessereien! – Wesentlicher jedoch ist, dass über der Fülle optischer Einfälle mitunter eine stringente Personenführung, geschweige denn eine psychologische Tiefenschärfe der Charaktere weitgehend verloren geht. Mag dieser im besten Sinne naive Ansatz dem erzählerischen, bisweilen gar somnambulen Märchengehalt entsprechen, er bringt es allerdings auch mit sich, dass die Akteure des Öfteren etwas hilflos an der Rampe stehen oder sich in vager Gestik ergehen. Die Regie bewegt sich mit ihrer opulenten Bildsprache auf einem schmalen Grat zwischen Konzentration und Ablenkung. Im glücklichsten Fall kondensieren sich aus der Fülle zauberhafte Momente oder grotesk-witzige Überzeichnungen. Besonders hübsch sind etwa die beim Flötenzauberton gezähmten wilden Tiere: fabelhafte Kopffüssler mit archaischen Afro-Masken, Hörnern und Bastmähnen.

 

Federn, Schnäbel, Vögel

Unübersehbar dagegen ist die Affinität zum Zirkus. So begleiten drei Akrobatinnen und drei Akrobaten das Geschehen. Kostümbildnerin Giovanna Buzzi hat sie – naheliegend – als Vögel kostümiert, ornithologisch vielleicht nicht exakt bestimmbar – Amsel, Drossel, Fink und Star? –, aber allemal hübsch anzusehen. Sie flattern, hüpfen und trippeln über die Bühne, schaukeln und wippen hoch oben am Trapez, krallen sich wie Mauersegler an die Wand.

 


Die muntere Vogelschar übernimmt im weiteren Verlauf zusätzliche Aufgaben und schlüpft dazu kurzerhand in andere Kostüme. Als Requisiteure lassen sie beispielsweise den Strick, mit dem sich Papageno aus Liebesschmerz erhängen will, aus luftiger Höhe herabbaumeln. Oder sie fungieren als Kulissenschieber. Den gewichtigsten Einsatz haben zwei von ihnen im Schlüsselmoment: Während Pamina und Tamino vor dem Gazeschleier ihren überirdischen Gesang anstimmen, simulieren ihre Doubles dahinter das Prüfungsritual mit allerlei akrobatischen Einlagen – kann man machen, aber gerade an dieser genialen Stelle bräuchte es keine Zirkusnummer, nur das Wandeln durch die vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft ( helleFlöte) und Erde (dumpfes Becken).

 


Eine wahre Freude dagegen sind die Drei Knaben, niedliche Schlümpfe aus Tölz, auf Spatzen reitend und mit lupenreiner Intonation singend, womit wir (endlich) zum Gesang kommen.



Junge Stimmen, junge Emotionen

Flügelschlagend wie exotische Schmetterlinge in ihren prachtvollen Umhängen und schillerndem Kopfputz umgarnen die Drei Damen den Ohnmächtigen. Zwar zicken sie als Konkurrentinnen um seine Gunst, doch stimmlich harmonieren Hannah McKay, Karima El Demerdasch und Dominika Stefanska vorzüglich.

 

Dem verwirrten Geiger vom Beginn – natürlich ist es Prinz Tamino – wird nun ein gigantisches Manga-Bildnis der geraubten Prinzessin Pamina an der Felswand enthüllt, das er erstaunlicherweise (!) «bezaubernd schön» findet. Sei’s drum, Magnus Dietrich schwärmt mit feinem, lyrischem Wohllaut. Sein silbriger, geschmeidiger Tenor gewinnt zunehmend an Wärme und Intensität. Ganz so, als ob er sich in die Rolle finden müsste, was ja auch szenisch dargestellt wird, indem er seine ersten Sätze aus dem Textbuch abliest, das ihm die dienstbare Vogelschar vorhält.

 

Apropos: Die Textpassagen werden erfreulich klar und deutlich gesprochen. Man hält sich mehrheitlich ans Original, die rassistischen Stellen und M-Wörter wurden eliminiert, die misogynen Tiraden dagegen belassen.

 


Zum Glück widerspricht dem bigotten Geschwätz allein schon der Herzenston, den Mozart dem jugendlich frischen Sopran seiner Pamina zugedacht hat, und den Regula Mühlemann mit natürlicher Anmut und unverstellter Empfindsamkeit trifft: im empathischen Duett mit dem nach Liebe hungernden Papageno, in ihrer inneren Not beim von der Mutter geplanten Mord an Sarastro und schließlich, in der überirdischen g-Moll-Arie, in ihrer grenzenlosen Verzweiflung über die vermeintliche Untreue Taminos.

 


Jasmin Delfs gestaltet ihre beiden mit mörderischen Koloraturen gespickten Arien weniger mit theatralischer Wucht als mit eindringlicher Klarheit und makelloser Intonation und setzt mit einem Spitzenton am Schluss der Rache-Arien gar noch ein vokales Ausrufezeichen. Trotz stellarer Herkunft entsteigt sie dem Untergrund. Ihre überdimensionierten Flügel lassen an einen Nachtfalter denken; ihre Robe funkelt für einmal nicht im üblichen Nachtblau, sondern in Racherot.

 


Sonnenpriester auf dem Hochsitz

Ihr Gegenspieler Sarastro dagegen singt von hoher Warte, entweder in einer fliegenden Gondel oder von einem lächerlichen Hochsitz herab. Auch wenn er sich für die gewichtige Versammlung herabbemüht, thront er daselbst auf einem Löwensessel, den er mit einer Fernbedienung erratisch herumkurven lässt, derweil sein Gefolge dazu angehalten ist, mehr oder weniger unwirsch mit den silbernen Palmwedeln Zustimmung zu signalisieren. Vielleicht ist ihnen auch einfach nur zu heiß unter ihren bienenkorbartigen Kopfbedeckungen und orientalisch anmutenden Tuniken. Jedenfalls greift Finzi Pascas subversiver Humor in den heil’gen Hallen Sarastros am deutlichsten, bleibt aber letztlich folgenlos. Stimmlich gibt Tobias Kehrer dagegen einen untadeligen Sonnenpriester, dessen sonorer Bass auch in den gesprochenen Partien beste Wirkung macht.

 


Mit Andrew Moore, Salvador Villanueva (Sprecher/Priester) sowie Rafael Rojas und Theodore McAlindon (die Geharnischten) sind auch die weiteren Chargen des Hallenpersonals hervorragend besetzt.

 

Als zwielichtige Figur treibt Monostatos sein Unwesen: Nathan Hallers agiler Spieltenor verleiht ihm einen facettenreichen, latent defekten Charakter, was sein absonderlicher, mit blinkenden Glühbirnen bestückter Reifrock unterstreicht.


 

Papagei liebt Schwan

Dagegen ist Papageno ein offenes Buch: Er, halb Mensch, halb Papagei, trägt sein Herz gern auf der Plapperzunge. Yannick Debus trifft das Wesen des schlaksigen, mit gesundem Witz und bodenständigem Verstand ausgezeichneten Naturburschen hervorragend, als Schauspieler wie als Sänger. So mag man es ihm von Herzen gönnen, dass sich der garstige Rabenvogel in einen hübschen Papagena-Schwan (Mariam Suleiman) verwandelt und den beiden die Eier für den Nachwuchs per Drohne direkt in den Schoß fliegen.

 

Szenenbilder: © OHZ – Herwig Prammer

Fazit: Die junge, frische und hochkarätige Sängerriege, das differenzierte Dirigat, die orchestrale Glanzleitung und die heiter-verspielte Inszenierung, fern aller übersteuerten Deutungsversuche, lassen vermuten, dass eine weitere mozartische Briefstelle sehr wohl zutreffen könnte: «… man sieht recht wie sehr und immer mehr diese Oper steigt.»

14.10.2025

 

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