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Getanzter Dreigänger


Keine schlechte Idee, ihren Einstand am Zürcher Opernhaus als neue Ballettdirektorin mit drei völlig verschiedenen Arbeiten – jede dauert nur etwa eine halbe Stunde – dreier Choreografen zu geben. Ein klassischer Triple Bill, wie ein solcher dreiteiliger Abend im Jargon heißt. Mag das Urteil über die einzelnen Teile auch unterschiedlich ausfallen, so machte der Abend doch deutlich, wie vielfältig Cathy Marston künftig ihre zum größten Teil mit neuen Tänzerinnen und Tänzern besetzte Compagnie einzusetzen gedenkt. Man habe, so war an der Premierenfeier zu vernehmen, aus rund 3000 (!) Bewerbungen aus aller Welt eine neue Crew auswählen können. Dabei waren nicht nur die tänzerischen Leistungen ausschlaggebend, ebenso gewünscht waren eigenständige, individuelle Persönlichkeiten, die bereit und fähig sein würden, dem Anspruch der diversen Tanzsprachen von klassisch bis zeitgenössisch, von narrativ bis abstrakt zu genügen, wie sie von einer heutigen Tanzcompagnie erwartet werden.

Natürlich ist es nach zwei Monaten Probezeit zu früh, um ein eigenständiges Profil zu erkennen, aber die Vielfalt und damit die Abwechslung, die Kontraste sind schon mal gesetzt, und das ist erfreulich. So macht es auch Sinn, dass für diese tänzerische Visitenkarte nicht Neuland, sondern ausschließlich bestehende Choreografien ausgewählt wurden. Und, für eine erste Performance ebenfalls bedeutsam, der Abend bot der gesamten Compagnie, Corps de Ballet und Junior Ballett, Gelegenheit sich vorzustellen.

Die neue Ballettdirektorin Cathy Marston (© Rick Guest)


«Walkways» – Gehwege steht als Obertitel über dem Dreiteiler, was Aufbruch, Neubeginn, Reise suggeriert. Gemeinsam ist denn auch allen drei Teilen das Durchmessen der ganzen Bühnenbreite. Gemeinsam sind allen dreien auch die immer wieder aufblitzenden klassischen Elemente, Hebe- und Drehfiguren, sowie teilweise Tanz auf der Spitze.

Den Auftakt machte eine Arbeit von Wayne McGregor, entstanden als Auftrag für das Royal Ballet und 2008 in London uraufgeführt. Hier wird der Gehweg, die belebte Strasse explizit thematisiert, indem im Hintergrund über der leeren, schwarzen Bühne eine LED-Anzeige läuft (Gestaltung: Julian Opie). Diese zeigt schreitende Menschen – Frauen, Männer, gesichtslos, schlank, alle gut unterwegs, zielstrebig, niemand übergewichtig, niemand mit Stock oder gar behindert –, die zügig von links nach rechts und von rechts nach links gehen (Ähnliches sah man auf der Fassade von PKZ, ehemals Feldpausch, an der Zürcher Bahnhofstrasse). Auch unterhalb der Lichtinstallation auf der Tanzfläche herrscht reges Kommen und Gehen. Keiner scheint den anderen wahrzunehmen, doch immer wieder schälen sich einzelne Paare, gesamthaft sechs, aus der anonymen Masse, begegnen sich in rechteckigen Lichtfeldern (Lichtgestaltung: Lucy Carter) und formieren sich zum Pas de deux mit akrobatischen, mitunter fast skulpturalen, ineinander verschlungenen Figuren, die bisweilen winzige zärtliche Gesten aufscheinen lassen. «Infra», heisst das Stück und meint damit das, was unter oder hinter der (sichtbaren) Oberfläche liegt; konkret: verhaltene zwischenmenschliche Begegnungen und Emotionen im urbanen, öffentlichen Raum. Diese Doppelbödigkeit evoziert auch die Musik von Max Richter, die elektronischen Sound ab Band mit dem Live-Klang eines Streichquintetts und eines Klaviers koppelt – der Gesamteindruck bleibt akustisch wie optisch, wozu auch die sportlichen Tenüs – Pants und Leibchen von unbestimmter Farbgebung – beitragen, etwas beliebig. Möglicherweise, weil das animierte Lichtband immer wieder vom energiegeladenen, sehr körperhaften Geschehen auf der Bühne ablenkt.

Berührende Dreieckgeschichte

Den zweiten Teil des Abends, den Marston selbst mit einem Dreigangmenu vergleicht, also den main course, serviert die neue Ballettdirektorin gleich selbst: eine Choreografie, die sie 2018 für San Francisco kreiert hat. Den Stoff zu dieser hochemotionalen Dreiecksgeschichte liefert der Roman «Ethan Frome», eine klassische Novelle mit Rahmenhandlung aus dem Jahr 1911 der Amerikanerin Edith Wharton, die als erste Frau den Pulitzer-Preis erhielt. Das Ehedrama, das auch zweimal verfilmt wurde, berichtet vom einfachen Farmer Ethan aus New-England, der mit der kränkelnden, hypochondrischen Zeena verheiratet ist. Zur Entlastung wird Mattie, eine Cousine von Zeena, ins Haus geholt – und es ist fast unvermeidlich, dass sich Ethan und die junge Haushalthilfe ineinander verlieben. Das kleine Glück zerbricht, als die Ehefrau die Liaison entdeckt und Mattie aus dem Haus jagt. Die beiden Liebenden beschließen den gemeinsamen Suizid; sie unternehmen eine halsbrecherische Schlittenfahrt, die allerdings nicht mit ihrem Tod endet, sondern Mattie als Gelähmte aufs Lager zwingt und Ethan zum hinkenden, wortkargen Sonderling macht. Nun ist es Zeena, die sich, ungeachtet ihres psychosomatischen Leidens, um die beiden kümmern muss – alle drei unausweichlich aufeinander angewiesen.

Fürs Ballett hat Marston die Geschichte auf die drei Protagonisten reduziert, Nebenfiguren, Erzähler und Rahmenhandlung weggelassen und die Havarie mit dem Schlitten durch einen Unfall im Schneesturm ersetzt, der das Liebespaar als an Körper und Seele Versehrte zurücklässt – folgerichtig heisst es nun «Snowblind». Hierzu hat Patrick Kinmonth, der auch für die Kostüme zeichnet, ein äußerst karges, aber schlüssiges Bühnenbild geschaffen, das von einer wie vereisten Scheibe geteilt wird und im Halbdunkel des Hintergrunds ein Podest mit einem Bett und einem Stuhl, Zeenas Krankenzimmer, erkennen lässt. Fast ein Bestandteil des Bühnenbilds mit seiner frostigen Atmosphäre ist die 15-köpfige Tanztruppe, die als Dorfbewohner, vor allem aber als mal bedrohliche, mal besänftigende Schneeflocken über die Bühne wirbelt.

Shelby Williams gibt eine seelische verhärmte und darob gefühlskalte Zeena: das getanzte Psychogramm einer leidenden Frau gefangen in einem Panzer aus echten und eingebildeten Schmerzen. Eine Frau, die verzweifelt um ihre Stellung kämpft, etwa wenn sie Mattie herrisch eine weiße Schürze umbindet, oder, krasser noch, wenn sie die Nebenbuhlerin mit einem Kick ihres Spitzenschuhs des Hauses verweist. Diese junge Mattie in ihrem roten, lebensfrohen Kleid hat in Dores André eine überzeugende Interpretin, die den Wandel von der anmutigen Julia-Figur zur gebrochenen Frau glaubhaft nachzeichnet. Dazwischen bewegt sich Ethan als zwischen Pflicht und Neigung zerrissener Charakter, glaubwürdig dargestellt von Charles-Louis Yoshiyama. Wie schon in «The Cellist» erweist sich Marston als passionierte Erzählerin, die die tragische Geschichte mit großer Empathie und plastischer Bildhaftigkeit umsetzt. Immer wieder gelingt es ihr, banale Alltagsvorkommnisse, etwa die pantomimisch angedeuteten Haushaltarbeiten Matties, mit großen Gefühlen angestauter Leidenschaft wie der Moment, da Ethan sein Gesicht wie ein Kind in Matties Schürze vergräbt, glaubhaft zu vermitteln. Das kann mitunter ein wenig überschwänglich oder pathetisch und, paradoxerweise, auch etwas kindlich-naiv anmuten – und doch können wir uns der Wirkung schwerlich entziehen … und wollen es auch gar nicht. Absolut aufwühlend und stimmig jedoch ist der Schluss, als Zeena das vom Schneesturm überwältigte Liebespaar zurückholt und sich die drei in einem Pas de trois wiederfinden, wo sich Hände, Arme und Körper in einem komplexen Geflecht verbinden: Resignation, Trauer und ein Funken Zuversicht zugleich – oder müsste man sagen: Akzeptieren des Schicksals? Dazu erklingt Arvo Pärts melancholisches und eindringliches Lamentate als Abschluss der Ballettpartitur von Philip Feeney, in der er zuvor auch Musik von Amy Beach und Arthur Foote arrangiert hatte.

Prickelnde Lebensfreude, kraftvolle Erotik

Die Nachspeise, das luftige, spritzige Dessert, stammt von Jerome Robbins. «Glass Pieces», heißt das Stück und kredenzt wird es zu einer dreiteiligen Collage aus Teilen von Philip Glass’ «Glassworks» (Rubric, Façades) sowie dessen Oper «Akhnaten». Philip Glass’ Minimal Musik (der Komponist der «Musik mit sich wiederholenden Strukturen» nutzte den Begriff zwar nicht) eignet sich mit ihrem persistierenden Drive und der akzentuierten Rhythmik ideal als Ballettmusik, hier meisterlich dargeboten von der Philharmonia Zürich unter Daniel Capps.

Obwohl das Werk schon 1983 für das NY-City-Ballet entstand, zieht sie auch das heutige Publikum sofort in Bann. Der erste Teil schliesst den Bogen zur ersten Choreo des Abends: Man wähnt sich wieder auf einer stark belebten Straße. Der LED-Streifen vom Beginn, hier wird er lebendig. Aus dem Pulk lösen sich drei Paare in schillernden Ganzkörpertrikots, «Engel» in Robbins Terminologie, die der horizontal orientierten Alltagshektik vertikale Hebefiguren und tänzerische Elemente entgegensetzen (Aurore Aleman Lissitzky/Esteban Berlanga, Giulia Tonelli/Max Cauthorn, Giorgia Giani/Wei Chen).

Eine außergewöhnliche Magie entwickelte der Mittelteil, wo sich vor dem blauen Prospekt das Corps als schwarze Silhouetten mit stilisierten, abgezirkelten Schritten und Gesten auf einer Linie bewegt, einem altägyptischen Fries nicht unähnlich, wie wir sie von Grabplatten und Papyri kennen. Im Vordergrund zelebriert ein Paar (Elena Vostrotina, Brandon Lawrence) einen Pas de deux von ritueller Eleganz, im Einklang mit der erwähnten Musik aus «Akhnaten» (Echnaton).

Ein Knüller, sozusagen das Sahnehäubchen auf dem Dessert, ist der jazzige dritte Teil. Tatsächlich fühlt man sich da an die fulminanten Tanzszenen aus «West Side Story» erinnert, die ebenfalls von Robbins choreografiert wurden – Bühne (1957) und Film (1961). Hinreissend, wie das ganze Ensemble einschliesslich des Junior Balletts in bunten, farblich subtil austarierten Trikots, die Bühne vor einer schmucklosen Kachelwand zum Vibrieren, Knistern und Brodeln brachte. Dank nahezu makelloser Synchronizität in atemberaubendem Tempo und in Verbindung mit raffinierten Lichteffekten entstanden eindrückliche Gesamttableaus aus Kreisen und Linien, Verschränkungen und Symmetrien. Ein Knüller ohne Staub, aber mit reizvoller Patina – entsprechend begeistert auch der Applaus.


Fazit: Einstieg gelungen! Gespannt auf die Weiterentwicklung.

Szenenfotos: © OHZ – Carlos Quezada


08.10.2023

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2 comentarios


Invitado
08 dic 2023

Nach einem begeisterten Ballettabend («Walkways») hab ich am nächsten Tag deine Besprechung gelesen und einiges Ergänzendes dazu gelernt.

Danke dafür!

F. G.

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Invitado
10 oct 2023

Gratulation, du hast so schön und wahr geschrieben. Ich empfand es genau so. Aber auch die Musik war eine Wucht, vor allem die zwei letzten Stücke. Einzig bei Marstons mittlerem Ballett fand ich die Kostüme etwas befremdend im Vergleich zu den zwei andern Balletten, aber wenigstens irgendwie passend zur Handlung.

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