Puck legt auf und lässt die Puppen tanzen
WILLIAM SHAKESPEARE: A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM (OPERNHAUS ZÜRICH)
DIESER SOMMERNACHTSTRAUM SPIELT AUF EINEM ABBRUCHREIFEN RUMMELPLATZ

Poetisch. Zauberhaft. Witzig. Sinnlich. So könnte man Shakespeares irrlichternde Komödie «Ein Sommernachtstraum» beschreiben. Und genau so klingt auch Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertouvertüre. Ein singulärer Wurf, mit dem der jugendliche Komponist im August 1826 die erlesene Gästeschar anlässlich einer Sonntagsmusik im Gartensaal seines großbürgerlichen, kunstliebenden Elternhauses zu Berlin überraschte.
Erstaunlich und zugleich berührend, wie treffsicher der 17-Jährige den Geist und die Atmosphäre des Stücks mit untrüglichem Sensorium erfasste: Vier geheimnisvolle Bläser-Akkorde, einer Beschwörungsformel gleich, öffnen das Tor zu einer anderen Welt. In flirrenden Streicherläufen huschen sodann die Elfen in Pucks Gefolge vorbei, lyrische Melodien besingen die Liebenden, Fanfaren, rüpelhafte Tanzrhythmen und ein derb-komisches Eselswiehern sorgen für Kontraste. Mit leichter Hand verwandelt Mendelssohn Traum, Liebeswirren und Schalk in Töne – ein klangmagisches, farbenreiches Tongemälde, das keiner weiteren Bebilderung bedarf. Mehr noch: Sie stört fast.

Ein Klangkosmos, der keine Bilder braucht
Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang gern an die Ouvertüre zur «Zauberflöte», die unlängst in diesem Haus vor geschlossenem Vorhang erklang: Im spannungsvollen Dunkel des Theaterraums ereignete sich da ein eigenartig elektrisierendes Hörerlebnis, wie es im hellen Konzertsaal kaum zu erfahren ist.
In der aktuellen Produktion dagegen öffnet sich der Vorhang bereits beim Verklingen des tastenden ersten der vier Akkorde. Und noch während der unerwarteten harmonischen Wendung nach Moll, die jenen wundersamen Schwebezustand erzeugt, platzen die Protagonisten herein und unterlaufen damit die Magie der Musik.
Die Zürcher Ballettdirektorin Cathy Marston – gebürtige Britin, zu deren DNA die Werke Shakespeares nach eigenen Worten gehören – verfährt recht frei mit der komplexen und nicht selten verwirrenden Komödie, die um 1595 entstanden sein dürfte, etwa zeitgleich und sozusagen als burlesk-verspieltes Gegenstück zum tragischen Liebesdrama «Romeo and Juliet», das sie vor Jahresfrist ebenfalls auf die hiesige Bühne gebracht hat.



Amouröse Irrungen und Wirrungen
Man mag dieses vorzeitige «Lüften des Vorhangs» bedauern. Doch gleichzeitig nutzt Marston diesen sehr direkten und handfesten Einstieg, um uns in die dramaturgische Ausgangslage einzuführen: Aus einer Schar zufälliger Passanten schälen sich die beiden Liebespaare, die sich im Wald – und in ihrer überhitzten Gefühlswelt – verirren, verlieren und wiederfinden. Vier junge Menschen werden in einem akrobatischen Pas de Quatre von der Allmacht der Liebe durchgewalkt: kopfüber, kopfunter, überkreuz, verquer, widerspenstig verkeilt und hingebungsvoll verschlungen. Die vier entstammen zwar der Athener Jeunesse dorée, sie könnten nach aktueller Lesart aber ebenso gut in Herrliberg, Neuilly-sur-Seine oder Hampstead zuhause sein.




Doch bald entern auch die simplen Handwerker die Bühne – bei Shakespeare bekanntlich, um im Forst ein Theaterstück zu proben. Unter ihnen, sinnigerweise zum lautmalerischen I-Ah mit gestelztem Schritt heranschreitend, ist auch der arg gebeutelte Zettel/Bottom, dem später ein Eselskopf verpasst wird. Dagegen klammert die aktuelle Ballettversion das parodistische Laientheater der sechs Gesellen aus. Es ergäbe auch keinen Sinn, da der Anlass dazu fehlt: die geplante – hier ebenfalls gestrichene – Hochzeit von Theseus, dem Herzog von Athen, mit der Amazonenkönigin Hippolyta. Schade nur, dass damit auch eines der komischsten Kabinettstückchen Shakespeares entfällt.
Ebenso wird der verwunschene Wald bei Athen ersetzt durch einen profanen Rummelplatz. Dieser hat allerdings seine beste Zeit hinter sich. Hinter einem mit Stacheldrahtschlaufen gekrönten Gitterzaun rostet links, mit gefährlicher Schlagseite, eine Reitschule mit verwaisten Holzpferden vor sich hin. Rechts sticht eine Rutsche ins Bild. Im Hintergrund ahnt man schemenhaft ein Riesenrad und weitere Fahrgeschäfte – Installationen, dazu bestimmt, Schwindel, Orientierungsverlust, Magenflaute und sogar wohlige Übelkeit zu erzeugen. Im zweiten Akt sehen wir dann nur noch den einsamen Wohnwagen der Schausteller.

Mendelssohn trifft auf Turntables
Mendelssohns Musik – er selbst baute den jugendlichen Geniestreich 1842 zur vollständigen Schauspielmusik aus – wird hier ergänzt, verzahnt, kontrastiert mit dem 2006 komponierten Concerto for Turntables and Orchestra No. 1 und weiteren aktuellen Kompositionen von Gabriel Prokofjew, einem Enkel von Sergej Prokofjew. Es ist schier unglaublich, wie nahtlos sich diese doch so unterschiedlichen Welten – hier Mendelssohns romantischer Ton, dort Gabriel Prokofjews Live-Elektronik – zu einem suggestiven Ganzen zusammenfügen. Robert Houssart am Dirigentenpult des wachen Opernorchesters und Anthony Culverwell aka DJ Mr Switch, gewissermaßen Pucks Alter Ego an zwei Plattenspielern und vielen Reglern, mit überschäumender Kreativität beim Einsatz von Tricks wie Scratching, Backspins und Juggling: Gemeinsam erschließen die beiden fremdartige Klangräume, die den meisten Opernbesuchern unbekannt sein dürften, der Schreibende eingeschlossen.



Abrisskolonne statt Handwerkergilde
Der Geruch nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte ist verflogen. Nun soll der abgesperrte, verlassene Lunapark dem Erdboden gleichgemacht werden, rückgebaut im Fachjargon. Somit hat sich Shakespeares Handwerksgilde – Schreiner, Schneider, Kesselflicker & Co. – in eine zupackende Abrisskolonne verwandelt. Sean Bates, Maria Huguet, Mindi Kulashe, Caroline Perry und Dustin True in neongelben Gilets und weißen Bauhelmen gehen unerschrocken zu Werk. Kommandiert wird die Truppe von Zettel, dem Weber, der hier eine Sie ist: Yun-Su Park, so energisch wie bemüht korrekt. Als pingelige Sicherheitsinspektorin wird sie von ihren Untergebenen verspottet, auch wenn sie sich mit Einsatzplänen, Tablet und Werkzeugkiste Respekt zu verschaffen sucht; die aufmüpfige Mannschaft zurrt sie sogar mit einem rotweißen Absperrband fest. Die Equipe verblüfft immer wieder mit körperbetonten Bewegungsabläufen, die mit klassischem Tanz wenig bis nichts zu tun haben, aber vor Energie strotzen und mitunter durch großspurige Slapstick-Nummern zum Lachen reizen.


Womit die Abbruchleute indessen nicht gerechnet haben und was auch der beflissenen Inspektorin entgangen sein dürfte, ist, dass der Bezirk hinter den Gittern des Lunaparks mitnichten tot und unbewohnt ist. Hier hat sich nämlich ein geheimnisvolles Völklein von Kobolden und Elfen eingenistet, die unter dem Zepter des Feenkönigs Oberon ihr nächtliches Unwesen treiben. Dabei handelt es sich jedoch nicht um graziöse Elfchen, sondern eher um Gelichter aus der Sippe von Queen Mab, die die Menschen mit Lust und Tücke narren, foppen und triezen. Entsprechend cool ist ihre Aufmachung: derbes Schuhwerk, Cargohosen, Nietengürtel und tätowierter Oberkörper. (Für die Kostüme wie auch das Bühnenbild zeichnete Richard Hudson.) Getanzt vom Corps de ballet und Mitgliedern des Junior-Balletts, treten sie perfekt synchronisiert und präzis im Pulk auf oder einzeln, doch immer mit atemberaubenden Schrittfolgen und geballter Kraft, die an das Bewegungsrepertoire der Streetdancer und Hip-Hopper erinnern. Besonders spaßig sind die furiosen Auftritte der – natürlich unsichtbaren – Luftgeister, wenn sie mit ihrem Schabernack die geschäftigen Bemühungen der ungelenken Bauarbeiter immer wieder ins Leere laufen lassen.

Angeführt wird der Reigen unseliger Geister von Puck. Lucas van Rensburg gibt den ungezähmten Naturgeist mit hinreißendem Elan, facettenreicher Körpersprache und stupender Gelenkigkeit. Dank seines spitzbübischen Charmes wird der liebenswerte Robin Goodfellow mit dem Naturell des ewig kindlichen Peter Pan zum Sympathieträger des Feenreichs. Und des Publikums!

Unterschiedliche Paare, unterschiedliche Tanzstile
Pucks Chef ist Oberon, der mit seiner Gattin Titania den Rummelplatz betreibt. Allerdings hängt der Hausfrieden arg schief: Gezankt wird nicht, wie bei Shakespeare, um einen hübschen Knappen; stattdessen hat sie schon ihr silbernes Rollköfferchen gepackt und möchte die abgewrackte Stätte verlassen. Er, im wehenden Chiffonmantel, träumt offenbar noch immer von der verblichenen Glorie als Feenkönig. Oder, weniger ambitiös, als Schausteller? In einem ausdrucksstarken, mit leichtem Augenzwinkern unterfütterten Pas de Querelle, «bewaffnet» mit Hula-Hoop-Reifen, gerät das Paar aneinander: Brandon Lawrence mit kraftvoller Eleganz und sorgsam gehüteter Autorität. Nancy Osbaldeston, kurzfristig für eine erkrankte Kollegin eingesprungen, gibt der Elfenkönigin federleichte Grazie, passend zur Figur oft auf Spitze. Zwar kann sie auch widerborstig aufstampfen, muss sich aber schließlich doch von ihrem feinen Herrn Gemahl ins Innere des Karussells komplimentieren lassen, wo sie in Schlaf versinkt.


Inzwischen streunen auch die jungen Verliebten durchs marode Gelände oder kurven in schrottreifen Autoscootern über die Bühne. Vor allem zeigen sie, wie viele Ausprägungen ein Pas de deux haben kann. Da ist Helena (Max Richter), die sich ihrem Angebeteten, dem geckenhaften Demetrius (Chandler Dalton), wie eine Klette an den Hals hängt und mit eckigen Bewegungen hinterherstakst, obwohl dieser sie immer wieder höchst unsanft von sich stößt und ihre Füße am liebsten am Boden festkleben würde. Ganz anders bewegt sich das zweite Paar: leichtfüßig und kokett Hermia (Mia Heathcote), galant und liebestrunken Lysander (Charles-Louis Yoshiyama).


Anziehung und Abstoßung
Doch man kennt die Geschichte: Nur einiger Tropfen vom Saft einer Wunderblume bedarf es, und schon ist alles anders! Auf einem heruntergekommenen Jahrmarkt genügt dafür sogar ein leichtes Wedeln mit einer liegen gebliebenen Reitgerte. Oberon verblendet damit seine schlafende Gattin, Puck schwingt den Liebesstab über den jungen Leuten. Und als sei damit der Verwirrung noch nicht genug, prescht er, stolz wie ein Mark Aurel, auf einem Karussellgaul ins Gewühl und verpasst der glücklosen Madame Zettel einen – nein, keinen Esels-, sondern einen Pferdekopf.





Das verfehlt natürlich Shakespeares eindeutig-zweideutige Pointe und relativiert auch das wiederholt durch die gesamte Partitur schallende I-Ah-Geschrei. Dennoch ist der mit homoerotischer Spannung aufgeladene Tanz zwischen dem nun auf Freiershufen wandelnden Jahrmarktpferdchen, das eigentlich eine Stute ist, und der erwachenden Titania ein hübsches Spektakel. Und selbstverständlich verheddern sich durch Pucks «Spells» und einen magischen Zirkel von Kobolden auch die Liebesbande zwischen den vier Jungen gehörig. Der blinkende Schriftzug «Tunnel of Love» – im Englischen das harmlosere Pendant zu unserer Geisterbahn – lässt einiges befürchten.



Höchste Zeit also, den Bann rückgängig zu machen, den Zauber zu lösen. Die Paare finden zueinander, Zettel wird von ihrem Tierschädel befreit, Oberon und Titania versöhnen sich. Unter den Klängen des berühmten mendelssohnschen Hochzeitsmarsches verlassen sie Arm in Arm die Szene, einer neuen Zukunft entgegenschreitend.


Friede, Freude… und nochmals ein fulminanter Auftritt der Geisterschar, diesmal in schwarzen Tutus als Reverenz ans klassische Ballett. Man könnte jetzt die Bagger auffahren lassen. Doch Zettel zerknüllt ihren Abrissplan. Puck lässt sie in den von Oberon zurückgelassenen Zaubermantel schlüpfen und dreht mit ihr eine schwindelerregende Pirouettenfolge auf der nunmehr verlassenen Bühne… Ob die beiden es schaffen werden, dem alten Schrottplatz zu neuem Glanz zu verhelfen? Oder soll die Verbindung Puck–Zettel gar den längst verschütteten Zugang zum Reich der Täume und der Fantasie für die rationalen Sterblichen wieder auftun – und sei’s auch nur einen Spalt breit...?


Szenenbilder: © OHZ – Carlos Quesada
Der Lunapark als Schauplatz erweist sich als tragfähige Idee, zumal seine abgelebte Vergnügungswelt die Verwirrungen der Liebenden auf eine reizvoll schräge Weise spiegelt. Ein wenig gerät darüber allerdings der Zauber aus dem Blick: Wenn Titania und Oberon als Betreiber des Platzes erscheinen und sich am Ende aus dieser Welt verabschieden, verlieren die Herrscher des Feenreichs etwas von ihrer überirdischen Fremdheit. Aus dem Reich der Magie wird ein Ort, den man zwar mit Gewinn bespielen, aber eben auch ganz profan verlassen kann. Unterm Strich aber: Die gut zwei Stunden bieten Unterhaltendes fürs Auge und Spannendes fürs Ohr.
12.10.2026
Den Bericht zur erwähnten Produktion der «Zaubeflöte» finden sie hier.
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